Achtung, Internetfalle!

Das miese Geschäft mit Kundenbewertungen

Mit immer dreisteren Methoden versuchen Kriminelle, gefälschte Kundenbewertungen im Netz zu verbreiten. Die Portale setzen auf schärfere Zugangskontrollen. Ein neuer Betrugsfall zeigt, warum sie trotzdem oft versagen.
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Betrug beim Kauf im Internet

Düsseldorf„Top Ware und günstigster Preis“… „Note 1+ für schnelle Abwicklung“… „Reibungsloser Ablauf“. So viel Begeisterung steckt an. Gerhard Löffler zögerte nicht lange und klickte auf „Bestellen“. Heute sagt er: „Da hat mein Verstand ausgesetzt.“ Der 3D-Fernseher aus dem Elektronikshop „my-store-365.de“ war vielleicht unschlagbar günstig, nur ist er nie beim Kunden angekommen. Dass er seine gut 350 Euro nochmal wiedersieht, glaubt Gerhard Löffler nicht. Hinter dem hochgelobten Onlinehändler steckte ein Betrüger. Die Seite ist längst offline, sein Betreiber unauffindbar.

Mit dem Schaden ist Löffler nicht allein. Mehr als 600 Kunden sind auf die seriöse Online-Präsenz und die zuckersüßen Kundenbewertungen reingefallen. Die Polizei konnte einiges von dem erschlichenen Geld sicherstellen. Der Rest – rund 40.000 Euro – hat der Täter längst von seinen Konten geholt.

Die Urteile der Kunden sollten ursprünglich ein Stückchen Wahrheit bringen ins marketinggeflutete Internet. Denn sie wecken Vertrauen: Nach aktuellen Zahlen des IT-Verbands Bitkom lässt sich bereits jeder dritte Internetnutzer bei seiner Kaufentscheidung von Bewertungen anderer Käufer beeinflussen. Mit dieser vermeintlichen Sicherheit machen die Online-Abzocker Kasse.

Nicht nur der Fall „my-store-365.de“ zeigt, dass Kundenmeinungen oft zum digitalen Lockstoff verkommen sind. Verbreitet sind Fakes zum Beispiel auch bei Online-Rezensionen über neue Filme, verrät ein Insider. „Dass Labels unter Pseudonym eigene DVDs bewerten, ist Gang und Gäbe“, so der Inhaber einer Filmproduktionsfirma. „Wenn zehn Prozent der Kommentare manipuliert sind, ist das auch nicht das Problem. Da ist der Wettbewerb noch nicht verzerrt.“

In diesem Glauben habe auch er mehrere Jahre lang manipulierte Texte schreiben lassen, meist von Mitarbeitern oder Bekannten. Doch irgendwann kamen Gewissensbisse: „Das hat in der Branche einfach Überhand genommen. Heute mache ich lieber Fair-Play."

„Jemand hat unsere Plattform getäuscht“
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22 Kommentare zu "Achtung, Internetfalle!: Das miese Geschäft mit Kundenbewertungen "

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  • Als Betreiber des Online-Telefonbuchs und Branchenbuchs(...) auf dem User Firmen bewerten können, steht man immer im Interessenkonflikt zwischen bewerteter Firma und dem Bewerter. Doch die jahrelange Erfahrung zeigt, dass die Missbrauchsfälle einen verschwindend geringen Teil darstellen. Die Vielzahl an eingehenden Kundenmeinungen ist hingegen eine ehrliche Meinung authentischer Kunden. Mit Kundenmeinungen sollte generell fair umgegangen werden - sowohl vom Bewerter als auch von dem Bewerteten.

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Ich bitte um Entschuldigung, meinen Kommentar wollte ich nicht als Werbung verstanden wissen. Es handelt sich bei meinen Erlebnissen jedoch um Tatsachen die ideal zu diesem Thema passen.

    Daher mein Posting, die Öffentlichkeit hätte mit Sicherheit ein Interesse an den Praktiken einiger Anbieter.

  • korrekt, ging mir auch so. positive bewertungen gehen einfach per klick, bei weniger sternen muss man plötzlich bestellnr etc eingeben. habe es letztendlich also auch gelassen - was geht die bewertungsplattform das an? meine ansprüche oder probleme habe ich schließlich vorher direkt mit dem händler geklärt.
    ich fand die vielen positivbewertungen auf shops mit diesem system immer schon anrüchig und die eigene erfahrung hat dies dann bestätigt. gut, dass das hier auch mal thematisiert wird, zumindest in den kommentaren!

