Glaubt man jetzt der Mehrheit der Öl-Experten, dann ist in den heutigen Rohölpreisen eine „Spekulationsprämie“ von zehn bis 20 Dollar je Barrel enthalten. Doch selbst wenn dieser Aufschlag wegfällt: 50 Dollar wird das Barrel wohl nie mehr kosten. Welche Branchen von den hohen Preisen profitieren - und welche leiden.
LONDON/FRANKFURT/DÜSSELDORF. Politische Spannungen zwischen den USA und Iran haben den Ölpreis auf ein Rekordhoch getrieben. Sorgen über die Ölversorgung heizten Spekulationen an, dass der Ölpreis schon bald die 100-Dollar-Marke überschreiten könnte.
Einig sind sich Öl-Experten nur in einem: Kaum eine Anlageklasse ist so schwer zu prognostizieren wie das schwarze Gold. Deshalb ist es umso wichtiger, Mehrheits- und Mindermeinungen zu berücksichtigen. Zumindest in den vergangenen Jahren behielt stets das kleine Lager der Skeptiker recht, das rasant steigende Ölpreise prophezeit hatte.
Glaubt man jetzt der Mehrheit, dann ist in den heutigen Rohölpreisen eine „Spekulationsprämie“ von zehn bis 20 Dollar je Barrel enthalten. Damit ist gemeint, dass vor allem Sorgen und Ängste den Preis hochhalten. Dementsprechend sollten die Preise in Zukunft sinken.
» Infografik: Welche Faktoren den Ölpreis seit 1970 antreiben
Zum Wochenbeginn stieg in New York der Preis für die US-Sorte West-Texas Intermediate (WTI) erstmals über die Marke von 93 Dollar gestiegen. In Europa kostete die maßgebliche Sorte Brent am Montag zum ersten Mal mehr als 90 Dollar. Neben den Spannungen in Iran verunsicherte die Situation in Nigeria. Hier wurde ein Öltanker des italienischen Eni-Konzerns von Bewaffneten angegriffen. Im größten Ölförderland Afrikas kommt es immer wieder zu Angriffen auf die Ölindustrie. Ursache ist ein Streit zwischen Ölkonzernen und Gemeinden um die Verteilung des Ölreichtums.
Am Markt hieß es, vor dem Hintergrund der politischen Spannungen fließe immer mehr spekulatives Geld in die Energiemärkte. „Nach der Subprime-Krise haben zahlreiche Pensionskassen und andere institutionelle Investoren die Rohstoffmärkte als Alternative für Kapitalanlagen entdeckt“, sagt Wolfgang Kraus von der Bayerischen Landesbank.
Die Rohölpreise dürften sich deshalb kaum auf dem hohen Niveau halten, meinen die meisten Rohstoff-Analysten. Bei einer Entspannung der politischen Lage dürfte ein Teil der Risikoprämie wieder abgebaut werden. Der Durchschnittspreis für das Jahr 2008 wird von den 15 vom Handelsblatt befragten Experten beim amerikanischen WTI-Öl im Jahresmittel bei 70,25 Dollar je Barrel gesehen. Das wäre ein Rückgang um fast ein Viertel. Für die beiden folgenden Jahre wird dann von den meisten Fachleuten mit einer weiteren Entspannung der Lage und einem Preisrückgang unter 65 Dollar gerechnet.
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Edward Morse, Chef-Energieökonom der Investmentbank Lehman Brothers, beobachtet seit August eine massiven Rückkehr von Finanzinvestoren in den Ölmarkt. Dadurch würden die Preise zusätzlich nach oben getrieben. „Die Finanzmärkte haben den Ölpreis 2006 gedrückt, jetzt treiben sie ihn wieder hoch.“
Vor allem auf dem Markt für Öl-Terminkontrakte wächst der Einfluss der Finanzinvestoren seit Jahren. In jüngster Zeit investierten verstärkt Pensionsfonds, sagt Leo Drollas, Chefvolkswirt des CGES. Mit ihrer geballten Finanzkraft könnten sie den Markt noch viel stärker bewegen als Hedge-Fonds. Derzeit verdienten sie Renditen von mehr als zehn Prozent, wenn sie einen Drei-Monats-Kontrakt mit dem nächsten ablösten.
