Auch die wirtschaftliche Balance verschiebt sich. Die Preise für Farmen steigen immens. Seit 2002 haben sich die Bodenpreise im Bundesstaat São Paulo verdoppelt. Wo vor kurzem noch einzelne Zebu-Rinder grasten, wird heute mit hohem Kapitaleinsatz Zuckerrohr gepflanzt. Agrarexperten schätzen, dass es im Bundesstaat São Paulo, dem wichtigsten Zuckerrohranbaugebiet Brasiliens, schon bald keine Viehzucht wie bisher geben wird.
Familienkonzerne, um die Investoren sonst einen großen Bogen gemacht hätten, werden plötzlich zu begehrten Objekten. Deren Preise explodieren. Ein Beispiel: die Zucker- und Ethanolfabrik „Vale do Rosário“ in Ribeirão Preto, einer 560 000-Einwohner-Stadt westlich von São Paulo. Als Mitte März die maßgeblichen Eigner ihre Mehrheitsanteile vergrößern wollten, zahlten sie den 72 meist betagten Erben jeweils umgerechnet 4,4 Millionen Euro aus. Seitdem gibt es in der Provinzstadt Wartelisten für die neuesten Porsche-Modelle sowie für 450-Quadratmeter-Apartments. Privatbanken haben Teams in den besseren Hotels der Provinzstadt eingemietet, um die Neu-Millionäre als Kunden zu gewinnen. „Viele wissen gar nicht, was sie mit dem Geld anfangen sollen“, sagt ein Banker.
Auch die Zulieferer erleben einen unerwarteten Boom: In den 90er-Jahren stand der Familienbetrieb Dedini im Hinterland von São Paulo kurz vor der Insolvenz. Seine Fabriken für die Ethanol- und Zuckerproduktion wollte niemand kaufen. Mit Stahlschmelzen für Hüttenwerke hielt sich der Konzern über Wasser. Heute kann sich das Unternehmen vor Aufträgen nicht mehr retten. Seit 2003 hat der Konzern seinen Umsatz auf rund 850 Millionen Euro vervierfacht. 24 schlüsselfertige Anlagen stellt der Konzern in Brasilien und den umliegenden Ländern jährlich auf, und das Auftragsbuch ist voll. Ein Viertel des Weltmarktes für Zucker- und Ethanolfabriken liefert die Firma aus Piracicaba bei São Paulo heute. Statt die vierzig Erben des Familienclans zu beschäftigen, steuern heute professionelle Manager die Firma. Einen Finanzchef hat der Konzern gerade bei der Investmentbank UBS-Pactual abgeworben. Seine Aufgabe: Er soll den Börsengang prüfen. Der würde aus dem 89-jährigen Patron Dovílio Ometto einen schwerreichen Unternehmer machen. Sein Neffe hat es vorgemacht. Beim Börsengang von dessen Zuckerunternehmen Cosan wurde Rubens Ometto im vergangenen Jahr der neueste brasilianische Milliardär auf der Forbes-Liste.
Gefragter Biosprit
Alternative: Rund 40 Staaten wollen künftig Ethanol als alternativen Treibstoff dem Benzin beimischen. Der für den Investitionsboom in Brasiliens Zucker- und Alkoholbranche entscheidende Startschuss fiel bereits im Juni 2005: Die USA kündigten an, mittelfristig 15 Prozent ihres Benzins durch alternative Treibstoffe zu ersetzen.
Anbieter: Für die Branche ist Brasilien damit zum wichtigsten Standort weltweit geworden: Das Amazonasland stellt seit Mitte der 70er-Jahre im industriellen Maßstab Ethanol aus Zuckerrohr her und vertreibt den Kraftstoff über ein landesweites Tankstellennetz. Gemeinsam mit den USA ist Brasilien der größte Hersteller von Ethanol.
Aussichten: Doch anders als in den USA, wo der Alkohol aus subventioniertem Mais gebrannt wird und die Anbauflächen begrenzt sind, wird Brasiliens Alkoholproduktion kaum staatlich bezuschusst. Außerdem ist die Produktion aus Zuckerrohr derzeit unschlagbar billig – und das Land besitzt noch gewaltige Flächen, die dafür genutzt werden können. Dennoch ist noch nicht abzusehen, wann und wie ein Weltmarkt für Ethanol entstehen wird: Denn bisher verbrauchen sowohl Brasilien als auch die USA ihren Alkohol größtenteils selbst.