  • +++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

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  • @Gaestle, Thema "Autokritiken".
    Das fällt nicht nur Ihnen auf. In kleineren Zeitungen und besonders bei deren kostenlosen Extrabeilagen erscheinen oft "Berichte", Artikel eines Autors, die NICHT als Werbung gekennzeichnet sind, in denen bis hin zu bestimmten Formulierungen Werbetexte der Hersteller durchscheinen.
    Da findet sich oft kein einziges kritisches Wort, kein Vergleich mit Konkurrenzprodukten. Manchmal fragt man sich auch, ob der Wagen überhaupt richtig fahrerisch getstet wurde und den Schreibern nicht nur zum Wochendausflug mit der Family diente.


    Proteste gegen diese Praxis, die jeder journalistischen Ethik entgegenläuft, werden mit dummem Geschwätz beantwortet, man habe doch nur "informiert".

    Ich vermute gerade die Redaktionen kleinerer Zeitungen freuen sich derart über die kostenlos für ein paar Tage zur Verfügung gestellten - oft sehr hochwertigen - Testwagen, dass sie gar nicht wagen dieses Privileg durch einen ansatzweise neutral-kritischen Bericht zu gefährden.


    Größere Zeitungen mögen aufgrund ihrer Auflagenstärke (der Hersteller ist froh dort überhaupt erwähnt zu werden) da etwas unabhängiger agieren können.

  • Auch mit TÜV-Siegeln und vermeintlichen Test-Sieger-Enblemen wird 'ne Menge Unfug getrieben...

  • Es gibt da ja noch ein Problem.
    Firmen wie Ekomi schicken nach einer negativen Bewertung eine Rückfrage an den Kunden u. bieten ein "Schlichtungsverfahren" an "wegen Mißverständnissen u. Problemen" um eine "einvernehmliche Lösung zu finden".
    Nachdem mir das zu aufwendig war, habe ich nicht geantworet u. die Negativbewertung wurde nie veröffentlicht.
    Von wegen: "Wir wollen, dass die Kunden es leicht haben".

    Wie naiv recherchiert das HB denn eigentlich?

  • Der Schwindel bei Bewertungsportalen ist das eine, unbequeme Beiträge, welche aufgrund von auf Forenbetreiber ausgeübtem Druck verschwinden, das andere Übel.

    Mir fallen aber auch immer wieder mal Zeitungsartikel (meistens Berichte über neue Autos, aber auch Konzertkritiken) auf, die sehr positiv gehalten sind. Wenn sich der Berichterstatter nicht positiv äußert wird er nicht mehr zur nächsten Produktvorstellung im edlen Rahmen eingeladen oder es sind plötzlich alle Pressetickets vergeben...

    Es ist auch gut möglich dass der eine oder andere Leserkommentar hier auf die Kappe von Firmen, Interessenverbänden und Aktionsbündnissen geht anstatt die Meinung von Privatleuten wiederzugeben.

    Fazit: Nicht die einzelne Meinung ist entscheidend, sondern das Bild das sich aus allen Mosaiksteinchen ergibt.

  • Das Thema hat doch einen langen Bart (Stichwort "Internet Water Army China"; http://en.wikipedia.org/wiki/Internet_Water_Army). Der Artikel unterliegt wohl dem Allseits bekannten Sommerloch. Des Weiteren sollte man sich fragen ob die Portale ihre nach außen propagierten Vorhaben zur Reduzierung von Fake-Kommentaren wirklich durchführen oder der vermeintliche Zusatzverdienst dann positiv aufgenommen wird.

    @ManfredM: Es gibt durchaus Firmen, die Produkte der Konkurrenten diffamieren. Da wird das Spiel einfach umgedreht und die vermeintlich wertvolle Information ist nicht weniger Wert.

  • Die Stimmungsmache im Netz nimmt teilweise schon skurile Züge an. Ganz gleich, worüber man sich informiert, Astroturfer und Lobbyisten finden sich überall.

    Es hilft nichts ... auch im Internetzeitalter muss man die eigenen grauen Zellen bemühen und versuchen, die Spreu vom Weizen, das heißt, Information von Stimmungsmache zu trennen.
    Bei offensichtlichen Pöblern, die Befriedigung in der Beleidigung Andersdenkender finden, ist das einfach. Wenn offensichtlicher Unsinn geschrieben wird, der sich mit wenigen Mausklicks oder mit Grundwissen als solcher outen lässt, ist es auch leicht. Wenn richtige aber einseitige Informationen gestreut werden, ist es schon schwieriger.

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