Mit dem steigenden Ölpreis wächst der Verdacht, die Opec treibe die Preise künstlich in die Höhe. Nun sorgt sich das mächtigste Kartell der Welt um sein Image – und begibt sich auf Schmusekurs: An diesem Wochenende öffnet die „schwarze Supermacht“ in Riad einen Spalt breit ihre Türen. Eine Handelsblatt-Reportage.
ROM / LONDON / DÜSSELDORF. Fünf Tage lang haben sie im Wiener Intercontinental Hotel verhandelt – ergebnislos. Dann machen Shell-Manager André Bénard und Exxon-Direktor George Piercy nochmal ein Angebot. Sie suchen Saudi-Arabiens Ölminister Ahmed Zaki Yamani in seiner Suite auf: 45 Cent mehr bieten sie für ein Barrel Öl – für 159 Liter.
Gefordert hat die Opec, die Organisation erdölexportierender Länder, eine Verdopplung des Preises von drei auf sechs Dollar. Doch die Regierungen der USA, Japans und mehrerer Staaten Westeuropas wollen einen so hohen Preis nicht zahlen.
45 Cent? Yamani lehnt ab. Piercy und Bénard bitten um zwei Wochen Zeit, um ein neues Angebot zu formulieren. Der Opec-Mann schweigt. Dann ruft er Kuwaits Ölminister herbei, der im Pyjama erscheint. In den frühen Morgenstunden löst sich die Runde auf. George Piercy fragt zum Abschied, wie es denn nun weitergehe. „Hören Sie Radio“, rät Yamani.
In der Nacht zum 12. Oktober 1973 geht das Zeitalter des billigen Öls zu Ende. Im Radio hört der Westen vier Tage später, dass die Opec eine einseitige Preiserhöhung um 70 Prozent beschlossen hat. Die Ölscheichs nehmen ihr wirtschaftliches Schicksal in die eigenen Hände – ermutigt von den Anfangserfolgen Ägyptens und Syriens im Jom-Kippur-Krieg gegen Israel, der am 6. Oktober begonnen hatte. Erstmals benutzt die Opec ihren Rohstoffreichtum als politische Waffe: Sie senkt die Produktion um fünf Prozent und droht, sie Monat für Monat um weitere fünf Prozent zu reduzieren – solange die USA Israel im Krieg unterstützen.
Diese zwei Wochen im Oktober 1973 haben das Machtgefüge auf der Welt verschoben. In drei Jahrzehnten haben ihre zwölf Mitgliedstaaten die Opec zum mächtigsten Kartell der Welt gemacht – zur schwarzen Supermacht.
Doch obwohl ein Fass Öl fast 100 Dollar kostet, scheint die Macht der Opec zu schwinden. Der Rechtfertigungsdruck steigt mit dem Ölpreis, denn der Verdacht, die Opec treibe die ihn künstlich immer weiter in die Höhe – jedenfalls tue sie nichts dagegen – gefährdet ihre Glaubwürdigkeit. Deshalb begibt sie sich nun auf Schmusekurs.
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„Bitte, bitte, bitte, beschimpft uns nicht“, fleht Abdulla bin Hamad al Attiyah laut. Der beleibte Energieminister Katars sitzt lässig auf einem weißen Designerstuhl und wirft beide Hände, um Verständnis heischend, nach vorn. „Wir tun, was wir können und haben nichts mit dem hohen Ölpreis zu tun.“
Al Attiyah sitzt auf dem Podium in Halle 11 der Nuova Fiera, Roms neuer Messe, hinter ihm ein 30 Meter langer Bildschirm, vor ihm ein gespanntes Publikum. Hier tagt diese Woche die Weltenergiekonferenz – und der Ölpreis ist Thema Nummer eins. Neben Katars Minister sitzen EU-Energiekommissar Andris Piebalgs und die Energieminister von Russland, den USA und Indien. Amerikas Samuel Bodman appelliert an die Opec, endlich mehr zu fördern: Es gebe „einen mangelnden Willen, die Märkte mit Öl zu versorgen“, klagt er.
