Öl ist so teuer wie nie – und der Preis klettert weiter. Ein Barrel kostete heute fast 120 Dollar. Ein Streik in einer schottischen Raffinerie verschärft die Lage zusätzlich. Wirtschaftsforscher rechnen langfristig mit hohen Spritpreisen.
HB NEW YORK. Der Ölpreis ist zu Wochenbeginn auf den Rekordwert von fast 120 Dollar gestiegen: Die Notierung für ein Barrel (159 Liter) erreichte am Montag an der New Yorker Rohstoffbörse zeitweise 119,93 Dollar. Zuvor war in Großbritannien eine Pipeline geschlossen worden, die britisches Nordseeöl zu den Raffinerien des Landes transportiert. Grund für die Schließung war ein Streik von Arbeitern einer Raffinerie in Schottland.
Die britische Regierung und die Regierung in Schottland warnten vor Panikkäufen an Tankstellen. Es gebe genug Kraftstoff, um diese Zeit zu überstehen, solange Autofahrer nicht plötzlich ihre Gewohnheiten änderten und mehr tankten als sonst, sagte Wirtschaftsminister Hutton BBC. Dennoch gab es Berichte von langen Warteschlangen und der Begrenzung von Abgabemengen an mehreren Tankstellen.
Die BP-Pipeline in Schottland hat eine Kapazität von 700 000 Barrel pro Tag und damit einen Anteil von 40 Prozent an der gesamten Produktion in Großbritannien. „Wir rechnen mit weiterhin hohen Preisen, aber jede Nachricht zu den Streiks wird den Preis im weiteren Tagesverlauf bewegen“, kommentiert ein Öl-Stratege die Situation.
» Bilderstrecke: Die Top-Ten der größten Ölfelder
Nach Angaben des Raffineriebetreibers Ineos werde es nach dem Ende des Streik zwei bis drei Wochen dauern, bis der Betrieb in der Ölraffinerie wieder normal laufe.
Auch im wichtigen Förderland Nigeria begannen Arbeiter des Ölkonzerns Exxon Mobil einen Streik. Zudem sprengte eine Rebellen-Gruppe einen Abschnitt einer Pipeline von Shell, wie die BBC am Wochenende berichtete. Dadurch sei etwa ein Viertel der offiziellen täglichen Produktion von 2,5 Millionen Barrel ausgefallen.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: DIW: „Auf hohe Spritpreise einstellen“
Als Ursachen für den Höhenflug des Ölpreises nannten Händler erneut den schwachen Dollar. Schon seit Wochen und Monaten treibt die schwächelnde US-Währung Investoren in sichere Anlagen wie Öl und Gold. Auch das für Europa wichtige Nordseeöl der Sorte Brent verteuerte sich am Montag am Handelsplatz in London zwischenzeitlich um 84 Cent auf 117,18 Dollar je Fass.
Nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) müssen sich Autofahrer langfristig an hohe Spritpreise gewöhnen. „Dass Tanken eines Tages wieder deutlich günstiger wird, ist eine Illusion“, sagte DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert der in Hannover erscheinenden „Neuen Presse“. Es sei nicht auszuschließen, dass der Ölpreis deutlich sinke, sobald sich der Dollar wieder stabilisiert habe. „Allerdings: Langfristig müssen sich die Verbraucher ohnehin auf hohe Spritpreise einstellen.“
Öl werde immer knapper und damit auch teurer, sagte die Energieexpertin. Von Politikern geforderte staatliche Höchstpreise nach luxemburgischem Vorbild lehnte sie ab: „Wer Markt und Wettbewerb will, darf nicht die Preise vom Staat diktieren lassen“. Hohe Ölpreise bedeuteten immer auch ein Signal, dass in Sachen Mobilität grundlegend umgesteuert werden müsse - weg vom Öl, hin zu alternativen Antriebstechniken. Kemfert forderte von der Bundesregierung ein „neues nachhaltiges Mobilitätskonzept“.
Führende Politiker von SPD, FDP und Linkspartei hatten am Wochenende an Bundeskanzlerin Merkel appelliert, die hohen Benzinpreise über staatliche Eingriffe zu senken. Der saarländische SPD-Vorsitzende Heiko Maas forderte, dass die Kanzlerin für bezahlbare Spritpreise sorgen müsse, weil die Grenze des Zumutbaren überschritten sei. Es sei gesamtwirtschaftlich notwendig, dass der Staat Obergrenzen für die Spritpreise festlege, sagte er mit Verweis auf Luxemburg, wo das Wirtschaftsministerium die Preise reguliert. Das Bundesfinanzministerium wies den Vorstoß als „populistisch und unrealistisch“ zurück.
» Wohin die Opec-Ölströme fließen:
Interaktive Opec-Übersichtskarte
