BGH-Verhandlung
Anonymität kontra Auskunftsanspruch

Wie weit geht das Recht auf Anonymität im Internet? Diese Frage muss heute der Bundesgerichtshof beantworten. Ein Arzt hatte geklagt, weil er wissen will, wer hinter der Negativbewertung in einem Onlineportal steckt.
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KarlsruheDer Bundesgerichtshof in Karlsruhe hat am Dienstag über die Grenzen der Anonymität im Internet beraten. In dem Fall vor dem VI. Zivilsenat wehrt sich das Bewertungsportal Sanego gegen ein Urteil des Oberlandesgerichts Stuttgart, Namen und Anschrift eines Nutzers zu nennen, der falsche Tatsachen über einen Arzt aus Schwäbisch-Gmünd verbreitet hat. Bei solchen Bewertungsportalen können Patienten anonyme Beiträge veröffentlichen, die anderen bei der Arztwahl helfen sollen. Eine Entscheidung wird am 1. Juli verkündet.

Der Mediziner sieht sich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt. „Es darf nicht sein, dass jemand derartige Vorwürfe erhebt, ohne seine Identität preiszugeben“, sagte der niedergelassene Mediziner der Nachrichtenagentur dpa. Die strittige Bewertung habe „unwahre und damit im Grundsatz unzulässige Tatsachenbehauptungen“ enthalten, sagte der Vorsitzende Richter Gregor Galke - etwa, dass der Patient drei Stunden im Wartezimmer gesessen habe und dass Patientenakten in Wäschekörben aufbewahrt worden seien. Der Richter stellte die Frage: Greift der Schutz der Anonymität auch dann, wenn der Nutzer das Portal verwendet, „um in Grundrechte anderer einzugreifen“?

Der Arzt leitet seinen Anspruch auf Auskunft vor allem aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) ab, wie Rechtsanwalt Matthias Siegmann ausführte. Mit der Verbreitung falscher Tatsachenbehauptungen habe der Nutzer den Internet-Dienst missbraucht. Die seit 2011 wiederholt veröffentlichten Vorwürfe wurden zwar gelöscht, Sanego will dem Arzt aber nicht die Identität des Nutzers preisgeben und beruft sich dabei auf die vom Telemediengesetz verlangte anonyme Bereitstellung des Dienstes. Dies dürfe nicht unter den im Telemediengesetz verankerten Schutz der Anonymität fallen, argumentiert hingegen der Kläger. Dieses Gesetz aus dem Jahr 2007 sieht vor, dass Internet-Dienste wie Bewertungsportale oder auch Diskussionsforen eine Nutzung mit Pseudonym oder ganz anonym ermöglichen müssen.

„Es ist sehr zu begrüßen, wenn diese Frage jetzt höchstrichterlich geklärt wird, weil sie von sehr grundsätzlicher Bedeutung ist“, sagte die auf Internetrecht spezialisierte Düsseldorfer Anwältin Eva Dzepina der Nachrichtenagentur dpa. Bewertungsportale gibt es im Netz zu Berufsgruppen wie Lehrern und Handwerkern ebenso wie zu Produkten.

„Der Betroffene ist nicht schutzlos“, sagte allerdings Richterin Vera von Pentz während der Verhandlung. „An den Täter kommt er dadurch heran, dass er Strafanzeige stellt.“ Im Kern des Streits geht es somit vor allem darum, ob es auch einen einfachen zivilrechtlichen Anspruch auf Auskunft gibt, auch ohne eine Strafanzeige.

In den beiden Stuttgarter Vorinstanzen hatte der Arzt weitgehend Recht bekommen. Daraufhin legte Sanego in der Frage des Auskunftsanspruchs Revision ein.

Für Sanego sagte Rechtsanwalt Thomas von Plehwe, der Auskunftsanspruch sei nicht gerechtfertigt. Der Gesetzgeber habe mit dem Telemediengesetz eine eindeutige Norm geschaffen und Ausnahmen eng abgesteckt. Die Anonymität im Netz sei von hoher politischer Bedeutung, sagte der Mainzer Rechtsanwalt Jens Gmerek, der Sanego bei den Verfahren in Stuttgart vertreten hatte. „Wenn wir anfangen, diese aufzuweichen, dann entfernen wir uns vom Rechtsstaat.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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