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08.07.2008 
Nach Höhenflug

Ölpreis sinkt unter 140 Dollar

Die Ölpreise sind am Dienstag unter die Marke von 140 Dollar gesunken. Trotz der deutlichen Rückgänge seit Beginn der Woche geben Experten aber keine Entwarnung. Unterdessen kann die EU im Kampf gegen die hohen Energiepreise einen Etappensieg vermelden.

Pump-Einheiten auf einem Ölfeld bei Los Angeles. Foto: dpa Lupe

Pump-Einheiten auf einem Ölfeld bei Los Angeles. Foto: dpa

HB NEW YORK/LONDON. Die Preise entwickelten sich weiterhin sehr sprunghaft und eine neue Rekordjagd jederzeit möglich, hieß es. Im frühen Nachmittagshandel rutschte der Preis für ein Barrel (159 Liter) der US-Sorte WTI zur August-Lieferung auf ein Tagestief von 138,68 Dollar. Im weiteren Handelsverlauf legte der WTI-Preis wieder auf zeitweise 139,11 Dollar zu. Das sind 2,25 Dollar weniger als späten Montagabend.

Ein Fass der Nordseesorte Brent rutschte im Handelsverlauf um 2,30 Dollar auf 139,57 Dollar ab. Am vergangenen Donnerstag hatten die Ölpreise Rekordstände von 145,85 Dollar (WTI) und 146,69 Dollar (Brent) markiert. Händler erklären den aktuellen Preisrutsch mit der Aussicht auf steigende Ölreserven in den USA. Am Mittwoch werden die neuesten Daten zu den Lagerbeständen in den USA veröffentlicht. Außerdem habe der Kurs des US-Dollar an den Devisenmärkten zuletzt wieder etwas zulegen können.

Experten rechnen aber noch nicht mit einer nachhaltigen Entspannung beim Ölpreis. Mit einem etwas schwächeren Dollar dürfte der Druck auf die Ölpreise wieder nachlassen, sagte beispielsweise der Rohstoffexperte Eugen Weinberg von der Commerzbank. Außerdem werde die Gefahr für die Ölfördereinrichtungen im Golf von Mexiko durch verheerende tropische Wirbelstürme langsam akut. Der aktuelle Hurrikan „Bertha“ habe im Atlantik bereits eine gefährliche Stärke erreicht, sagte Weinberg. Die Ölfördergebiete vor der Küste der USA dürften von diesem Sturm zwar verschont bleiben, dennoch trage dies zur allgemeinen Unsicherheit am Markt bei.

In den vergangenen Tagen wurde als möglicher Preis für die nächsten Jahre auch die Marke von 200 Dollar je Barrel genannt. OPEC- Präsident Chakib Khelil zuletzt Ölpreise von bis zu 170 Dollar für die Sommermonate prognostiziert.

Zur gleichen Zeit versuchen aber die Staats- und Regierungschefs der sieben wichtigsten Industriestaaten und Russlands (G8), die Lage am Ölmarkt zu entspannen, erklärte Energie-Experte Dave Ernsberger von Informationsdienst „Platts“ in Singapur den fallenden Ölpreis. Die G8 wollen dazu betragen, dass die Ölförderung steigt und zugleich Energie effizienter verbraucht wird. Bei dem Gipfeltreffen im japanischen Toyako betonten die G8-Politiker zugleich die Gefahr hoher Ölpreise für die Weltwirtschaft.

Im Kampf gegen die hohen Energiepreise will die EU ihre Ölreserven offen legen. Daten über die Lagerbestände sollen bald wöchentlich veröffentlicht werden, beschlossen die EU-Finanzminister am Dienstag in Brüssel. Zuvor hatte Deutschland seinen Widerstand gegen die Bekanntmachung der Reserven aufgegeben. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagte, er wolle sich der „überwältigenden Anzahl“ seiner Amtskollegen nicht entziehen. Die EU will mit der Offenlegung für mehr Transparenz im Energiesektor sorgen. Heftig umstritten bleibt in der Union, ob Mitgliedstaaten mit Steuerentlastungen für ihre Bürger auf den Höhenflug der Ölpreise reagieren dürfen. Deutschland und einige andere Länder sind strikt dagegen.

Über die Offenlegung der Ölreserven wird bereits seit drei Jahren debattiert. Gegenargumente waren für Steinbrück bisher der bürokratische Aufwand sowie die Befürchtung, spekulative Tendenzen zu fördern. Die EU-Kommission wird nun im Oktober dazu einen konkreten Vorschlag machen, der dann noch von den Ministern offiziell beschlossen werden muss.

Steinbrück untermauerte seine harte Haltung gegenüber dem französischen Vorstoß, den hohen Ölpreisen mit einer Deckelung der Mehrwertsteuer auf Mineralölprodukte zu begegnen. Er werde bei seiner Ablehnung von steuerlichen Entlastungen unter anderem von Großbritannien, den Niederlanden, Finnland, Schweden, Österreich und Slowenien unterstützt. „Es ist absehbar, dass es keine Einstimmigkeit geben wird.“ Diese ist in der EU-Steuerpolitik nötig. Steinbrück legt sich damit direkt mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy an, der die Steuerdeckelung beim EU-Gipfel im Juni vorgeschlagen hatte.

Steinbrück begrüßte den EU-Vorstoß, knapp ein Jahr nach Beginn der Finanzmarktkrise die umstrittenen Rating-Agenturen an die Leine zu nehmen. Demnach müssen sich die Agenturen registrieren und unter Aufsicht stellen lassen. EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy kündigte an, im Oktober einen konkreten Gesetzesvorschlag dazu vorzulegen. Die Agenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Schuldnern wie Staaten und Unternehmen und sind an die Finanzmärkten sehr einflussreich. Ihnen war vorgeworfen worden, in der Finanzmarktkrise nicht rechtzeitig vor drohenden Risiken bei bestimmten Finanzprodukten gewarnt zu haben.

Die hohen Ölpreise und die Rekordinflation drücken auf das Wirtschaftswachstum. Steinbrück sprach von einer wirtschaftlichen Eintrübung in Deutschland. EU-Währungskommissar Joaquín Almunia meinte, für das zweite Halbjahr dürfe man nicht zu optimistisch sein. Er will aber erst im September sagen, ob seine bisherige Vorhersage eines Wachstums von 1,7 Prozent im Eurogebiet 2008 noch zu halten ist. McCreevy sagte, es sei nicht ausgemacht, dass die Ölpreissteigerungen hauptsächlich auf das Konto von Spekulanten gingen. Er will im Herbst einen detaillierten Bericht über die Märkte vorlegen.

Steinbrück griff in ungewöhnlich scharfer Form EU-Steuerkommissar László Kovács an. Dessen Gesetzesvorschlag für verminderte Mehrwertsteuersätze auf Dienstleistungen in der EU wie etwa in der Gastronomie sei ein „wahnsinniges Sammelsurium“. Der ungarische Kommissar hatte vorgeschlagen, bei lokalen Dienstleistungen wie Wäschereien, Friseuren, Wohnungsrenovierungen sowie in der Gastronomie geringere Mehrwertsteuersätze zu ermöglichen. Steinbrück rechnete vor, in Deutschland könnte es Steuereinbußen von 3,6 Mrd. Euro geben, falls die Mehrwertsteuer in Hotels und in der Gastronomie von derzeit 19 Prozent auf sieben Prozent gesenkt würde.

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