Das Jahr 2007 hat Anleger, die in Rohstoffe investiert haben, weitgehend verwöhnt. Besonders Agarprodukte erlebten einen Boom. Für das kommende Jahr waren Experten jedoch vor überzogenen Erwartungen: Die Rohstoffmärkte bergen zwar weiterhin viele Chancen, allerdings lauern auch Risiken.
LONDON. Selbst ein Einbruch des amerikanischen Wirtschaftswachstums würde Anleger nicht vor weiteren Engagements in Rohstoffen zurückschrecken lassen. Darüber waren sich die Großanleger auf einer Konferenz der britischen Investmentbank Barclays Capital in New York nahezu einig. Über die Hälfte der Befragten wollen über die nächsten drei Jahre mindestens zehn Prozent ihrer Gelder in Rohstoffen anlegen. Vor zwei Jahren war gerade jeder sechste dazu bereit. Analysten favorisieren Agrarrohstoffe.
Doch das Jahr 2008, warnt Hussein Allidina von Morgan Stanley, wird erneut starke Nerven von Anlegern verlangen. Dies gelte besonders dann, wenn sie ihr spekulatives Glück erneut in den Metallen suchen sollten. „Wir erwarten zwar eine milde Rezession in den USA“, so Allidina, doch diese könnte einige Preise unter das Niveau absacken lassen, das von den „fundamentals“ – dem grundlegenden Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage – her, gerechtfertigt wäre. Ein Nachfragerückgang werde aber nur von kurzer Dauer sein, langfristig bestünden unverändert strukturelle Versorgungsengpässe. Damit biete jeder Preisrückgang „eine gute Einstiegschance“, meint Allidina.
Bei dieser weit verbreiteten vorsichtig-optimistischen Einschätzung blicken die Analysten vor allem auf die Industriemetalle. Hier sind die Preise wegen der wachsenden Rezessionsgefahr in den USA und unter dem Druck sinkender Aktienkurse von den Rekordständen steil abgestürzt. Beispiel Nickel: Noch im Mai kostete das Metall bis zu 54 000 Dollar je Tonne, heute sind es knapp 26 000 Dollar. Kupfer fiel von 8 300 Dollar auf rund 6 500 Dollar je Tonne zurück und Blei gab seit dem Allzeithoch von 3 900 auf gut 2 500 Dollar nach.
Die Terminkurse am „längerem Ende“ sind bei den meisten Metallen aber weitgehend stabil geblieben sind. Dies wertet Kevin Norrish als Beleg dafür, „dass die Preisschwäche bei den Industriemetallen nur vorübergehender Natur ist“. Die grundlegende Versorgungslage sei nach wie vor knapp. Das drücke sich auch im „Contango“ bei der Preisstruktur aus, bei der sämtliche Terminpreise die Kassapreise übertreffen. Michael Lewis von der Deutschen Bank warnt indes vor verfrühten Neuengagements: „Die Erfahrung früherer US-Wirtschaftszyklen zeigt, dass Zink, Nickel, Kupfer und Blei in der ersten Monaten einer Zinssenkungsrunde besonders schlecht abschneiden“.
Wachsam sollten Anleger auch wegen möglicher Sonderentwicklungen einzelner Metalle sein. So fiel der Zinkpreis 2007 um mehr als ein Drittel, während sich der Bleipreis vorübergehend mehr als verdoppelte. Und selbst nach der scharfen Korrektur notiert Blei immer noch um knapp 40 Prozent über dem Jahresanfangsniveau.
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Doch auch hier warnt Michael Lewis: Beide Metalle würden 2008 als erste des Sektors Angebotsüberschüsse aufweisen, nicht zuletzt wegen der erweiterten Produktionskapazitäten Chinas. Bei Aluminium werde das Riesenreich dagegen ab dem zweiten Halbjahr als Netto-Importeur am Weltmarkt auftreten. Tobias Merath von der Credit Suisse räumt hingegen eher Kupfer gute Chancen ein; China könnte dem meistgehandelten Industriemetall, durch steigende Importe neuen Auftrieb geben. Die Mehrheit der Analysten sieht allerdings bei Aluminium das größte Aufwärtspotenzial 2008.
Die auf der Rohstoffkonferenz von Barclay Capital in New York versammelten Spezialisten ziehen daraus ihre eigenen Schlüsse. 60 Prozent von ihnen wollen ihre Anlagen in Rohstoffe künftig noch gezielter als bisher „strukturieren“, statt etwa „pauschal“ in Indexprodukte zu investieren. Merrill Lynch rät für das kommende Jahr zu Nickel. Der Preis für das Legierungsmetall sei weit genug gefallen und könne schon bald von „einer nachhaltigen Erholung“ profitieren. Die Hersteller von Edelstahl – die 60 Prozent des gesamten Nickelangebots aufnehmen – würden nach einem aggressiven Lagerabbau schon bald zu ihrem normalen Produktionsvolumen zurückkehren.
Einhellig optimistisch sehen die Experten den Agrarsektor. Der Optimismus ruht nicht zuletzt auf den jüngsten Ernte- und Vorratsschätzungen des US-Agrarministeriums. Danach sind die Welt-Weizenvorräte auf den niedrigsten Stand seit 34 Jahren abgesackt. Und die Bestände an Sojabohnen drohen 2007/08 angesichts der geringeren Ernte in den USA und befürchteter Dürreschäden in Brasilien und Argentinien um fast 70 Prozent schrumpfen. Verschärft wird die Situation durch den rapide wachsenden Bedarf Chinas. Das Land habe seine Sojabohnen-Einfuhren aus den USA seit September um fast 30 Prozent gesteigert.
Die Mais-Investoren ziehen ihren Optimismus aus der Verarbeitung des Getreides zu Ethanolkraftstoff. 2009/10 wird nach Schätzungen des US-Agrarministerium ein größerer Teil der amerikanischen Ernte in die Ethanolherstellung gehen als in den Nahrungs- und Futtermittelsektor. Goldman Sachs rechnet wegen eines weltweiten Versorgungsdefizits bis Ende 2008 mit einem Maispreis von bis zu 5,30 Dollar je Bushel gegenüber heute knapp 4,50 Dollar. Sojabobohnen werden der Prognose zufolge von 11,50 auf gar 14,50 Dollar je Bushel steigen.
Bereits in diesem Jahr waren die Getreidepreise überdurchschnittlich stark gestiegen. Der Preis für US-Weizen hat sich verdoppelt sich, die Soja-Notierungen stiegen über 70 Prozent auf den höchsten Stand seit 34 Jahren und Mais hat sich seit Jahresbeginn um knapp 20 Prozent verteuert. Die Experten von Merrill Lynch sind daher etwas vorsichtiger in ihrer Prognose. Sie glauben, dass die Preise für Weizen und Mais 2008 „eine Atempause“ einlegen werden. Sojabohnen seien dagegen wegen der Verringerung der US-Anbaufläche um etwa ein Sechstel 2007/08 besser abgestützt als andere Getreide. Die Soja-Farmer waren im Frühjahr in großen Stil auf Mais umgestiegen, weil dessen Anbau zu der Zeit lukrativer erschien als die Einsaat von Weizen.