Doch einige Analysten prognostizieren einen anhaltend hohen Rohölpreis. „Die in Zukunft zu erwartende Konstellation von Angebot und Nachfrage spricht eindeutig dafür, dass der WTI-Preis im Jahr 2008 durchschnittlich bei 80 Dollar liegen wird“, sagt Jim Rollyson, Energie-Experte der US-Investmentbank Raymond James. „Wir halten ein hohes Preisniveau am Rohölmarkt für gerechtfertigt“, sagt auch Kraus. Er stellt im Hause der Bayerischen Landesbank ein Umdenken fest. Ein Rückgang des Ölpreises auf 50 Dollar je Barrel sei kaum mehr denkbar. Ein anhaltend hoher Ölpreis sei schließlich auch unter dem Aspekt wünschenswert, dass Verbraucher sparsam mit Energie umgingen und die Forschung nach alternativen Energiequellen vorangetrieben werde.
Experten, die hohe Ölpreise prognostizieren und damit in der Minderheit sind, halten wenig von der These, wonach eine Risikoprämie den Ölpreis oben hält. Spekulatives Geld könne „kaum als dominante Kraft hinter dem Preisanstieg angeführt werden“, schreibt Kevin Norrish, Ölanalyst der Investmentbank Barclays Capital. Im Gegenteil: Das Angebotsdefizit habe ein Ausmaß erreicht, das die höheren Preise rechtfertige. „Die Frage ist nicht, ob wir 100 Dollar je Barrel erreichen, sondern wann.“
Das Londoner Centre for Global Energy Studies scheint diese These zu stützen. Danach lag die tägliche Ölproduktion in den ersten drei Quartalen nur um 200 000 Barrel höher als vor zwei Jahren. Hingegen stieg aber die Nachfrage täglich um 1,3 Mill. Barrel. „Die Spekulanten folgen eher den Preistrends, als sie zu setzen“, sagt David Long, Direktor der Beratungsfirma Oxford Petroleum Research Associates. Neben der knappen Produktion halte die starke Nachfrage nach Benzin den Preis hoch. Dieser Trend wird nach Einschätzung der Internationalen Energie-Agentur durch gewaltige Preissubventionen in Schwellenländern wie China und Indien gefördert.
Der steigende Ölpreis erhöht den Druck auf die Autoindustrie, in ihrer Modellpalette verstärkt spritsparende Fahrzeuge anzubieten. Der frühere BMW-Chefvolkswirt und heutige Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation, Helmut Becker, glaubt, dass bei einem abrupten Anstieg des Ölpreises auf 100 Dollar je Barrel die Hälfte der deutschen PKW-Flotte unverkäuflich wäre, weil die Hersteller beim Umweltschutz bisher zu wenig reagiert hätten.
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Unter dem Druck der Klimadebatte haben inzwischen aber alle großen Autobauer begonnen, verbrauchsarme Fahrzeuge anzubieten. BMW dehnt seine „Efficient Dynamics“-Strategie, die mehr Leistung bei geringerem Gewicht und geringerem Verbrauch zum Ziel hat, auf nahezu die gesamte Modellpalette aus. VW rückt sein Umweltlabel Blue Motion in den Vordergrund und hat mehrere Sparmodelle, darunter einen VW Golf mit 4,5 Litern Verbrauch, auf den Markt gebracht, und Mercedes arbeitet an einer S-Klasse, die weniger als fünf Liter verbrauchen soll.
Viele Experten sehen deshalb die Lage deutlich entspannter als Becker. Die Autofahrer würden sich nicht vom Automobil grundsätzlich abwenden, sondern vermehrt zu verbrauchsarmen Fahrzeugen greifen, mutmaßen sie. Dies könnte sogar dazu führen, dass die Branche neue Impulse erhalte, weil angesichts der hohen Benzinpreise die Attraktivität steige, auf ein neues, sparsames Modell umzusteigen.
