Anlegerschutz-Anwälte: „Die Menschen werden über den Tisch gezogen“

Anlegerschutz-Anwälte
„Die Menschen werden über den Tisch gezogen“

Kunden sind Bankern ausgeliefert, die Finanzlobby schreibt die Gesetze selber und die Politik verrät die Anleger. Innenminister a.D. Gerhart Baum und sein Anwaltskollege Julius Reiter rechnen mit der Finanzindustrie ab.

Herr Baum, Herr Reiter, zahlreiche Gesetzesänderungen in den vergangenen Jahren sollen Geldanleger besser schützen. Können sich Vermögende glücklich schätzen in Deutschland zu leben?
Baum: Damit eines klar ist: Hierzulande werden jeden Tag unzählige Menschen über den Tisch gezogen. Nach wie vor. Der Kunde ist nicht nur durch die Vielzahl und Komplexität der Finanzprodukte überfordert. Es herrscht auch juristisch keine Waffengleichheit zwischen Bankern und Bürgern. Eigentlich hat der Staat eine Gewährleistungspflicht, wenn Bürger nicht in der Lage sind, sich selbst zu schützten. In vielen Bereichen funktioniert das. Beim Bank- und Versicherungsvertrieb versagen das Gemeinwesen, die Aufsicht und die Justiz.

Deutliche Worte. Aber übertreiben Sie nicht ein wenig? Es gibt in Deutschland eine gut funktionierende Finanzindustrie. Kunden können unter Millionen von Produkten und tausenden von Vermittlern und Verwaltern wählen.
Baum: Selbstverständlich gibt es seriöse Anbieter von Finanzprodukten. Es gibt aber ein systemisches Problem. Die meisten Kunden vertrauen ihren Bankern. Diese sind jedoch in der Regel keine Berater, sondern Verkäufer. Damit steht das Provisionsinteresse im Vordergrund und nicht das Wohl der Kunden.
Reiter: Aktuell verschärft sich das Problem, weil Anleger wegen der niedrigen Zinsen tendenziell in riskantere Anlageklassen investieren. Provisionen sind in Zeiten niedriger Zinsen aber Renditekiller.

Wie kann das sein? Berater treiben einen enormen Aufwand. Beratungsprotokolle und Produktinformationsblätter füllen bei jedem Kauf halbe Aktenordner.
Baum: Die Beratungsprotokolle waren bei der Einführung zum Schutz des Kunden gedacht. Jetzt sind sie voll mit Klauseln, die ausschließlich zur Enthaftung der Banken dienen. Kunden unterzeichnen ohne die seitenlangen, komplizierten Formulierungen zu lesen. Vor Gericht lässt sich das dann nur schwer anfechten.
Reiter: Die Umsetzung in der Praxis findet nicht so statt, wie der Gesetzgeber es wollte. Es ging darum, die Anleger zu schützen, indem die Anlageziele schriftlich dokumentiert werden sollten. Stattdessen ist aus dem Verbraucherschutz ein Verkäuferschutz geworden.

Nennen Sie uns ein Beispiel. Wie wirkt sich das aus?
Reiter: In einem Fall hat eine ältere Dame in der Bank im Vertrauen auf ihren Kundenbetreuer ein Beratungsprotokoll unterzeichnet und damit den Kauf einer risikoreichen Anlage absegnet. Zuhause erkannte sie ihren Fehler und wollte sofort das Geschäft rückgängig machen. Selbst die Intervention der Verbraucherzentrale beim Bankvorstand hatte keinen Erfolg. Die Frau blieb auf einem Schaden im fünfstelligen Eurobereich sitzen. Vor Gericht hätte sie keine Chance gehabt, weil sie irrtümlicherweise das Protokoll unterzeichnet hatte. Eines muss klargestellt werden: Es gibt keine Pflicht, das Beratungsprotokoll zu unterzeichnen und ich kann davon auch nur abraten.

Die Produktinformationsblätter sollten schon vor dem Abschluss für Transparenz sorgen…
Reiter: … und haben das Gegenteil erreicht. Die Texte sind oft für den Laien unverständlich, Hinweise auf einen möglichen Totalverlust werden in Fußnoten versteckt. Bei den Kosten wird getrickst: sie werden prozentual und oft nicht vollständig angegeben. Besser wäre eine Angabe in Euro und Cent für die konkrete Investition. Dann wäre auch ein Vergleich verschiedener Produkte möglich.
Baum: Ohne diese Information kann ein Kunde nicht erkennen, ob sich ein Produkt für ihn lohnt. Er muss wissen, wie viel von seinem Geld tatsächlich investiert wird.

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