Arbeitszeugnis vor Gericht
Note 3 ist eine durchschnittliche Leistung

Eine Leistung „zur vollen Zufriedenheit“ entspricht im Arbeitszeugnis der Note 3. Und das ist laut Bundesarbeitsgericht noch immer der Durchschnitt. Von einem neuen Bewertungsschema wollen die Richter nichts wissen.
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DüsseldorfWer eine durchschnittliche Arbeitsleistung erbracht hat, darf im Arbeitszeugnis mit der Note 3 bewertet werden. Im Zeugnisdeutsch heißt das „zur vollen Zufriedenheit“. Das hat am Dienstag der neunte Senat des Bundesarbeitsgerichts (BAG) entschieden (Az.: 9 AZR 584/13). Möchte der Arbeitnehmer eine bessere Note, muss er für seine überdurchschnittlichen Leistungen selbst Beweise vorlegen.

Für Frau S. aus Berlin dürfte das Urteil eine Enttäuschung sein. Die Bürokraft war ein Jahr lang in einer Zahnarztpraxis angestellt. Volle drei Jahre zog sich der Streit um ihr Arbeitszeugnis hin. Cornelius Krakau dagegen, der Anwalt ihrer ehemaligen Chefin, gibt sich nach der Entscheidungsverkündung zufrieden: „Die aktuelle Rechtslage bleibt bestehen. Das Gericht sah keinen Anlass, am bisherigen Bewertungsschema zu rütteln.“ Relevant ist diese Entscheidung aber nicht nur für die Zahnärztin und ihre ehemalige Angestellte, sondern für alle Arbeitnehmer und Personalentscheider in Deutschland.

In dem Streit ging es zuletzt nur noch um die Gesamtbewertung ihrer Leistung. Die Angestellte forderte ein „stets zu unserer vollen Zufriedenheit“ – was der Note „gut“, einer zwei, entspricht, da ihre Arbeit tadellos gewesen sei. Die ehemalige Chefin wollte ihr jedoch nur ein „zu unserer vollen Zufriedenheit“, also ein „befriedigend“ – Note 3, attestieren, da sie keine überdurchschnittliche Leistungen erbracht habe und es zu zahlreichen Fehlleistungen gekommen sei.

„Dass in einem solchen Fall überhaupt das BAG bemüht wurde, ist zunächst einmal ungewöhnlich“, sagt Marc Repey, Fachanwalt für Arbeitsrecht in der Berliner Kanzlei Abeln. „Aber hier hatten das Arbeitsgericht (Az.: 28 Ca 18230/11) und das Landesarbeitsgericht (Az.: 18 Sa 2133/12) der ständigen Rechtsprechung des BAG (Az.: 9 AZR 12/03) widersprochen.“ Deshalb war die Revision zum obersten Arbeitsgericht zugelassen.

Nun bleibt doch alles, wie es war: Möchte ein Arbeitnehmer im Zeugnis insgesamt mit einer besser als durchschnittlichen Note („befriedigend“) bewertet werden, muss er beweisen, dass er bessere Leistungen erbracht hat. Und umgekehrt: Will ein Arbeitgeber bei der Gesamtbewertung eine schlechter als durchschnittliche Note vergeben, muss er Verfehlungen des Mitarbeiters nachweisen.

Den konkreten Fall haben die Bundearbeitsrichter an das Landesarbeitsgericht zurückverwiesen. Dieses muss nun prüfen, ob die von der Bürokraft vorgetragenen Leistungen eine Beurteilung im oberen Bereich der Zufriedenheitsskala rechtfertigen – oder ob die Zahnärztin hiergegen „beachtliche Einwände“ vorbringt.

Kommentare zu " Arbeitszeugnis vor Gericht: Note 3 ist eine durchschnittliche Leistung"

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  • Benotungen und Feinheiten in Arbeitszeugnissen sind eigentlich kalter Kaffee.
    Wer, möglichst über längere Zeit, ein gutes bzw. überdurchschnittliches Gehalt, nachweisen kann, kann etwas und ist 1. Wahl für Arbeitgeber, die Qualität suchen. Personalchefs bzw. Personal-Sachbearbeiter, die Erbsen zählen, sind in erster Linie an ihrem Tätigkeitsnachweis interessiert, daher die Zeugniskrämerei. In einer Probezeit trennt sich somit schnell die Spreu vom Weizen.

  • Zunächst muss man überhaupt ein Arbeitszeugnis bekommen. Bei der IDS-Scheer habe ich wie so viele Kollegen auch, gar keines erst bekommen. Und wer rennt schon zum Gericht, um ein Arbeitszeugnis zu erstreiten.
    Da die IDS Scheer nun mehr oder minder bereits Geschichte ist, habe ich in ein paar Jahren vermutlich eine riesige Lücke von 5 Jahren im Lebenslauf, weil sich keiner mehr an den Laden erinnert.

  • Nun ja, das BAG zeigt sich einmal mehr lebensfremd.
    Auch in den Senaten von Bundesgerichtshöfen sollten vielleicht mehr Menschen sitzen, die heutige Alltäglichkeiten tatsächlich statt vom Hörensagen kennen.

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