Der hohe Ölpreis dürfte zudem dafür sorgen, dass alternative Antriebsformen wie die Brennstoffzelle früher an den Punkt kommen, an dem sie wirtschaftlich werden. Noch machen den Wasserstoff-Antrieb neben technischen Problemen deutlich höhere Fahrzeugkosten vergleichsweise unattraktiv. Auch der Einsatz von Biokraftstoffen dürfte forciert werden, um die Abhängigkeit vom Öl zu verringern. Viele Automanager rechnen deshalb mit einem geringeren Einfluss der hohen Kraftstoffpreise auf den Autoabsatz als noch zu Zeiten der letzten Ölkrise vor 20 Jahren.
Kratzer im Autoabsatz hinterlassen die seit Monaten hohen Mineralölpreise bei den Herstellern bisher nicht. Der Automobilabsatz in Westeuropa zeigte in den ersten neun Monaten dieses Jahres bisher sogar ein leichtes Wachstum. Viele Kunden greifen unverändert zu schweren Autos wie Geländewagen, die nicht im Ruf stehen, besonders spritsparend zu sein. So zeigen die Zulassungszahlen auf dem größten Automarkt Europas, Deutschland, für die Offroader ungeachtet der Klimadebatte als einziges großes Fahrzeugsegment weiter nach oben, obwohl der deutsche Markt sich rückläufig entwickelt.
Die Entwicklung ist auf den ersten Blick paradox: Der Ölpreis steigt auf immer neue Höchststände, die Ölmultis melden in diesen Tagen aber kräftige Gewinnrückgänge. Durch die Bank werden die Unternehmen von Engpässen bei der Produktion und sinkenden Raffineriemargen geplagt. Hinzu kommt aber auch eine Vielzahl an individuellen Problemen: zu hohe Kosten, verschleppte Restrukturierungen und eine Reihe an ungeplanten Ausfällen.
Am heftigsten hat es die britische BP getroffen. Das Unternehmen gab in der vergangenen Woche bekannt, dass der Gewinn vor Sondereffekten durch die Neubewertung von Lagerbeständen im dritten Quartal um 45 Prozent eingebrochen ist. Europas größter Ölkonzern Shell büßte immerhin acht Prozent ein. Die Ölmultis können vor allem die hohen Raffineriemargen der vergangenen Jahre nicht mehr halten. Die dramatischen Preissteigerungen bei Rohöl lassen sich – unter anderem wegen sinkender Nachfrage – nicht im selben Maße für Benzin und Diesel weitergeben. Die Spanne zwischen Roh- und Raffinerieöl hat sich von Anfang Juli bis Ende September von über 20 auf knapp sieben Dollar je Barrel verringert – und ist inzwischen noch weiter gesunken. Die Unternehmen haben zudem in den vergangenen Jahren zu wenig in ihre Anlagen investiert und müssen jetzt bei Nachbesserungen Höchstpreise an Zulieferer – etwa für Stahl – bezahlen.
Alle Konzerne klagen zudem über sinkende Produktion: Bei BP verzögerten sich etwa die Reperaturarbeiten bei beschädigten Plattformen im Golf von Mexiko und fiel eine Pipeline in der Nordsee aus. Shell musste auf politischen Druck den Anteil am russischen Gas- und Ölfeld Sachalin verringern. Conoco-Phillips zog sich ebenfalls aus politischen Gründen jüngst aus Venezuela zurück.
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Seit mehreren Jahrzehnten bereits ist Erdöl der wichtigste Rohstoff für die chemische Industrie. Auf den ersten Blick liegt es insofern nahe, aus steigenden Ölpreisen eine gravierende Belastung für die Branche abzuleiten. Ganz so einfach sind die Zusammenhänge aber nicht. Die Erfahrungen der näheren und ferneren Vergangenheit sprechen eher dafür, dass steigende Ölpreise ein Segen für weite Teile des Chemiesektors sind.
So ging der Ölpreisanstieg der vergangenen Jahre mit einem regelrechten Boom und einer Explosion der Gewinne in der petrochemischen Industrie einher. Immerhin haben sich die Erträge dieses Sektors seit 2002 nahezu verfünffacht. Und auch im laufenden Jahr dürften die meisten Chemiehersteller trotz hoher Ölpreise mit starken Erträgen aufwarten.
