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16.06.2008 
Riesige Vorkommen

Ölrausch in Dakota

von Anthony Effinger

Oben wogende Weizenfelder, unter der Erde das schwarze Gold: Im Norden der USA schlummern gigantische Mengen Öl unter der Erde. Farmer und Kleine Unternehmen wie Northern Oil profitieren schon jetzt vono dem Boom - und auch die Großen greifen jetzt zu.

Tief aus der Erde kommt das Öl in Montana. Foto: ReutersLupe

Tief aus der Erde kommt das Öl in Montana. Foto: Reuters

PORTLAND. John Bartelson raucht Marlboro Lights, seine Finger sind schwarz von Traktor-Schmiere und er sieht aus wie ein typischer Weizenfarmer. Aber der Schein trügt: Der Landwirt ist auf bestem Wege, reich zu werden – durch Öl. Monatlich erhält er einen Scheck über zehntausende Dollar von EOG Resources, einem Unternehmen aus Houston, das vergangenes Jahr auf seinem Land zwei Ölquellen erschloss. Der 65-Jährige sagt, er werde sich noch lange an den Tag erinnern, an dem die erste Lizenzzahlung eintrudelte: „Ich grinste bis zu den Ohren und dann ging ich in die Stadt, ein Bier trinken.“

Der Geldsegen entspringt der Bakken-Formation, einer Rohöl-Lagerstätte unter den Hartweizen-Feldern Norddakotas und Montanas, die sich nach Norden bis in die kanadischen Provinzen Saskatchewan und Manitoba erstreckt. Geht man von den Daten des Geologischen Dienstes der USA aus, dann schlummern unter den Weizenfeldern der Region gigantische Mengen Öl. Leigh Price, ein inzwischen verstorbener Experte des Geological Survey, schätzte die Gesamt-Vorräte des Bakken auf 413 Mrd. Barrel (je 159 Liter). Dagegen nimmt sich das Ghawar-Feld in Saudi-Arabien, bisher das größte Fördergebiet der Welt, mit rund 55 Mrd. Barrel winzig aus.

Zudem lässt sich das Rohöl der Bakken-Formation mit geringem Aufwand raffinieren. Wenn man es in einem Einmachglas schwenkt, hinterlässt es an den Wänden einen dünnen, honigfarbenen Film. Es ist leicht, fast wie Benzin, und hat nur einen geringen Schwefelgehalt – süß, wie Ölleute sagen.

„Dieses Spiel ist nicht aufzuhalten“, sagt Mike Reger, Vorstandschef der Northern Oil & Gas Inc. Reger hat keine schwarzen Fingernägel. Er fährt einen Geländewagen Typ Cadillac Escalade und trägt Designerjeans und Gürtel mit untertassengroßer Schnalle. Sein Fünfpersonen-Unternehmen aus der Nähe von Minneapolis besitzt auch keine Bohrtürme. Es handelt mit Schürfrechten für Bodenschätze, die es bei Grundeigentümern wie Bartelson pachtet. Derzeit hält es die Lizenzen für rund 12 000 Hektar im Bakken Norddakotas.

Bereits Regers Urgroßvater war im Williston-Basin, zu dem die Bakken-Region geologisch gehört, für Mobil Oil tätig. Auch sein Großvater, Vater und Bruder waren oder sind im Geschäft. Er selbst begann im Alter von 15 Jahren, in Montana Land für die Suche nach Öl und Erdgas zu pachten. Mit einer tragbaren Schreibmaschine hämmerte er auf dem Küchentisch der Landwirte Verträge herunter. „Das hier ist unser Becken“, sagt der 32-Jährige.

Dennoch hängt auch Regers Erfolg davon ab, ob die Bohrunternehmen das Öl aus dem Boden bekommen. Die Vorräte im Bakken sind in 3,2 Kilometern Tiefe in einer Schicht Dolomit eingeschlossen, einem dichten Gestein, das Öl nicht so leicht freigibt wie Kalkfels. Dazu kommt, dass die Öl führende Dolomit-Schicht in Norddakota mit durchschnittlich sieben Metern sehr dünn ist. Die Erschließung des Felds ist also teuer – rund fünf Mill. Dollar je Bohrung – und es kann vorkommen, dass eine Quelle kein Geld bringt oder das Öl nur spärlich fließt. „Man hat Schwankungen“, sagt John Gerdes, Öl- und Gas-Analyst bei SunTrust Robinson Humphrey in Houston. „Es kommt auf das Gestein an, es kommt auf die Leute an.“

Mit heutigen technischen Mitteln lassen sich aus dem Bakken-Feld bis zu 4,3 Mrd. Barrel Öl gewinnen, so eine Schätzung des Geologischen Dienstes vom April. Das ist nur ein Bruchteil der Menge, die dort liegen soll, wäre aber immer noch das größte Vorkommen auf dem Festland der USA. Solche Zahlen haben neben Reger auch die ganz Großen des Ölgeschäfts in die Region gelockt. Harold Hamm, der vor vielen Jahren in der Branche als LKW-Fahrer begann, hat über seine Continental Resources Lizenzen für knapp 200 000 Hektar gekauft. Auch Philip Anschutz, 68, Gründer von Qwest Communications International und Regal Entertainment Group, tummelt sich hier, sowie zwei Söhne des Milliardärs und Ölspekulanten H. L. Hunt: William H. und Ray L. Hunt mit ihren Firmen Petro-Hunt und Hunt Oil.

