Arbeitsrecht
Der kalte Krieg im Büro

Deutsche Büros gleichen vielfach Minenfeldern. Die Angst vor Mobbing und intriganten Kollegen geht um. Wann Führungskräfte bei Auseinandersetzungen den Job riskieren und wie sich Mitarbeiter gegen Despoten wehren können.
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DüsseldorfHöchstrichterliche Urteile können nicht nur wegweisend, sondern zuweilen auch höchst unterhaltsam sein. So erlaubt eine Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts (BAG 2 AZR 534/08) einen ungewöhnlichen Blick hinter die Kulissen der Sparkassenversicherung Sachsen.

Eine von drei Organisationsleiterinnen soll sich laut ihren Kolleginnen über ihren Vorgesetzten „ehrverletzend und herabwürdigend“ geäußert haben. Laut Urteilstext habe sie behauptet, dass ihr Bezirksleiter sich einer Bandscheibenoperation unterzog, weil er „dringend eine Pause gebraucht hätte, da er in mehrere Machenschaften verwickelt sei“.

In einem weiteren Gespräch soll die Führungskraft erklärt haben, dem Vorgesetzten wäre bereits gekündigt, weil gegen ihn ein Strafverfahren laufe. Diese Aussagen bestätigten zwei Kolleginnen per eidesstattlicher Versicherung. Die Organisationsleitern soll demnach auch erklärt haben, dass der Versicherer unmittelbar vor der Übernahme stehe und eine Leitungsposition gestrichen werden sollte.

Obwohl die mitteilsame Mitarbeiterin alles abstritt und sich angeblich nur über die „Diskrepanz zwischen den Zielvorgaben und den Garantieprovisionen“ ausgelassen hatte, folgte die fristlose außerordentliche Kündigung. Grund: Der Betriebsfrieden sei gestört.

Die Richter des BAG erklärten die Kündigung für unwirksam. Es komme auf die Umstände der Äußerung an, in diesem Falle ein „vertrauliches Gespräch unter Arbeitskollegen“. Arbeitnehmer dürften in dieser Situation davon ausgehen, dass der Inhalt nicht nach außen getragen werde.

Mitarbeiter müssen nicht damit rechnen, dass sie mit ihren vertraulichen Gesprächen den Betriebsfrieden stören. Auch eine mögliche Lüge über den Inhalt des Gesagten sollte „einer gedeihlichen Zusammenarbeit nicht im Wege stehen“ befanden die Richter. Der Versicherer wollte die Vorgänge nicht kommentieren.

Das Beispiel zeigt, was passiert, wenn der kalte Krieg im Büro eskaliert. Wie es um die Unternehmenskultur in deutschen Büros bestellt ist, belegt eine repräsentative Umfrage der Unternehmensberatung Rochus Mummert unter 1057 Befragten. 48 Prozent der Arbeitnehmer haben Angst, Fehler zu machen. Jeder dritte fürchtet sich vor Konflikten mit Vorgesetzten, 28 Prozent vor Mobbing am Arbeitsplatz.

Kommentare zu " Arbeitsrecht: Der kalte Krieg im Büro"

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  • „Das deutsche Arbeitsrecht gilt als intransparent und schwer verständlich. Alle bisherigen Versuche, zumindest das Arbeitsvertragsrecht (das sog. Individualarbeitsrecht) in einem Gesetzbuch zusammenzufassen, sind bislang gescheitert. Arbeitsrechtliche Regelungen finden sich daher in einer Vielzahl von einzelnen Gesetzen. Wegen der Lückenhaftigkeit der Gesetze ist Arbeitsrecht darüber hinaus weitgehend Richterrecht. Dies bedeutet, dass das Arbeitsrecht in großem Umfang durch die höchstrichterliche Rechtsprechung geprägt wird.
    Die Verständlichkeit des Arbeitsrechts für den Bürger wird dadurch erheblich erschwert.
    Es ist schon bedauerlich, dass der Gesetzgeber den „großen Wurf“ eines Arbeitsvertragsgesetzbuches
    nicht wagt. Höchst bedenklich wird es aber, wenn der Gesetzgeber nicht einmal dann mehr tätig wird, wenn sich, insbesondere durch Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs, ein dringender Handlungsbedarf für Gesetzesänderungen ergibt. Mittlerweile haben verschiedene arbeitsrechtliche Vorschriften einen Grad der Intransparenz erreicht, dass der Bürger geradezu in die Irre geführt wird.“
    Weiter kann man auf der offiziellen Website des Arbeitsgerichts Freiburg nachlesen:
    „Tragen die Parteien in einen Rechtsstreit zu einem entscheidungserheblichen Punkt eine unterschiedliche Sachverhaltsdarstellung vor und benennen sie jeweils für die Richtigkeit ihres Vorbringens Zeugen, so ordnet das Gericht die Durchführung einer Beweisaufnahme an“. Da Gerechtigkeit ohne Wahrheit nicht auskommt, sollte man annehmen, dass es auch in Arbeitsgerichtsverfahren bei der Suche nach der Wahrheit mehr oder weniger regelmäßig zu Beweisaufnahmen kommen müsste. Doch das exakte Gegenteil ist der Fall. Weil es regelmäßig zu keiner Beweisaufnhame kommt,kann für den diskriminierten Arbeitnehmer die vom AGG zugedachte Beweiserleichterung nicht greifen. Der Arbeitnehmer kann keine Diskriminierung glaubhaft machen kann und folglich bleibt dem Arbeitgeber eine Beweislastumkehr erspart.

  • Die Loesung waere ganz einfach: HOMEOFFICE

    Aber dazu sind die deutschen Konzerne viel zu unflexibel, so dass Kopfarbeiter nach wie vor wie die Weber im 19. Jahrhundert behandelt werden.

  • Es gibt aber nicht nur Mobbing von Vorgesetzten ggü Mitarbeitern, sondern auch Mitarbeitern untereinander und auch Mobbing oder besser Bossing ggü. dem Chef....
    Die Berichte sind hier zu einseitig.

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