Nein, sagt Opec-Generalsekretär Abdalla Salem el Badri am nächsten Tag und schiebt den Schwarzen Peter zurück: „Das Problem ist nicht mangelndes Öl, sondern mangelnde Raffineriekapazität in den USA. Die Anlagen sind sehr alt, und die Amerikaner haben seit 30 Jahren nicht mehr investiert.“
Investieren? Gerade hat die Internationale Energieagentur (IEA), die die OECD-Staaten 1974 als Reaktion auf den Ölboykott gründeten, gewarnt, dass der Welt vor 2015 ein Versorgungsengpass droht, wenn die Ölförderstaaten nicht endlich in neue Kapazitäten investieren.
Die Opec-Vertreter stehen in Rom unter Druck. „Wir produzieren das, was benötigt wird“, sagt Abdulla al Attiyah am Messestand von Katar, der einem Beduinenzelt nachempfunden ist. „Wir sitzen doch im selben Boot“, sekundiert der algerische Kollege Chakib Khelil.
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Als eine Art von gleichberechtigter Partnerschaft, so sah die Opec die Beziehung zu ihren Kunden immer gern: Die Kunden brauchen Liefersicherheit und gute Preise, die Produzenten stetige Einnahmen. Dass das Kartell aber die Macht hatte, ließ es die Industrieländer immer mal wieder spüren.
Doch die Opec-Männer sind nervös. Die Zeiten, in denen sie fast alleine den Ölpreis bestimmen konnten, sind vorbei. In den 70er-Jahren stammten bis zu 70 Prozent des weltweit produzierten Öls von der Opec – heute sind es nur noch 40 Prozent. „Historisch gesehen ist die Opec heute in einer relativ schwachen Position“, sagt Gernot Klepper, Ölmarktexperte am Institut für Weltwirtschaft. Damals spielte die Opec ihren riesigen Kapazitätsüberschuss aus. Heute fördert sie am Limit ihrer Kapazität. Sie könnte das Angebot selbst dann nicht erhöhen, wenn sie es wollte.
Viele Opec-Mächtigen wollen das noch nicht recht wahrhaben. Abdallah Jum’ah, Chef von Saudi-Aramco steht auf dem Podium in Rom, hat die linke Hand in der Hosentasche und lässt die Rechte kreisen: „Es sind genug Ressourcen und förderbare Reserven für 100 oder 200 Jahre vorhanden.“ Sein Konzern ist der größte Öl-förderer der Welt – und sie gehört dem Land mit den größten Reserven.
Jum’ah nennt Zahl über Zahl, Milliarden über Billionen. Er rechnet vor, wie viel Öl noch in den herkömmlichen Feldern steckt. Es gebe noch sechs bis acht Billionen Barrel Öl in konventionellen Feldern. Hinzu kämen sieben bis acht Billionen Barrel in Ölsänden, Ölschiefer und anderen Quellen. Die IEA schätzt die Weltreserven gerade mal auf 1,5 Billionen Barrel. Egal, Jum’ah ist in Fahrt: Lege man den bisherigen Welt-Gesamtverbrauch von 1,1 Billionen Barrel zugrunde, seien also erst sieben bis acht Prozent verbraucht.
Überhaupt: Anfang der 80er habe man die Reserven auf 667 Milliarden geschätzt, bis 2000 seien 668 Millarden verbraucht worden. „Demnach müssten wir also inzwischen ohne Öl leben“, sagt der Saudi süffisant.
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Auch Algeriens Minister Chakib Khelil kann in Rom das Gerede über „Peak-Oil“, über das Überschreiten der Ölförderobergrenze, nicht mehr hören: „Wir haben immer geliefert, was gebraucht wurde.“ Man solle lieber die Energieeffizienz erhöhen, um den Verbrauch zu senken. Die Opec ruft zum Ölsparen auf.
Und das Kartell öffnet sich: Am Wochenende treffen sich die Staats- und Regierungschefs der Opec – erst zum dritten Mal seit 1960. Und die Organisation hat mehr als 300 Journalisten nach Riad eingeladen. Die saudische Regierung bietet viertägige Kennenlern-Touren an – inklusive Besuch im Hauptquartier von Saudi-Aramco. Selbst das beinahe heilige und bisher stets abgeschottete Treffen der Ölminister, das parallel zum Gipfel stattfindet, wird nun durchzogen von Pressekonferenzen, bei denen die Ölmänner der Welt Fragen beantworten wollen.
Ein Schuldeingeständnis soll die Charmeoffensive freilich nicht sein. Die Opec will nur nicht mehr ausschließlich hinter verschlossenen Türen debattieren. Die Ölbarone geben sich bescheiden.
