Anlegerschutz-Anwälte: „Die Menschen werden über den Tisch gezogen“

Anlegerschutz-Anwälte
„Die Menschen werden über den Tisch gezogen“

Kunden sind Bankern ausgeliefert, die Finanzlobby schreibt die Gesetze selber und die Politik verrät die Anleger. Innenminister a.D. Gerhart Baum und sein Anwaltskollege Julius Reiter rechnen mit der Finanzindustrie ab.
  • 67

Herr Baum, Herr Reiter, zahlreiche Gesetzesänderungen in den vergangenen Jahren sollen Geldanleger besser schützen. Können sich Vermögende glücklich schätzen in Deutschland zu leben?
Baum: Damit eines klar ist: Hierzulande werden jeden Tag unzählige Menschen über den Tisch gezogen. Nach wie vor. Der Kunde ist nicht nur durch die Vielzahl und Komplexität der Finanzprodukte überfordert. Es herrscht auch juristisch keine Waffengleichheit zwischen Bankern und Bürgern. Eigentlich hat der Staat eine Gewährleistungspflicht, wenn Bürger nicht in der Lage sind, sich selbst zu schützten. In vielen Bereichen funktioniert das. Beim Bank- und Versicherungsvertrieb versagen das Gemeinwesen, die Aufsicht und die Justiz.

Deutliche Worte. Aber übertreiben Sie nicht ein wenig? Es gibt in Deutschland eine gut funktionierende Finanzindustrie. Kunden können unter Millionen von Produkten und tausenden von Vermittlern und Verwaltern wählen.
Baum: Selbstverständlich gibt es seriöse Anbieter von Finanzprodukten. Es gibt aber ein systemisches Problem. Die meisten Kunden vertrauen ihren Bankern. Diese sind jedoch in der Regel keine Berater, sondern Verkäufer. Damit steht das Provisionsinteresse im Vordergrund und nicht das Wohl der Kunden.
Reiter: Aktuell verschärft sich das Problem, weil Anleger wegen der niedrigen Zinsen tendenziell in riskantere Anlageklassen investieren. Provisionen sind in Zeiten niedriger Zinsen aber Renditekiller.

Wie kann das sein? Berater treiben einen enormen Aufwand. Beratungsprotokolle und Produktinformationsblätter füllen bei jedem Kauf halbe Aktenordner.
Baum: Die Beratungsprotokolle waren bei der Einführung zum Schutz des Kunden gedacht. Jetzt sind sie voll mit Klauseln, die ausschließlich zur Enthaftung der Banken dienen. Kunden unterzeichnen ohne die seitenlangen, komplizierten Formulierungen zu lesen. Vor Gericht lässt sich das dann nur schwer anfechten.
Reiter: Die Umsetzung in der Praxis findet nicht so statt, wie der Gesetzgeber es wollte. Es ging darum, die Anleger zu schützen, indem die Anlageziele schriftlich dokumentiert werden sollten. Stattdessen ist aus dem Verbraucherschutz ein Verkäuferschutz geworden.

Nennen Sie uns ein Beispiel. Wie wirkt sich das aus?
Reiter: In einem Fall hat eine ältere Dame in der Bank im Vertrauen auf ihren Kundenbetreuer ein Beratungsprotokoll unterzeichnet und damit den Kauf einer risikoreichen Anlage absegnet. Zuhause erkannte sie ihren Fehler und wollte sofort das Geschäft rückgängig machen. Selbst die Intervention der Verbraucherzentrale beim Bankvorstand hatte keinen Erfolg. Die Frau blieb auf einem Schaden im fünfstelligen Eurobereich sitzen. Vor Gericht hätte sie keine Chance gehabt, weil sie irrtümlicherweise das Protokoll unterzeichnet hatte. Eines muss klargestellt werden: Es gibt keine Pflicht, das Beratungsprotokoll zu unterzeichnen und ich kann davon auch nur abraten.

Die Produktinformationsblätter sollten schon vor dem Abschluss für Transparenz sorgen…
Reiter: … und haben das Gegenteil erreicht. Die Texte sind oft für den Laien unverständlich, Hinweise auf einen möglichen Totalverlust werden in Fußnoten versteckt. Bei den Kosten wird getrickst: sie werden prozentual und oft nicht vollständig angegeben. Besser wäre eine Angabe in Euro und Cent für die konkrete Investition. Dann wäre auch ein Vergleich verschiedener Produkte möglich.
Baum: Ohne diese Information kann ein Kunde nicht erkennen, ob sich ein Produkt für ihn lohnt. Er muss wissen, wie viel von seinem Geld tatsächlich investiert wird.

