Igel-Leistungen
Wenn Ärzte doppelt bei Patienten kassieren

Verbraucherschützer warnen vor Betrug mit vermeintlichen Zusatzleistungen. Arztpraxen kassieren für eine Leistung zweimal – einmal von der Kasse, einmal vom Patienten.

BerlinVerbraucherschützer warnen vor betrügerischen Praktiken mancher Ärzte. Unter den rund 120.000 niedergelassenen Medizinern bundesweit gibt es laut Recherchen der „Welt am Sonntag“ Fälle, in denen Ärzte ihren Patienten vermeintliche Selbstzahler-Leistungen verkauften und diese zugleich bei den gesetzlichen Krankenkassen abrechneten.

In Frankfurt am Main ermittele die Generalstaatsanwaltschaft derzeit im Fall einer großen Praxis für Gastroenterologie, die von tausenden Patienten über Jahre hinweg bei Magen- und Darmspiegelungen jeweils 40 Euro Zusatzgebühr für eine Vollnarkose verlangt habe. Dabei sei diese Leistung bereits von den Krankenkassen bezahlt worden.

Solche Doppelabrechnungen seien auch in anderen medizinischen Fachrichtungen verbreitet, hieß es in dem Bericht unter Berufung auf Experten der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam mit ihren Kollegen in Berlin und Rheinland-Pfalz nahmen sie den Angaben zufolge im vergangenen Herbst rund 200 Augenärzte unter die Lupe. Etwa die Hälfte aller Praxen verlangte zwischen zehn und 18 Euro für eine Sehstärkenbestimmung oder die Aushändigung der ermittelten Werte an die Patienten. Beides sei aber bereits durch die Kassen abgedeckt gewesen.

Weil Patienten oft nicht wissen, welche Leistungen die Kassen übernehmen, fordert der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, Klaus Müller, gesetzlich vorgeschriebene Bedenkzeiten für Selbstzahler-Leistungen. „Ad-hoc-Entscheidungen im Behandlungszimmer sind nicht zumutbar.“ Der Patient müsse ausreichend Bedenkzeit für eine Zusatzleistung haben, sagte Müller. Nur so ließen sich Geschäft und medizinische Versorgung klar voneinander trennen.

Auch der Staatssekretär im Bundesverbraucherschutzministerium, Gerd Billen, sagte: „Individuelle Gesundheitsleistungen sind grundsätzlich nicht dringend. Patienten sollten sich gründlich informieren, bevor sie eine Entscheidung für oder gegen eine solche Leistung treffen.“

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), erteilte dem Vorschlag einer Bedenkzeit allerdings eine Absage. Patienten müssten dann zweimal statt einmal zum Arzt gehen.

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
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