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28.04.2008  | Aktualisiert 28.04.2008, 16:38 Uhr 
Kanada

Land voller Bodenschätze

von Gerd Braune

Kanadas Rohstoffindustrie floriert, angetrieben durch die steigenden Preise für Erdöl, Erdgas oder Diamanten. Der Staat treibt in der Arktis vor allem die Suche nach Uran voran. Experten erwarten auch hier steigende Preise.

OTTAWA. Vor zwei Jahren saß die Kanadierin Rebecca Hunter noch in den Hörsälen der Universitäten in Regina und Saskatoon und studierte Geologie. Heute ist sie verantwortlich für ein Zukunftsprojekt der Cameco Corporation in der Arktis: die Suche nach Uran westlich des Baker Lake in Nunavut. Das Turqavik-Aberdeen-Projekt ist eines von mehreren Explorationsvorhaben von Cameco, des weltgrößten Uranproduzenten. "9,5 Mill. Can-Dollar wird Cameco in diesem Jahr in Nunavut investieren", berichtet Rebecca Hunter.

Junge Geologen haben in Kanada glänzende Berufsaussichten. Die Rohstoffindustrie erlebt einen Boom, angetrieben durch die Preise für Erdöl, Erdgas, Basis- und Edelmetalle, Diamanten und Uran. Kanada ist es trotz Verflechtung mit der US-Wirtschaft weitgehend gelungen, den Folgen der Subprime-Krise zu entgehen. "Einer der Gründe, weshalb wir den Abschwung bisher vermeiden konnten, ist die Rohstoffindustrie mit starken Kapitalausgaben und stabiler Beschäftigung", sagt Douglas Vize-Chefökonom von BMO Capital Markets in Toronto. Nur ein deutlicher Rückgang der Rohstoffpreise könnte negative Folgen haben.

Kanadas Mineralienproduktion erreichte im vergangenen Jahr ein Volumen von 40,4 Mrd. Can-Dollar, ein Anstieg um 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Zuwachs war vor allem Folge des Preisanstiegs bei metallischen und nichtmetallischen Mineralien, stellen die Analysten des für Bodenschätze zuständigen Ministeriums Natural Resources fest. In diesem Betrag sind weder die Weiterverarbeitung von Rohstoffen noch die Ölsandgewinnung in der Provinz Alberta oder die konventionelle Öl- und Erdgasförderung enthalten. Der Export von Rohmineralien, verarbeiteten Rohstoffen und Kohle erreichte 2006 einen Wert von rund 75 Mrd. Dollar und stellte einen Anteil von 17 Prozent an Kanadas Exporten, die insgesamt 440 Mrd. Dollar betrugen. Auch in dieser Zahl ist das Öl nicht enthalten. Kanada produziert täglich 2,6 Mill. Barrel und will die Erdölproduktion bis 2020 auf 4,7 bis 5,3 Mill. Barrel steigern, fast ausschließlich durch den Ausbau der kapital- und energieintensiven Ölsandgewinnung. Derzeit fördert das Land noch zu gleichen Teilen konventionelles Öl aus Brunnen und unkonventionelles aus Ölsand.

Zwar hat der dramatische Anstieg des Ölpreises die Profitabilität des kanadischen Ölsandes gestärkt, aber die anderen Rohstoffe profitierten ebenfalls von dem Boom. Die Nickelförderung wurde um neun Prozent auf 245 000 Tonnen erhöht, während der Nickelwert durch den Preisanstieg um 60 Prozent in die Höhe schoss. Die Kali-Förderung - Kanada ist der größte Produzent von Kali-Dünger - wurde um 34 Prozent auf 11,5 Mill. Tonnen gesteigert.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die energie- und rohstoffhaltigste Börse der Welt.

Die Börse in Toronto mit der Toronto Stock Exchange und der TSX Venture Exchange für jüngere Unternehmen präsentiert sich als die energie- und rohstoffhaltigste Börse der Welt. Nach Angaben der TSX-Gruppe sind 57 Prozent aller börsennotierten Bergbauunternehmen und etwa die Hälfte aller Energiekonzerne an den beiden Börsen in Toronto gelistet.

Während Torontos Gewicht bei Börsennotierungen und Finanzierung zunahm - 2007 wurden weltweit 50,3 Mrd. Dollar an den Börsen finanziert, davon 17,5 Mrd. in Toronto - meldet Kanada auf einem anderen Gebiet einen Aderlass: den Verlust von Stammhäusern großer Rohstofffirmen, die auf dem Weltmarkt eine Rolle spielten.

"Kanadas Landschaft hat sich verändert", sagt Paul Murphy von PricewaterhouseCoopers in Toronto mit Blick auf Fusionen und Akquisitionen. "Wir sehen eine starke Verringerung der Zahl der kanadischen Hauptgeschäftssitze unter den 40 führenden Unternehmen." Mit der Expansion kleiner und mittlerer Explorations- und Entwicklungsunternehmen mache Kanada jetzt jedoch eine Erfahrung wie Australien in den neunziger Jahren, sagt Murphy. Im Bereich der Exploration und Entwicklung neuer Minen erlebt Kanada seit acht Jahren einen Aufschwung. 2007 wurden 2,6 Milliarden Dollar in die Exploration gesteckt, ein Drittel mehr als im Vorjahr.

Besonders vielversprechend zeigt sich dabei Uran. Eine Vielzahl kleiner Unternehmen ist hier aktiv, aber auch die ganz großen wie Cameco und die französische Areva. Wurden 2004 nur 48 Mill. Dollar in die Suche nach Depots gesteckt, waren es im vergangenen Jahr 354 Mill. Dollar. Die Atomindustrie setzt auf die Renaissance der Kernkraft. Patricia Mohr, Vizepräsidentin der Scotiabank-Gruppe in Toronto sieht die Spotpreise für Uran, die vom Rekord von 138 US-Dollar im Sommer 2007 auf derzeit 68 US-Dollar gefallen sind, mittelfristig wieder steigen und prognostiziert für 2009 einen Preis von 85 bis 90 US-Dollar. Nach Einschätzung von Analysten ist der Ausstieg von Spekulanten aus dem Urangeschäft unter anderem ein Grund für den Preisrückgang. "Aber die Lücke zwischen der Urannachfrage für Kernkraftwerke und der Minenproduktion besteht weiter", sagt Mohr.

Die Exploration am Baker Lake wird noch mindestens fünf bis zehn Jahre in Anspruch nehmen. Rebecca Hunter muss sich um ihren Arbeitsplatz erst einmal keine großen Sorge machen. Im Juni, wenn es auch in der Arktis wärmer wird, kehrt sie nach Nunavut zurück.

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