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03.07.2007 
Nachgemachte 100-Dollar-Noten

Von falschen Noten und echten Gaunern

von Oliver Stock

„Superdollar“ tauften Ermittler eine Banknoten-Fälschung, die ihrem Original sogar etwas voraus hat: Sie ist von besserer Qualität. Die USA verdächtigen seit langem das Regime in Nordkorea, die Blüten hergestellt zu haben. Doch nun mehren sich die Zweifel an der Theorie von der staatlichen Gaunerei.

Nachgemachte 100-Dollar-Note. Hierbei handelt es sich allerdings nicht um einen "Superdollar", sondern um eine weniger hochklassige Fälschung. Foto: dpaLupe

Nachgemachte 100-Dollar-Note. Hierbei handelt es sich allerdings nicht um einen "Superdollar", sondern um eine weniger hochklassige Fälschung. Foto: dpa

ZÜRICH. Das Drehbuch für diesen Thriller ist bisher nie geschrieben worden. Dabei gibt es wenige Fälle in der Kriminalgeschichte, die die Ermittler weltweit so lange und mit solcher Intensität beschäftigen. Und selten sind sie so erfolglos wie beim Kampf gegen den „Superdollar“: eine gefälschte 100-Dollar-Note, die inzwischen sogar das Weiße Haus in Washington zu rüden Stellungnahmen veranlasst.

Der Name „Superdollar“ stammt von den Ermittlern selbst. Sie bekunden ihren Respekt gegenüber jenen Fälschern, denen sie seit bald 20 Jahren nicht auf die Schliche kommen. Einige Fäden der Interpol-Ermittlungen laufen in der Schweiz zusammen, wo jetzt die Bundeskriminalpolizei ihren jüngsten Zwischenstand zum „Superdollar“ veröffentlich hat. Sie meldet mit Blick auf die offizielle US-Version dieses Thrillers Zweifel an. Doch der Reihe nach.

Es ist das Jahr 1989. Bei Routinekontrollen einer Bank in Manila auf den Philippinen fällt den Beamten eine gefälschte 100-Dollar-Federal-Reserve-Note in die Hände, die für Aufregung sorgt: Sie ist so perfekt, dass sie selbst Experten, die sie eingehend betrachten und befühlen, nicht vom Original unterscheiden können. Einziges Merkmal der Fälschung: Dort, wo die echte Dollarnote Mängel wie nicht ganz durchgezogenen Linien aufweist, ist die Fälschung makellos. „Die Druckqualität der Fälschung ist besser als diejenige der echten Hundertdollar-Note“, urteilt die Schweizer Bundeskriminalpolizei in einem Bericht, den sie jetzt veröffentlich hat.

Thomas Fritschi vom Berner Kommissariat für Falschgeld gilt als einer der führenden Experten seines Fachs. Weil das Land ein internationaler Finanzplatz ist, gehen durch seine Hände mehr Fälschungen, als sie Ermittler in anderen Ländern je zu Gesicht bekommen. Genau 4 342 Anzeigen wegen Falschgeldverdachts von Finanzinstituten, Polizei- und Zollbehörden musste sein Kommissariat im vergangen Jahr bearbeiten. 26 Währungen nahmen die Beamten unter die Lupe: neben Euro und Franken vor allem Dollar. „Hier kommt mehr zusammen als anderswo in Europa“, sagt Fritschi.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Washington beschuldigt Nordkorea

Washington setzt 1989 umgehend Fahnder ein – zunächst ohne nennenswerte Erfolge. Gerüchte kursieren, die mal Iran, mal den Libanon, mal eine geheime Notenpresse aus DDR-Beständen als Quelle des „Superdollars“ nennen. Neun Jahre nach dem ersten Fund gerät russischen Ermittlern in Wladiwostok ein nordkoreanischer Diplomat in die Hände, der 30 000 gefälschte „Superdollar“ im Reisegepäck hat. Er läuft 2003 in den Westen über und erzählt, dass er persönlich bei der Herstellung der Fälschungen dabei gewesen sei. Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-Il habe damit sein Salär aufbessern wollen. Interpol versendet später eine „orange notice“ – eine Botschaft, die auf eine besondere Bedrohung hinweist. Sie enthält, was im Herbst 2005 die US-Regierung offiziell vorträgt: Nordkorea, erklärt Washington erstmals offiziell, stelle die Blüten her.

Im Sommer vergangenen Jahres lädt Interpol Zentralbanken, Fahnder und Vertreter der Sicherheitsindustrie zu einer eintägigen Krisenkonferenz ein. Einziges Thema ist der „Superdollar“, von dem bislang laut US-Geheimdienst rund 50 Mill. sichergestellt worden sind, fünf Prozent davon allein in der Schweiz. Die Amerikaner breiten auf der Tagung ihre These von der „Pjöngjang Connection“ und dem „Wirtschaftskrieg gegen Amerika“ aus.