1975, auf ihrem ersten Gipfel, sonnten sich die Opec-Staatschefs in ihrer neuen Macht. 15 Jahre nach der Gründung des Kartells hatten sie den Ölpreis auf 11,46 Dollar je Barrel gepusht. Ihre Öleinnahmen hatten sich auf über 100 Milliarden Dollar vervierfacht. In den folgenden Jahrzehnten erlebte die Opec eine Berg-und-Tal-Fahrt. Mal schossen die Preise nach oben, mal brachen sie ein. Doch der Trend ging stets nach oben – die Opec bekam den Markt immer besser in den Griff.
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Das Kartell lernte, das Angebot feinzusteuern. „Selbst als der Krieg zwischen Iran und Irak tobte, saßen deren Ölminister mit am Konferenztisch und diskutierten über die Ölpreise“, erinnert sich Manouchehr Takin, der neun Jahre im Opec-Generalsekretariat zu Wien arbeitete. „Es hat in den Opec-Debatten verschiedene Fraktionen gegeben“, sagt er, „aber eines ist immer gleich: Saudi-Arabien hat die größten Reserven und wünscht daher moderate Preise, damit die Kunden dem Öl treu bleiben.“
Aber natürlich sollen die Kunden im Westen weiterhin abhängig bleiben von der Droge Öl. Im Abschlussdokument des zweiten Opec-Gipfels anno 2000 in Caracas heißt es denn auch, Ziel der Opec müsse sein, „die Rolle, die Öl in der Energieversorgung der Welt spielt, zu bewahren und auszubauen“.
Die Rolle der Opec geriet dagegen in ihrer Geschichte immer wieder unter Druck. Neue Förderregionen wie die Nordsee, Alaska, Sibirien oder der Golf von Mexiko machten ihr Konkurrenz. Die Schlüsselrolle im Weltmarkt streitig machen konnten sie ihr jedoch nie. Und die Einnahmen der Opec-Länder stiegen und stiegen. Nach Schätzungen des US-Energieministeriums dürften es 2007 658 und 2008 762 Milliarden Dollar werden.
Um die geschätzten Kunden nicht zu vergrätzen, könnte der Opec-Gipfel von Riad ein Signal des guten Willens geben. „Es ist möglich, dass die Ölminister die Produktion rein aus PR-Gründen um eine Million Barrel anheben“, sagt Manouchehr Takin. Nur: „Am Markt kommt das allerdings erst im März an, und bis dahin könnten die Preise schon wieder deutlich gefallen sein.“
Das Opec-Paradox: Je weniger Öl ihr bleibt, desto mächtiger wird sie. Ihre Zukunft verspricht eine goldene zu werden, sagt Ölexperte Gernot Klepper: „Der Marktanteil und damit der Einfluss der Opec wird wieder steigen.“
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Die Opec: Das Kartell und sein Preis
Herkunft: Weil der Ölpreis in den fünfziger Jahren stark fällt und ihren Regierungen Haushaltskrisen beschert, schließen sich 1960 Saudi-Arabien, Iran, der Irak, Kuwait und Venezuela zur Opec zusammen. Später treten Angola, Algerien, Indonesien, Libyen, Katar, Nigeria und die Vereinigten Arabischen Emirate dem Kartell bei.
Funktionsweise: Zweimal pro Jahr treffen sich die für Öl zuständigen Minister der Opec-Mitglieder, um ihre Fördermengen abzusprechen. So wollen sie den Ölpreis in die gewünschte Richtung lenken. Gegen Mitgliedstaaten, die sich nicht an ihre Quoten halten, kann die Opec Sanktionen verhängen.
1. Ölkrise: Wegen des Jom-Kippur-Krieges zwischen Israel, Syrien und Ägypten verhängt die Opec 1973 einen Boykott gegen den Westen: Der Ölpreis steigt von 2,89 Dollar pro Barrel auf 11,65 Dollar (siehe Grafik). Damals fördern die Opec-Staaten 55 Prozent der Weltölproduktion. Von 1974 bis 1978 hebt die Opec den Ölpreis halbjährlich um bis zu zehn Prozent an.
2. Ölkrise: Nach der iranischen Revolution 1979 springt der Ölpreis von 15,50 auf 24 Dollar. Der Weltmarktanteil der Opec ist bis heute auf 40 Prozent gesunken, auch weil neue Fördergebiete wie Alaska und der Golf von Mexiko hinzukamen.