Kommentare zu "„Die Menschen werden über den Tisch gezogen“"

Alle Kommentare
  • Leider ist es heute so, dass alle und zwar "Junge" wie "Alte", wenn es um Anlagen geht, sich selber kundig machen müssen und keinem "Agenten",denn nichts anderes als Agenten sind "Bevollmächtigte" und Anlageberater, mehr trauen dürfen.
    Die Möglichkeit sich kundig zu machen und beratungsunabhänig selbstständige Entscheidungen treffen zu können, ist gegeben.
    Jeder, der "vertraut" hat damit zu rechnen über den Tisch gezogen zu werden.
    Leider, die Kultur in Sachen Finanzberatung ist dermaßen verwildert, dass es nichts weniger als "Pflicht" und diese im Sinn eines kategorischen Imperativs ist, zu einem slbstständig denkenden und handeldem Individuum zu werden.

  • Zitat: "Eigentlich hat der Staat eine Gewährleistungspflicht, wenn Bürger nicht in der Lage sind, sich selbst zu schützten. In vielen Bereichen funktioniert das. Beim Bank- und Versicherungsvertrieb versagen das Gemeinwesen, die Aufsicht und die Justiz."

    Das sehe ich genau so. Wir bräuchten das dazu passende Berufsbild und den dazu passenden Status, nämlich die Freiberuflichkeit, mit einer ordentlichen Gebührenordnung. Denn Finanzberatung erfüllt bereits heute viele Merkmale der Freiberuflichkeit, wenn die Distanz (Unabhängigkeit) zwischen Produktanbieter und Berater hinreichend groß ist. Somit wäre dann weinigstens ein wesentlicher Interessenskonflikt beseitigt und die Situation für Verbraucher deutlich klarer. Ob nun Rechtsanwält, Ärzte Ihren Job immer ethisch einwandfrei im Sinne des Mandanten/Patienten ausführen, das sei mal dahingestellt, auch dort funktioniert der mediale Schutz durch die Standesorganisationen hervorragend. Also: im Zweifel öfter mal auf das eigene Gefühl vertrauen.

  • Bleiben wir mal sachlich.

    Die offenen Immobilienfonds der Sparkassen und Volksbanken sind nicht geschlossen und liefern noch eine zufriedenstellende Rendite.

    Das ist kein Schneeballsystem, sondern ein Fond, der seine Erträge aus langfristigen Mietverträgen mit Gewerblichen Anbietern generiert. Einen Teil des Fondvermögens wird logischerweise liquide gehalten um Verkäufe auszugleichen.
    In der Krise hatten viele diese Fonds verkauft und es gab engpässe. Also musste der ein oder andere Immofond geschlossen werden. Aber bei den Seriösen Anbietern wie Deka und dem Branchenprimus Inion Investment hat man sowas Jahre vorher bedacht und daher keine Sorgen.

    Natürlich ist das nicht bei allen so, genau diese Anbieter mussten deutliche Korrekturen vornehmen und die Fonds blieben geschlossen.

  • Großartiger Beitrag. Da kann man Herrn Baum und Herrn Reiter ja nur viel Erfolg wünschen! Harald Büring

  • Hab jetzt hier ne Menge Blödsinn gelesen.
    Für mich ist Fakt : Wer betrügerischen Handlungen recht gibt und den geschädigten Kunden als blöd darstellt hat für mich den Schuss nicht gehört.
    Je schwächer der Mensch, umso leichter ihn über den Tisch zu ziehen. Das kann man schon aus moralischen und ethischen Gründen nicht befürworten. Ist es ein Betrug, sollte er auch wie einer behandelt werden. Hier sind die Banken und Versicherer scheinbar aussen vor. Gegen eine seriöse Beratung mit Aufklärung der Risiken ist nichts einzuwenden. Dafür sol es auch eine Provision geben. So das Geschäft.
    Familien und Kleinverdiener, welche Rat suchen zu ruinieren ist die andere Sache. Nehmt Ihr ein Auto oder PC auseinander, wenn Ihr keine Ahnung habt? Da wendet man sich auch an einen "Spezialisten".

  • @Christian
    Es gibt viele schlechte Kommentare zu diesem Interview, dein Kommentar ist einer der dümmsten! Wie kommst du darauf, daß nichts für den Verbraucherschutz getan wurde? Lies dir mal die tapferen Fragen des HB-Interviewers durch, da gehen einige in Richtung Verbraucherschutz. Und woher kommt die überirdische Annahme, die Banken wären einseitig bevorteilt worden von der Politik? Ich arbeite in der Bank, ich kenne die Regelungen zur Anlageberatung und zur Dokumentation derselben in- und auswendig. Der Aufwand eines Beraters, damit er sich mit einem anscheinend völlig Unbedarften wie dir rechtssicher unterhalten kann, ist SEHR GROß!

