Arbeitsrecht: Wenn die Beförderung zum Fiasko wird

Arbeitsrecht
Wenn die Beförderung zum Fiasko wird

Oft hält die Freude über eine Beförderung nicht lange vor. Viele Führungskräfte müssen Abstriche beim Kündigungsschutz hinnehmen und stehen in der Haftung. Was Aufsteiger besser wissen sollten.
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DüsseldorfNicht jeder Aufstieg bringt eine Führungskraft weiter. So erhielt ein leitender Angestellte aus Süddeutschland plötzlich das Angebot Geschäftsführer zu werden. Dem Arbeitgeber lag aber weniger an den Macherqualitäten der Führungskraft, sondern eher an der Sparkraft einer verschachtelten Unternehmensstruktur.

Aus einem zusammenhängenden Unternehmen wurden viele kleine GmBHs, in denen schlechtere Kündigungsschutzbedingungen gelten. „Anfangs hatte ich als Geschäftsführerin vier Mitarbeiterinnen, jetzt ist es nur noch einer“, sagt der Leitende. „Ich bekomme keinen Cent mehr, muss mehr arbeiten, habe weniger Verantwortung und muss für meine Gesellschaft im Zweifel auch noch haften“, so das bittere Resümee.

Nicht nur bei Sparvarianten müssen Führungskräfte die Risiken bei einem Aufstieg zum Geschäftsführer kennen. Gerade in Konzernen mit mehreren Gesellschaften kommt es häufig vor, dass gute Mitarbeiter die Geschäftsführung einer Tochtergesellschaft übernehmen können. Viele Arbeitnehmer verbinden damit Prestige und ergreifen gern die Chance, ein Unternehmen zu lenken und als Geschäftsführer den Ton anzugeben. „In der Realität kann sich dieser „Ritterschlag“ der Beförderung schnell in eine Kündigungs- und Haftungsfalle wandeln“, sagt Christoph Abeln, Inhaber der gleichnamigen Berliner und Frankfurter Kanzlei mit Spezialgebiet Arbeitsrecht.

Risiken für Geschäftsführer

Mit der Übernahme eines Geschäftsführerpostens ändern sich fast alle Rechte des betroffenen Mitarbeiters grundlegend. Geschäftsführer sind keine Arbeitnehmer, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Geschäftsführer sind das gesetzliche Vertretungsorgan der Gesellschaft, sie wechseln sozusagen die Seiten und werden rechtlich gesehen zu einem Teil des Arbeitgebers. Das Problem gerade für langjährig Beschäftigte mit hohen Abfindungsansprüchen: Sie genießen nach ihrer Beförderung plötzlich keinen Kündigungsschutz mehr.

Damit nicht genug: Auch die vielfältigen Haftungserleichterungen und Privilegien der Arbeitnehmer gelten nicht für Geschäftsführer. Im Gegenteil: das GmbH-Gesetz und die Rechtsprechung der Zivilgerichte erlegen den Geschäftsführern regelmäßig schwerwiegende Kontroll- und Haftungsregeln auf. „Wer dagegen verstößt, haftet unter Umständen mit seinem gesamten Privatvermögen“, sagt Abeln.

Besonders kritisch wird es in Krisenzeiten. Geschäftsführer machen sich schnell wegen Insolvenzverschleppung strafbar, wenn sie eine bevorstehende Insolvenz ignorieren oder zu lange hinauszögern. In schweren Fällen drohen dafür Haftstrafen von bis zu drei Jahren.

Auch privat müssen sie wegen den meist fordernden Gesellschaftern häufig Abstriche machen. Für Geschäftsführer gilt auch das Arbeitszeitgesetz nicht, es gibt also keine Höchstarbeitszeiten. Ebenso gilt das Bundesurlaubsgesetz nicht oder das Entgeltfortzahlungsgesetz, das den Einkommenserhalt während der Krankheit absichert. „All diese Selbstverständlichkeiten für Arbeitnehmer muss der Geschäftsführer mühsam einzeln aushandeln“, sagt Abeln.

Aufgrund des generellen Ungleichgewichts der Verhandlungspartner ließen sich jedoch nur in seltenen Fällen Arbeitnehmerschutzrechte ins Geschäftsführeramt retten.

Damit sich der Wechsel in die Geschäftsführung wirklich lohnt, müssen die Ausgewählten bei den Vertragsverhandlungen ein glückliches Händchen haben. Wer Geschäftsführer werden soll, muss erst seinen Wert als Arbeitnehmer kennen.

Durch nachteilige Vertragsgestaltungen kann er sämtliche arbeitsrechtlichen Schutzmechanismen verlieren. Und selbst, wenn ein Arbeitsverhältnis bestehen bleiben sollte, ist damit noch längst nicht garantiert, dass der Geschäftsführer auch Kündigungsschutz genießt. Nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts gilt: Wird ein schriftlicher Geschäftsführerdienstvertrag abgeschlossen, endet jedes zuvor bestehende Arbeitsverhältnis und „lebt“ auch nicht wieder auf, wenn der Geschäftsführervertrag endet.

Nur wenn die Vertragspartner ausdrücklich schriftlich vereinbaren, dass das ursprüngliche Arbeitsverhältnis nicht beendet werden soll, bleibt das Arbeitsverhältnis auch bei einem schriftlichen Geschäftsführer-Dienstvertrag bestehen. „Auch, wenn ein Arbeitnehmer ohne schriftlichen Dienstvertrag Geschäftsführer wird, bleibt sein Arbeitsverhältnis erhalten“, sagt Abeln. Es ruht dann solange, bis der Geschäftsführervertrag endet. „Ist man erst einmal zum Geschäftsführer bestellt, führt in der Regel kein Weg mehr zurück in das Arbeitnehmerdasein beim derzeitigen Arbeitgeber“, sagt Abeln.

Die Schutzrechte aus dem Arbeitsverhältnis sind unwiederbringlich verloren, allen voran der Kündigungsschutz. Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen gelten für den Geschäftsführer nicht mehr, er hat als ehemals leitender Angestellter auch keinen Vertreter mehr im Sprecherausschuss.

Führungskräfte sollten daher durch eine entsprechende Vertragsgestaltung für den Krisenfall vorsorgen und sich eine Rückkehrmöglichkeit zum Mutterkonzern sichern oder gar eine Abfindungsregelung für die vorzeitige Beendigung des Anstellungsvertrages verhandeln. Wichtig ist eine Beratung im Vorfeld: ist der Vertrag erst unterschrieben, ist es zu spät.

Lesen Sie auf den nächsten Seiten die zehn größten Risiken für Geschäftsführer.

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