Der „Superdollar“ habe anderthalb Jahrzehnte nur Fahnder interessiert, schreibt Klaus Bender, Autor von Sachbüchern über die Hochsicherheitsindustrie. Präsident George W. Bush habe ihn dort weggeholt und zum „Eckpfeiler seiner Politik auf der koreanischen Halbinsel gemacht“, sagt Bender und deutet Parallelen an zur Irak-Politik der USA und der Behauptung, in dem Land hätten Massenvernichtungswaffen existiert. Und tatsächlich: Sollte Washington konkrete Beweise für die organisierte Geldfälscherei vorlegen können, wäre damit laut UN-Charta ein Kriegsgrund gegeben.

Bender hat jedoch Zweifel an der US-Theorie. Sein stichhaltigstes Argument: Bei den neuesten Noten wird Farbe eingesetzt, die nur unter Infrarotlicht sichtbar ist. Die Fälschungen sind mit der gleichen Farbe ausgestattet, allerdings weichen die Markierungen offenbar absichtlich voneinander ab, so dass jedes maschinelle Prüfsystem Original und Fälschung ohne weiteres auseinander halten kann. Der Autor stellt deswegen die Frage, ob nicht der US-Geheimdienst selbst Urheber der Fälschungen sei. „Die CIA könnte sich mit den Blüten Geldmittel für verdeckte Operationen beschaffen“, mutmaßt er.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Straff geführte Organisation

Mit den Experten der Schweizer Bundeskriminalpolizei erhält Bender jetzt prominente Unterstützung. Die Schweizer sitzen zumindest indirekt an der Quelle: In Lausanne existieren mit KBA Giori und Sicpa zwei Firmen, die weltweit bei der Geldproduktion eine entscheidende Rolle spielen. KBA Giori baut Notenpressen, wie sie die US-Druckerei verwendet. Sicpa stellt geheime Sicherheitsfarbe her, die je nach Lichteinfallswinkel ihr Aussehen verändert. Auch sie findet sich auf der originalen und der gefälschten Dollarnote. Beide Firmen geben sich nach außen zugeknöpft.

Die schweizerischen Fahnder schreiben in ihrem jüngst veröffentlichten Bericht zum „Superdollar“, dass vieles dafür spreche, dass tatsächlich eine kriminelle staatliche Organisation die Blüten herstelle. Allein der „enorme Aufwand“ sei ein Indiz in diese Richtung. So haben die Fälscher alle 19 Änderungen am Original, die von der Notenbank seit dem ersten Auftauchen der perfekten Fälschung umgesetzt wurden, mitvollzogen. Und zwar ohne viel Zeit zu verlieren. Die Organisation unterliege außerdem offenbar einer Art Kontrolle. Ansonsten sei es nicht erklärbar, dass sie in den vergangenen fast 20 Jahren nicht viel mehr Blüten hergestellt habe und so die Amerikaner ernsthaft in Verlegenheit gebracht hätte.

Dass Nordkorea dahinter stecke, sei aber unwahrscheinlich: „Mit den aus den 70er Jahren stammenden Druckmaschinen stellt der Staat Nordkorea heute die eigene Währung in einer derart schlechten Qualität her, dass sich automatisch die Frage ergibt, ob dieser Staat überhaupt in der Lage ist, den qualitativ hoch stehenden ’Superdollar’ herzustellen“, heißt es im Bericht der Eidgenossen, die ihre Erkenntnisse umgehend dem US-Geheimdienst übermittelt haben. Dort allerdings stießen sie auf eine Mauer des Schweigens. „Jede Auskunft zum Fortgang der Ermittlungen wird abgelehnt“, lautet das bittere Fazit des Berichts aus Bern.


Achtung, Falschgeld

Sicherheitsmerkmale: Das Papier der US-Banknoten wird zu drei Vierteln aus amerikanischer Baumwolle und zu einem Viertel aus Leinen hergestellt. Auch der Superdollar weist dieses korrekte Mischverhältnis auf. Ebenso verfügt er über den Sicherheitsfaden aus Polyester sowie einen Aufdruck, der so klein ist, dass er nur unter dem Mikroskop zu erkennen ist.

Verdächtige: Sollte tatsächlich ein Staat hinter der Fälschung stehen, erinnert das an die Geldfälschungs-Operationen der Nazis. Unter dem Codenamen „Andreas“ stellten sie bis 1941 rund drei Mill. Pfund her, die das britische Finanzsystem zu Fall bringen sollten. Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-Il galt langer Zeit als Hauptverdächtiger im „Superdollar-Fall“. Schweizer Ermittler bezweifeln das mittlerweile: Nordkoreas Druckmaschinen sind veraltet. Damit eine so perfekte Blüte wie den „Superdollar“ herzustellen, ist den Ermittlern zufolge nicht möglich.

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