Der Zusammenhang ergibt sich in erster Linie daraus, dass die Branche die steigenden Rohstoffkosten relativ schnell und einfach in ihren eigenen Abgabepreisen weiterreichen konnte. Vor allem die Hersteller von petrochemischen Basis-Chemikalien und -kunststoffen, das heißt Firmen, die auf einer Veredlungsstufe nahe am Rohöl oder Erdgas operieren, konnten diese Preisanpassungen in den vergangenen Jahren zu deutlichen Ertragsverbesserungen nutzen. Sie profitierten zusätzlich von einem kräftigen Wachstum der Mengennachfrage und hoher Auslastung der Anlagen. Solange die Konjunktur nicht gebremst wird, gilt daher auch ein dauerhaft hoher Ölpreis aus Sicht von Chemieexperten nicht unbedingt als Bedrohung für die Branche. „Wesentlich ungünstiger wären hohe Schwankungen im Ölpreis“, sagt Jürgen Reck, ein Chemieexperte von Sal. Oppenheim.
Etwas differenzierter ist die Situation in der Spezialchemie. Unternehmen in diesem Segment konzentrieren sich darauf, petrochemische Basischemikalien zu höherveredelten Chemieprodukten zu verarbeiten, die wiederum von Endproduktherstellern etwa in der Bau,- Automobil- oder Konsumgüterindustrie verwendet werden. Diese Spezialchemiefirmen befinden sich in einer Art „Sandwich-Position“, in der es wesentlich schwieriger ist, Preissteigerungen weiterzureichen. Ihre Abnehmer stehen überwiegend unter starkem Preisdruck und verfügen häufig über eine hohe Marktmacht im Einkauf von Vorprodukten.
Die Erträge im Spezialchemiesektor entwickelten sich daher wesentlich moderater als in der Petrochemie. Allerdings haben sich auch hier in jüngerer Zeit die Bedingungen für Preiserhöhungen tendenziell verbessert.
Wärmepumpen gehören eindeutig zu den Gewinnern der hohen Öl- und Gaspreise. „Immer wenn der Ölpreis steigt oder Putin den Gashahn zudreht, boomt der Absatz“, sagt Karl-Heinz Stawiarski, Geschäftsführer des Bundesverbands Wärmepumpe. Zurzeit sind in Deutschland nach Angaben des Verbandes 200 000 bis 220 000 Wärmepumpen installiert. Allein im vergangenen Jahr kamen rund 50 000 dazu, im Jahr davor waren es lediglich 20 000. „Die Leute suchen bei hohen Energiepreisen nach Alternativen“, sagt Stawiarski. Inzwischen werden Wärmepumpen auch für große Objekte wie Büros oder Gewerberäume eingesetzt und können im Sommer auch kühlen.
In den 70er-Jahren, bei der ersten Ölkrise, gab es bereits einen Boom für Wärmepumpen. Doch die Verbraucher kehrten zu Gas und Öl zurück, als sich die Preise wieder normalisierten. Auch waren die Häuser damals noch nicht so gut gedämmt und die Heizungen auf Niedertemperaturen ausgelegt, dass Wärmepumpen eine dauerhafte Alternative gewesen wären.
Für dieses Jahr erwartet Marktführer Stiebel Eltron für den Markt nur einen Zuwachs von zehn bis 20 Prozent, weil der Neubau stark zurückgegangenen ist.
Größter Wärmepumpenmarkt in Europa ist aber Schweden, wo die Wärmepumpen einen Anteil von 90 Prozent haben und knapp 100 000 Wärmepumpen pro Jahr installiert werden. Auch die Schweiz ist ein großer Markt für Wärmepumpen. Stawiarski erklärt dies damit, dass diese Länder kein großes Erdgasnetz haben und auch nationale Heizungsanbieter nicht sehr bedeutend sind. In Frankreich wächst der Absatz von Wärmepumpen seit einigen Jahren stark. Grund ist, dass Frankreich im Gegensatz zu Deutschland ein Förderprogramm für Wärmepumpen aufgelegt hat.
