In Brasiliens Alkoholbranche ist nichts mehr normal: Seitdem die USA und die meisten Industrieländer verkündet haben, dass sie künftig zum Antrieb ihrer Autoflotten dem Benzin mehr Ethanol beimischen wollen, um weniger Kohlendioxid zu erzeugen und die Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren – seitdem hat in Brasilien ein rauschhafter Boom eingesetzt.
In den Erntegebieten mangelt es inzwischen an Erntekräften, Traktorfahrern und Agraringenieuren. Foto: dpa
SÃO PAULO. Normalerweise würde man jemanden wie Aureo Luiz de Castro nicht ernst nehmen. Das letzte Projekt des Immobilienmaklers war eine Ferienhausanlage in den Bergen vor Rio de Janeiro. Doch jetzt plant der bullige Unternehmer mit Glatze, der gerne eine Golduhr zum hellen Tropenanzug trägt, das ganz große Ding: Für acht Milliarden Dollar will er zusammen mit ausländischen Finanziers in abgelegenen Regionen Brasiliens 24 Ethanolfabriken bauen. Vorverträge für die Felder, auf denen künftig Zuckerrohr wachsen soll, bestehen nach seinem Bekunden bereits. Bald werde er 4,8 Milliarden Liter Ethanol exportieren können – zusammen mit Multis wie der brasilianischen Petrobras oder der nordamerikanischen Sempra Energy. „Es sind noch andere Partner im Gespräch“, sagt der 58-Jährige, „Namen kann ich noch nicht nennen.“ Damit wäre der umtriebige Unternehmer aus Rio de Janeiro auf einen Schlag der größte Ethanolproduzent Brasiliens – viermal größer als Cosan, der heimische Konkurrent, der immerhin der größte Zucker- und Alkoholexporteur der Welt ist. „Eine ziemlich unwahrscheinliche Geschichte“, heißt es unter Branchenexperten in São Paulo.
Umso erstaunlicher ist, dass sich Aureo Luiz Castro in der Presse bereits als „Alkohol-Scheich“ feiern lassen kann – obwohl die angesehene Zeitung „Folha de São Paulo“ herausfand, dass sein eingetragenes Firmenkapital gerade mal 350 Euro beträgt. Genauso überraschend ist, dass selbst die vom angeblichen Mega-Investor namentlich zitierten Konzerne nicht jeden Kontakt mit dem umtriebigen Makler von sich weisen. Sie erklären nur, dass sie dessen Angebote prüften. Normalerweise wäre den Multis jemand wie Castro keine Antwort wert.
In Brasiliens Alkoholbranche ist nichts mehr normal: Seitdem die USA und die meisten Industrieländer verkündet haben, dass sie künftig zum Antrieb ihrer Autoflotten dem Benzin mehr Ethanol beimischen wollen, um weniger Kohlendioxid zu erzeugen und die Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren – seitdem hat in Brasilien ein rauschhafter Boom eingesetzt. Der beschränkt sich schon lange nicht mehr nur auf die Alkohol- und Zuckerbranche, deren Unternehmen derzeit für 20 Milliarden Dollar rund 100 neue Destillen und Zuckerrohrplantagen bauen. Quer durch Brasiliens Wirtschaft sind Blüten des Booms zu besichtigen.
Geld fließt reichlich. Alle paar Wochen verkünden Investoren – durchaus seriöse - dass sie Fondsmittel in Milliardenhöhe eingesammelt hätten oder mit dem eigenen Vermögen nun in Brasilien nach Investitionsmöglichkeiten Ausschau hielten. Darunter finden sich bekannte Investoren wie George Soros oder die Google-Eigner Sergey Brin und Larry Page. Aber auch der Öffentlichkeit weniger bekannte Investoren und Fonds liieren sich derzeit mit mal mehr, mal weniger renommierten brasilianischen Bankern, um den Eintritt in Brasiliens Alternativtreibstoffmarkt zu beschleunigen.
