"Noch existiert kein robuster Spotmarkt mit international ausreichendem Gashandel", sagte der Herausgeber des Hamburger Fachblatts Energie Informationsdienst (EID), Heino Elfert, dem Handelsblatt. "Wir brauchen daher langfristige Kontrakte mit flexiblen Preiselementen, die Erdgas gegenüber den Konkurrenzenergien wettbewerbsfähig halten". Ohne die großen Player mit vertikal integrierten Einheiten von der Produktion über den Transport bis zu einer kalkulierbaren Endverteilung gehe es nicht. Diese Unternehmen müssten gleichzeitig in ihrer Preis- und Vertragspolitik frei agieren dürfen, und zwar ohne Restriktionen sowie Auflagen durch die Kartellbehörden.
Gerade vor dem Hintergrund staatlicher Giganten wie der russischen Gazprom
ist Vorsicht beim Eingriff der Wettbewerbsbehörden in die westeuropäischen Marktstrukturen angebracht. Denn konkurrenzorientierte Einflussnahmen in den Gasproduzentenstaaten sind im Gegenzug nicht möglich. Auch wenn keine einseitigen Abhängigkeiten zwischen den europäischen Abnehmern und den Anbietern aus Russland, Norwegen oder Nordafrika und künftig dem Kaukasus bestehen, entwickelt sich die Machtbalance zugunsten der Produzenten. "Wenn wir in Deutschland aus der Kernenergie und aus Kohlegroßkraftwerken aussteigen, wachsen unsere Erdgasimporte schon dramatisch", schätzt Hans W. Schiffer, Energieanalyst bei RWE Power in Essen. "Die bislang erreichte Diversifikationsstärke zu behaupten, fällt immer schwieriger aus, je mehr wir das Erdgas in die Grundlast unserer Kraftwerke lenken", resümiert er. "Dann droht am Ende eine Gas-Opec -Falle."
Dabei stünden die Chancen für eine ausbalancierte Gasversorgung für Deutschland und Europa außerordentlich günstig, wenn in der Verstromung ein vernünftiges Energieportfolio, Erdgas als eine Brücke neben Kohle, Kernenergie und Erneuerbaren, politisch toleriert würde, meint Schiffer. Sowohl die Internationale Energieagentur in Paris mit ihrem "World Energy Outlook 2007" als auch die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover beurteilen die Gasversorgungsperspektiven in ihrem Bericht optimistisch.
Die Aussagen der Experten aus Hannover lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Erdgas sei aus geologischer Sicht "in ausreichender Menge vorhanden, um noch über Jahrzehnte die absehbare Versorgung der Verbraucher zu gewährleisten". Aus heutiger Sicht könne ein moderat steigender Erdgasbedarf für die meisten Erdgasmärkte durch zusätzliche Lieferungen gedeckt werden. Der Erdgaspreis werde "maßgeblich durch die im Vergleich zu Erdöl und Kohle deutlich höheren spezifischen Transportkosten bei zum Teil großen Entfernungen zwischen Produzenten und Verbrauchern" beeinflusst. Die Schaffung neuer notwendiger Kapazitäten in Produktion und insbesondere Transport erfordere eine langfristige Bindung großer Finanzmittel. Der europäische Markt habe künftig Zugang zu knapp 70 Prozent des Welt-Gesamtpotenzials für konventionelles Erdgas, lautet das Fazit der Bundesanstalt.