    Du müßtest bei uns noch nicht einmal etwas unterschreiben und bekämst trotzdem eine u.U. stundenlange Beratung. Kostenfrei! Wenn du etwas kaufst, von dem, was dir empfohlen wurde, wobei sich der Berater streng an die von dir erfragten Wünsche halten muß und auch hält (jedenfalls bei uns im Hause), dann verdienen wir etwas Provision an diesem Geschäft. Diese Kosten wurden dir VOR dem Kauf im Gespräch detailliert erläutert. Du bekommst einen ganzen Packen Papier mit, damit du das alles noch einmal in Ruhe zu Hause nachlesen kannst. Du wirst auch nicht gedrängt zum Kaufen. Wenn du allerdings auf blöd schaltest und den Berater nach diesem ganzen Procedere fragst: "Soll ich das jetzt kaufen?" Dann wird er JA sagen. Was sollte er auch sonst wohl antworten, schließlich hat er dirs ja gerade empfohlen!
    Was hast du da jetzt für Gegenargumente gegen dieses gesetzmäßig vorgeschriebene Verhalten eines Beraters? Wo fehlt es dir da am Verbraucherschutz?


    Die Pauschalverurteilung aller Anlageberater in jeder Bank durch einen mittlerweile sehr alten Herrn Baum ist unter aller Sau! Sollen er und sein Rechtsverdreher sich doch endlich die schwarzen Schafe raussuchen. Wurden ja schon von einem Banker hier in den Kommentaren genannt.

  • Was ist eigentlich mit dem Schneeballsystem, dass Sparkassen, Genossenschaftsbanken, Commerzbank und Deutsche Bank immer noch mit ihren "offenen" Immobilienfonds betreiben dürfen. Bei allen Fonds die z.Zt. abgewickelt werden, fallen die KAG Preise ins Bodenlose weil die Gutachter marktbedingte Anpassung der Liegenschaftszinssätze vornehmen müssen, Abwertungen wegen der politischen Risiken in Italien vornehmen und und.
    Aber die noch mit Vertriebsmannschaften hinter sich stehenden offenen Fonds haben diese Probleme ja nicht und können die Gutachterwerte immer weiter steigen lassen.
    Das hat mit dem einzelnen Bankberater nichts mehr zu tun. Das ist für die ehemaligen Käufer von "mündelsicheren" offenen Immobilienfonds eine Ohrfeige.

  • Das scheint ein wenig vom hohen Ross herab geurteilt zu sein. Zum Mitdenken und Informieren im recht speziellen Bereich von Finanzanlagen wird auch ausbildungsbedingt nicht allen Bürgern das gleiche, geeignete Rüstzeug vermittelt. Zudem hinken Ihre Vergleiche: Beim Kauf einer Waschmaschine oder Gebrauchtwagens gibt es Werks- und Händlergarantien oder auch Knöpfe, mit denen man zugesicherte Funktionen prüfen kann. Im Falle von Finanzprodukten wird mit zukünftigen Leistungen oder Erträgen argumentiert, die nicht nachweisbar sein können, aber dennoch zugesichert werden.

  • "Der "Verbraucher" bezeichnet sich als mündig und voll geschäftsfähig!" Können Sie diese verwegene Verallgemeinerung faktisch belegen? Wohl kaum, denn um in Finanzprodukten beides zu sein, bedarf es einer entsprechenden Ausbildung. Diese kann aber bei der Mehrheit der Bevölkerung nicht unterstellt werden, weniger noch bei den Älteren, die von Herren in Nadelstreifen an der Haustür mit bunten Diagrammen über den Tisch gezogen werden.

  • "Eigentlich hat der Staat eine Gewährleistungspflicht, wenn Bürger nicht in der Lage sind, sich selbst zu schützten." Dieses Postulat von Herrn Baum ist vielfach und in schwerwiegender Weise verletzt worden. Die primäre Orientierung der "Verkäufer" am eigenen Verkaufserfolg in der Finanzindustrie hat zu stellenweise katastrophalen Folgen für unwissende bzw. nicht ausreichend informierte, insbesondere ältere Anleger geführt. Herbe Vermögens- und Einkommensverluste beschleunigen dadurch den Weg in die Altersarmut. Es besteht dringender Handlungsbedarf für die handlungsunwillige Politik.

Serviceangebote