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Die Folge: Das Personal wird knapp. Nicht nur in den Anbaugebieten, wo es inzwischen an Erntekräften, Traktorfahrern und Agraringenieuren mangelt – auch in der Finanzbranche in São Paulo, in den Investmentbanken, auf den Terminmärkten und in den Handelshäusern fehlen Spezialisten. Vom Vermögensverwalter bis zum Projektfinanzierer, vom Trader bis zum Spezialisten für Börsengänge und Fusionen – vor allem Experten mit Erfahrungen und Verbindungen zur Zuckerbranche werden händeringend gesucht. Denn auch in Finanzkreisen sind persönliche Kontakte zu den Zuckerbaronen entscheidend: Fast alle Konzerne sind im Besitz von Familiendynastien. Nur Insider wissen, wer verkaufen oder wer mit wem fusionieren will. „In kaum einer Branche geht es so diskret zu wie beim Zucker“, sagt Plínio Nastari, ein führender Agrarspezialist des Landes. Die Folge: Banken jagen sich gegenseitig die Mitarbeiter ab. „Es ist derzeit trotz der gezahlten Spitzenlöhne nicht leicht, die Leute zu halten“, sagt ein Personalberater für Banken, „jeder kann sofort einen neuen Job finden – meist mit besserem Gehalt.“
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Auch die wirtschaftliche Balance verschiebt sich. Die Preise für Farmen steigen immens. Seit 2002 haben sich die Bodenpreise im Bundesstaat São Paulo verdoppelt. Wo vor kurzem noch einzelne Zebu-Rinder grasten, wird heute mit hohem Kapitaleinsatz Zuckerrohr gepflanzt. Agrarexperten schätzen, dass es im Bundesstaat São Paulo, dem wichtigsten Zuckerrohranbaugebiet Brasiliens, schon bald keine Viehzucht wie bisher geben wird.
Familienkonzerne, um die Investoren sonst einen großen Bogen gemacht hätten, werden plötzlich zu begehrten Objekten. Deren Preise explodieren. Ein Beispiel: die Zucker- und Ethanolfabrik „Vale do Rosário“ in Ribeirão Preto, einer 560 000-Einwohner-Stadt westlich von São Paulo. Als Mitte März die maßgeblichen Eigner ihre Mehrheitsanteile vergrößern wollten, zahlten sie den 72 meist betagten Erben jeweils umgerechnet 4,4 Millionen Euro aus. Seitdem gibt es in der Provinzstadt Wartelisten für die neuesten Porsche-Modelle sowie für 450-Quadratmeter-Apartments. Privatbanken haben Teams in den besseren Hotels der Provinzstadt eingemietet, um die Neu-Millionäre als Kunden zu gewinnen. „Viele wissen gar nicht, was sie mit dem Geld anfangen sollen“, sagt ein Banker.
Auch die Zulieferer erleben einen unerwarteten Boom: In den 90er-Jahren stand der Familienbetrieb Dedini im Hinterland von São Paulo kurz vor der Insolvenz. Seine Fabriken für die Ethanol- und Zuckerproduktion wollte niemand kaufen. Mit Stahlschmelzen für Hüttenwerke hielt sich der Konzern über Wasser. Heute kann sich das Unternehmen vor Aufträgen nicht mehr retten. Seit 2003 hat der Konzern seinen Umsatz auf rund 850 Millionen Euro vervierfacht. 24 schlüsselfertige Anlagen stellt der Konzern in Brasilien und den umliegenden Ländern jährlich auf, und das Auftragsbuch ist voll. Ein Viertel des Weltmarktes für Zucker- und Ethanolfabriken liefert die Firma aus Piracicaba bei São Paulo heute. Statt die vierzig Erben des Familienclans zu beschäftigen, steuern heute professionelle Manager die Firma. Einen Finanzchef hat der Konzern gerade bei der Investmentbank UBS-Pactual abgeworben. Seine Aufgabe: Er soll den Börsengang prüfen. Der würde aus dem 89-jährigen Patron Dovílio Ometto einen schwerreichen Unternehmer machen. Sein Neffe hat es vorgemacht. Beim Börsengang von dessen Zuckerunternehmen Cosan wurde Rubens Ometto im vergangenen Jahr der neueste brasilianische Milliardär auf der Forbes-Liste.
Gefragter Biosprit
Alternative: Rund 40 Staaten wollen künftig Ethanol als alternativen Treibstoff dem Benzin beimischen. Der für den Investitionsboom in Brasiliens Zucker- und Alkoholbranche entscheidende Startschuss fiel bereits im Juni 2005: Die USA kündigten an, mittelfristig 15 Prozent ihres Benzins durch alternative Treibstoffe zu ersetzen.
Anbieter: Für die Branche ist Brasilien damit zum wichtigsten Standort weltweit geworden: Das Amazonasland stellt seit Mitte der 70er-Jahre im industriellen Maßstab Ethanol aus Zuckerrohr her und vertreibt den Kraftstoff über ein landesweites Tankstellennetz. Gemeinsam mit den USA ist Brasilien der größte Hersteller von Ethanol.
Aussichten: Doch anders als in den USA, wo der Alkohol aus subventioniertem Mais gebrannt wird und die Anbauflächen begrenzt sind, wird Brasiliens Alkoholproduktion kaum staatlich bezuschusst. Außerdem ist die Produktion aus Zuckerrohr derzeit unschlagbar billig – und das Land besitzt noch gewaltige Flächen, die dafür genutzt werden können. Dennoch ist noch nicht abzusehen, wann und wie ein Weltmarkt für Ethanol entstehen wird: Denn bisher verbrauchen sowohl Brasilien als auch die USA ihren Alkohol größtenteils selbst.
