Seit mehreren Jahrzehnten bereits ist Erdöl der wichtigste Rohstoff für die chemische Industrie. Auf den ersten Blick liegt es insofern nahe, aus steigenden Ölpreisen eine gravierende Belastung für die Branche abzuleiten. Ganz so einfach sind die Zusammenhänge aber nicht. Die Erfahrungen der näheren und ferneren Vergangenheit sprechen eher dafür, dass steigende Ölpreise ein Segen für weite Teile des Chemiesektors sind.
So ging der Ölpreisanstieg der vergangenen Jahre mit einem regelrechten Boom und einer Explosion der Gewinne in der petrochemischen Industrie einher. Immerhin haben sich die Erträge dieses Sektors seit 2002 nahezu verfünffacht. Und auch im laufenden Jahr dürften die meisten Chemiehersteller trotz hoher Ölpreise mit starken Erträgen aufwarten.
Der Zusammenhang ergibt sich in erster Linie daraus, dass die Branche die steigenden Rohstoffkosten relativ schnell und einfach in ihren eigenen Abgabepreisen weiterreichen konnte. Vor allem die Hersteller von petrochemischen Basis-Chemikalien und -kunststoffen, das heißt Firmen, die auf einer Veredlungsstufe nahe am Rohöl oder Erdgas operieren, konnten diese Preisanpassungen in den vergangenen Jahren zu deutlichen Ertragsverbesserungen nutzen. Sie profitierten zusätzlich von einem kräftigen Wachstum der Mengennachfrage und hoher Auslastung der Anlagen. Solange die Konjunktur nicht gebremst wird, gilt daher auch ein dauerhaft hoher Ölpreis aus Sicht von Chemieexperten nicht unbedingt als Bedrohung für die Branche. „Wesentlich ungünstiger wären hohe Schwankungen im Ölpreis“, sagt Jürgen Reck, ein Chemieexperte von Sal. Oppenheim.
Etwas differenzierter ist die Situation in der Spezialchemie. Unternehmen in diesem Segment konzentrieren sich darauf, petrochemische Basischemikalien zu höherveredelten Chemieprodukten zu verarbeiten, die wiederum von Endproduktherstellern etwa in der Bau,- Automobil- oder Konsumgüterindustrie verwendet werden. Diese Spezialchemiefirmen befinden sich in einer Art „Sandwich-Position“, in der es wesentlich schwieriger ist, Preissteigerungen weiterzureichen. Ihre Abnehmer stehen überwiegend unter starkem Preisdruck und verfügen häufig über eine hohe Marktmacht im Einkauf von Vorprodukten.
Die Erträge im Spezialchemiesektor entwickelten sich daher wesentlich moderater als in der Petrochemie. Allerdings haben sich auch hier in jüngerer Zeit die Bedingungen für Preiserhöhungen tendenziell verbessert.
Wärmepumpen gehören eindeutig zu den Gewinnern der hohen Öl- und Gaspreise. „Immer wenn der Ölpreis steigt oder Putin den Gashahn zudreht, boomt der Absatz“, sagt Karl-Heinz Stawiarski, Geschäftsführer des Bundesverbands Wärmepumpe. Zurzeit sind in Deutschland nach Angaben des Verbandes 200 000 bis 220 000 Wärmepumpen installiert. Allein im vergangenen Jahr kamen rund 50 000 dazu, im Jahr davor waren es lediglich 20 000. „Die Leute suchen bei hohen Energiepreisen nach Alternativen“, sagt Stawiarski. Inzwischen werden Wärmepumpen auch für große Objekte wie Büros oder Gewerberäume eingesetzt und können im Sommer auch kühlen.
In den 70er-Jahren, bei der ersten Ölkrise, gab es bereits einen Boom für Wärmepumpen. Doch die Verbraucher kehrten zu Gas und Öl zurück, als sich die Preise wieder normalisierten. Auch waren die Häuser damals noch nicht so gut gedämmt und die Heizungen auf Niedertemperaturen ausgelegt, dass Wärmepumpen eine dauerhafte Alternative gewesen wären.
Für dieses Jahr erwartet Marktführer Stiebel Eltron für den Markt nur einen Zuwachs von zehn bis 20 Prozent, weil der Neubau stark zurückgegangenen ist.
Größter Wärmepumpenmarkt in Europa ist aber Schweden, wo die Wärmepumpen einen Anteil von 90 Prozent haben und knapp 100 000 Wärmepumpen pro Jahr installiert werden. Auch die Schweiz ist ein großer Markt für Wärmepumpen. Stawiarski erklärt dies damit, dass diese Länder kein großes Erdgasnetz haben und auch nationale Heizungsanbieter nicht sehr bedeutend sind. In Frankreich wächst der Absatz von Wärmepumpen seit einigen Jahren stark. Grund ist, dass Frankreich im Gegensatz zu Deutschland ein Förderprogramm für Wärmepumpen aufgelegt hat.
