Edward Morse, Chef-Energieökonom der Investmentbank Lehman Brothers, beobachtet seit August eine massiven Rückkehr von Finanzinvestoren in den Ölmarkt. Dadurch würden die Preise zusätzlich nach oben getrieben. „Die Finanzmärkte haben den Ölpreis 2006 gedrückt, jetzt treiben sie ihn wieder hoch.“
Vor allem auf dem Markt für Öl-Terminkontrakte wächst der Einfluss der Finanzinvestoren seit Jahren. In jüngster Zeit investierten verstärkt Pensionsfonds, sagt Leo Drollas, Chefvolkswirt des CGES. Mit ihrer geballten Finanzkraft könnten sie den Markt noch viel stärker bewegen als Hedge-Fonds. Derzeit verdienten sie Renditen von mehr als zehn Prozent, wenn sie einen Drei-Monats-Kontrakt mit dem nächsten ablösten.
Doch einige Analysten prognostizieren einen anhaltend hohen Rohölpreis. „Die in Zukunft zu erwartende Konstellation von Angebot und Nachfrage spricht eindeutig dafür, dass der WTI-Preis im Jahr 2008 durchschnittlich bei 80 Dollar liegen wird“, sagt Jim Rollyson, Energie-Experte der US-Investmentbank Raymond James. „Wir halten ein hohes Preisniveau am Rohölmarkt für gerechtfertigt“, sagt auch Kraus. Er stellt im Hause der Bayerischen Landesbank ein Umdenken fest. Ein Rückgang des Ölpreises auf 50 Dollar je Barrel sei kaum mehr denkbar. Ein anhaltend hoher Ölpreis sei schließlich auch unter dem Aspekt wünschenswert, dass Verbraucher sparsam mit Energie umgingen und die Forschung nach alternativen Energiequellen vorangetrieben werde.
Experten, die hohe Ölpreise prognostizieren und damit in der Minderheit sind, halten wenig von der These, wonach eine Risikoprämie den Ölpreis oben hält. Spekulatives Geld könne „kaum als dominante Kraft hinter dem Preisanstieg angeführt werden“, schreibt Kevin Norrish, Ölanalyst der Investmentbank Barclays Capital. Im Gegenteil: Das Angebotsdefizit habe ein Ausmaß erreicht, das die höheren Preise rechtfertige. „Die Frage ist nicht, ob wir 100 Dollar je Barrel erreichen, sondern wann.“
Das Londoner Centre for Global Energy Studies scheint diese These zu stützen. Danach lag die tägliche Ölproduktion in den ersten drei Quartalen nur um 200 000 Barrel höher als vor zwei Jahren. Hingegen stieg aber die Nachfrage täglich um 1,3 Mill. Barrel. „Die Spekulanten folgen eher den Preistrends, als sie zu setzen“, sagt David Long, Direktor der Beratungsfirma Oxford Petroleum Research Associates. Neben der knappen Produktion halte die starke Nachfrage nach Benzin den Preis hoch. Dieser Trend wird nach Einschätzung der Internationalen Energie-Agentur durch gewaltige Preissubventionen in Schwellenländern wie China und Indien gefördert.
Der steigende Ölpreis erhöht den Druck auf die Autoindustrie, in ihrer Modellpalette verstärkt spritsparende Fahrzeuge anzubieten. Der frühere BMW-Chefvolkswirt und heutige Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation, Helmut Becker, glaubt, dass bei einem abrupten Anstieg des Ölpreises auf 100 Dollar je Barrel die Hälfte der deutschen PKW-Flotte unverkäuflich wäre, weil die Hersteller beim Umweltschutz bisher zu wenig reagiert hätten.
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