Anwaltsmarkt
Erstmals mehr als 150 000 Anwälte

Der deutsche Anwaltsmarkt hat erstmals die Schallmauer von 150 000 Rechtsanwälten durchbrochen. Damit hat sich die Zahl der Anwälte in den vergangenen 20 Jahren fast verdreifacht. Experten sehen den Anwaltsmarkt in einem rasanten Strukturwandel - immer mehr Mandanten suchen gezielt nach Spezialisten.

BERLIN. "In der Bundesrepublik waren zum 1. Januar 2009 erstmals etwas mehr als 150 000 Rechtsanwälte zugelassen", sagt Axel Filges, Präsident der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) dem Handelsblatt. Die durchbrochene Schallmauer von 150 000 beunruhigt Filges nicht: "Von einem Zuviel an Rechtsanwälten kann keine Rede sein, weil die Verbraucher ein besseres Rechtsberatungsangebot bekommen", sagt Filges. Wolfgang Ewer, neu gewählter Präsident des Deutschen Anwaltverein (DAV), sieht wie Filges seine Zunft trotz neuer Konkurrenz nichtanwaltlicher Berufe "gut für den Wettbewerb gerüstet".

Zu Beginn Jahres waren genau 150 377 Anwälte zugelassen, knapp 2,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Damit hat sich allein in den letzten 20 Jahren die Anzahl fast verdreifacht. (siehe: "Rasanter Anstieg") Zum Vergleich: Es gibt 80 000 Steuerberater. Um sich neue Geldquellen zu erschließen, suchen immer mehr Anwälte ihr Heil in einem Fachanwaltstitel. Heute gibt es 35 919 spezialisierte Juristen, die meisten Arbeitsrechtler, gefolgt von den Anwälten für Familienrecht. Auch hier zeigt die Kurve steil nach oben. Vor zehn Jahren gab es erst 9 426 Fachanwälte und 1960 sogar nur 911. Das Problem dabei, so Ewer: "Der Rechtsberatungsmarkt ist bei weitem nicht in dem Umfang gewachsen". Hinzu kommt eine seit langem bekannte Entwicklung: Wer sein juristisches Referendariat nicht mit überdurchschnittlichen Noten abschließt, hat kaum eine Chance in der Justiz oder in einer Top-Kanzlei unterzukommen. Der Allgemeinanwalt kann gutes Geld verdienen, doch es gibt auch viel Feld-Wald- und Wiesenkanzleien, deren Anwälte schon mal als Taxifahrer jobben müssen.

BRAK-Präsident Filges hält dagegen, will von einer "Anwaltsschwemme" nicht sprechen: "Unter den 150 000 Anwälten gibt es eine nicht unerhebliche Zahl, die als Syndikusanwälte in Unternehmen oder Verbänden arbeiten. Aufgrund der wachsenden Komplexität im Recht wächst auch hier das Bedürfnis nach In-house-Beratung". Darüber hinaus spiele natürlich auch die aktuelle Arbeitsmarktsituation eine Rolle. "Viele Juristen beantragen in der Bewerbungszeit nach dem zweiten Staatsexamen die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft und geben sie, nachdem sie einen nichtanwaltlichen Arbeitsplatz gefunden haben, wieder ab". Eine Untersuchung des Institutes für Freie Berufe habe ergeben, dass jährlich etwa 15 Prozent der jungen Anwälte im Alter bis zu 39 Jahren ihre Zulassung zurückgäben. Trotzdem räumt der BRAK-Präsident auch ein: "Für den einzelnen Anwalt bedeutet diese Entwicklung erst einmal einen stärkeren Wettbewerb." Auch der Rechtsberatungsmarkt sei ein Markt. "Und auch hier gelten folglich die Gesetze des Marktes."

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