Gewinner ist bisher aber EOG, eine ehemalige Tochter des bankrott gegangenen Energiehändlers Enron Corp. Sie trieb im April 2006 etwas nördlich von Parshall, einem Nest in West-Norddakota, eine Horizontalbohrung in den Boden. Einen Monat später begann die Quelle zu fördern, und in den ersten sieben Tagen sprudelten 1 883 Barrel Öl aus der Erde. Anders als andere Senkrechtbohrungen ist die Anlage nach wie vor aktiv; im März lag die Produktion bei 2 05 Barrel.

Reger erfuhr damals von dem Fund über einen Anwalt aus Montana und jagte sofort seinen Bruder J. R. los, damit er so viele Lizenzen so nahe wie möglich an der Fundstelle erwarb.

Regers Partner, der ehemalige Derivate-Händler Ryan Gilbertson, berichtet: Northern Oil pachtete im Mountrail County so viele Schürflizenzen wie nur möglich – obwohl die Preise durch die Decke gingen: „Wir haben einfach mit beiden Händen zugegriffen.“ Dabei hätten sie davon profitiert, dass viele ältere Akteure wegen schlechter Erfahrungen aus früheren Crashs zauderten. Testosteron spielt bei dem Geschäft ganz offensichtlich eine Rolle: „Wir tragen Cowboystiefel und Waffen, hören Country-Musik und sind Scheißkerle“, sagt er.

Selbst wenn sie keine einzige weitere Schürflizenz erwerben würden, wären er und Gilbertson jetzt reiche Männer, sagt Reger. „Ich könnte mich zwei Jahre lang unter dem Schreibtisch aufs Ohr hauen und würde als Held aufwachen.“ Seit Ende März hat sich der Aktienkurs von Northern Oil etwa verdoppelt. Regersons 14-Prozent-Anteil an Northern ist über 60 Mill. Dollar wert. Gilbertson besitzt ein Aktienpaket im Wert von 30 Mill. Dollar. Der Aktienkurs des Wettbewerbers Whiting Petroleum hat sich in zwölf Monaten mehr als verdoppelt.

Auch die Schecks von Bartelson dürften künftig höher ausfallen. Erst kürzlich habe eine neue EOG-Förderstätte den Betrieb aufgenommen, so der Landwirt, und eine weitere habe die Bohrerlaubnis erhalten. Er selbst tut bis auf weiteres, was er bisher gemacht hat: Weizen anbauen. Der Ölmarkt sei unbeständig, sagt er. Frühere Einbrüche hätten die Bohrtürme für Jahre aus Norddakota verschwinden lassen – das Getreide blieb. „Es wird wieder einen Crash geben“, sagt Bartelson und nimmt neben seinem Traktor einen Schluck Kaffee. Vielleicht, vielleicht auch nicht: Bei Ölpreisen von über 130 Dollar könnte es diesmal lange dauern, bevor die Bohrtrupps wieder abziehen. Bis dahin ist John Bartelson möglicherweise ein wohlhabender Mann.

Geologie in der Bakken-Formation

Katzengold Jahrzehnte lang galt der Bakken als das Katzengold der Ölbranche. In rund drei Kilometern Tiefe verläuft dort eine geologische Dreierformation: zwei dünne Lagen schwarzen Schiefers, von denen aus Öl in eine dazwischen gelegene Dolomit-Schicht sickert. Benannt ist die Lagerstätte nach Henry O. Bakken, einem Landwirt aus North Dakota, auf dessen Land in den 1950er Jahren der erste Bohrturm zur der Formation vorstieß.Zusammen sind die drei Schichten nur 45 Meter stark. In älteren, senkrechten Bohrungen floss das Öl daher oftmals nur für wenige Wochen und versiegte dann.

Fortschritt Heute sind Unternehmen wie Brigham Exploration aus dem texanischen Austin, Whiting Petroleum aus Denver oder die EOG in der Lage, waagrecht zu bohren. So können sie bis zu 1 400 Meter lange horizontale Tunnel in den Bakken-Dolomit treiben und damit mehr Öl führendes Gestein freilegen. Zuletzt wird unter hohem Druck Wasser und Sand in das Loch gepumpt, um den Dolomit aufzusprengen und Risse zu schaffen, durch die das Öl dann austreten kann.

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