Anlegerskandal um S&K
Tüv-geprüft auf Kundenhatz

Vertriebler nutzten Bescheinigungen des Tüv Süd, um Anleger zum Kauf der Fonds der unter Betrugsverdacht stehenden S&K-Gruppe zu überreden. Neue Dokumente belegen im Detail, wie die Tüv-Mitarbeiter agierten.
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Wenn der ehemalige Finanzvermittler aus dem bergischen Land diesen Slogan hört, ist es mit dem Spaß vorbei: „Mehr Sicherheit. Mehr Wert.“ So wirbt der Tüv Süd für seine Dienstleistungen.

„Falsche Sicherheit, drohender Totalverlust“, dichtet der Vertriebler mit Blick auf seine Kunden um. Sogar seinen eigenen Eltern hatte der Mann geschlossene Beteiligungen der unter Betrugsverdacht stehenden S&K-Gruppe im Wert von 100.000 Euro verkauft. Insgesamt vermittelte er S&K-Produkte im Wert von 240.000 Euro. Einen Kunden zahlt er jetzt aus eigener Tasche aus.

Er empfahl die S&K-Fonds auch wegen mehrerer Bescheinigungen des „Technischen Überwachungsvereins“ mit Sitz in München. „Wenn ich eine Bescheinigung vom Tüv sehe, gehe ich davon aus, dass es sich um eine seriöse Prüfung handelt“, sagt der Vertriebler. Jetzt möchte er seinen alten Job an den Nagel hängen und auf Gesundheitskurse umsatteln.

Die S&K-Anleger warten auf ihr Geld. Die volle Summe dürften sie wohl nicht widersehen. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen „banden- und gewerbsmäßigen Betruges mit Kapitalanlagen, Untreue und weiterer Straftaten“. Rund 12.000 Fondsanleger seien betroffen, der Schaden soll bei rund 200 Millionen Euro liegen. Die ehemaligen S&K-Chefs Jonas Köller und Stephan Schäfer sitzen in Untersuchungshaft und waren für Stellungnahmen nicht erreichbar.

Dem Unternehmen S&K widmete sich der Tüv Süd in einem „internen Audit“. In einer „Bescheinigung für die S&K-Unternehmensgruppe“ bestätigt ein „Produktmanager Immobilienwirtschaft“ das S&K zum „Stichtag 1. Juli 2011 Immobilien zu einem Verkehrswert von 101.413.399 Euro im Bestand“ habe. Die Einkaufspreise betrugen nach Tüv-Auskunft 53.444.840 Euro. „Wenn man weiß, wie diese Zahlen zustande gekommen sind, muss man diese mehr als nur kritisch hinterfragen“, sagt Marc Gericke, Rechtsanwalt der Siegburger Kanzlei Göddecke, die rund hundert S&K-Geschädigte vertritt. „S&K nutzte solche Testate um Anleger gezielt zu desinformieren.“

Der Tüv Süd bestätigt in weiteren „Bescheinigungen“ den vermeintlichen Erfolg der S&K-Unternehmensgruppe, etwa das S&K als Makler Immobilien im Wert eines dreistelligem Millionenbetrags im Zuge von Zwangsversteigerungen „auf Rechnung eines international agierenden Investors“ vermittelt habe. Oder dass in fünf Jahren bis zum Jahr 2011 Immobilien für 19,4 Millionen eingekauft und für 35,3 Millionen Euro wieder verkauft wurden. „Im Durchschnitt betrug der Zeitraum zwischen An-und verkauf 4,8 Monate!“, bescheinigt der Produktmanager.

Kommentare zu " Anlegerskandal um S&K: Tüv-geprüft auf Kundenhatz"

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  • Zertfikate sind oft nicht mehr als ein Indiz. Auch der beste Auditor ist ein Rädchen im Markt, muss sich selbst jeden Tag neu verkaufen und letztlich können auch Auditoren von Kunden gewaltig hinter die Fichte geführt werden. Wenn ich da nur an die zertifizierten Brust-Implantate denke!

    Also: Nicht nur aufs Zertifikat gucken, auch wenn's so schön bequem ist, sondern auch hinter die Fassade und den gesunden Menschenverstand nutzen. Ist zwar nicht mehr modern, hilft aber kolossal!

  • Hatte bei meinem alten Arbeitgeber eine TÜV-Zertifizierung zu veranworten. Es ist erschreckend, aber im Endeffekt kann man sich diese TÜV-Siegel einfach kaufen!

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