Insolvenzverfahren
Zur Rettung über den Teich

Kann ein deutsches Unternehmen in eine Insolvenz nach US-Recht gehen? Was muss das Management beachten? Warum das deutsche Insolvenzplanverfahren an strukturellen Defiziten leidet - und seine Tauglichkeit für Sanierungen einschränkt ist.

HB. Die Reform des deutschen Insolvenzrechts 1999 sollte die Sanierung als Alternative zur Liquidation stärken. Vorbild war das Reorganisationsverfahren nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts. In Anlehnung daran führte der deutsche Gesetzgeber das Insolvenzplanverfahren ein. Im Gegensatz zum Verfahren nach Chapter 11 leidet das deutsche Insolvenzplanverfahren aber an strukturellen Defiziten, die seine Tauglichkeit für Sanierungen einschränken.

Aufseher oder Verwalter?

Unter Chapter 11 werden die Geschäfte des insolventen Unternehmens im Wesentlichen von seinem Management geführt. Ein gerichtlich bestellter Verwalter führt lediglich die Aufsicht. Eine solche Eigenverwaltung kennt auch das deutsche Insolvenzrecht, sie wird aber nur selten angeordnet. In der Regel übernimmt ein vom Gericht bestellter Insolvenzverwalter die Geschäfte.

Auf seine Auswahl haben die Gesellschafter und Gläubiger keinen rechtlich gesicherten Einfluss. Zwar sind die Gerichte gerade bei Großinsolvenzen zunehmend zur Kooperation mit den Beteiligten bereit. Verlässlich planbar ist das für die Gesellschafter und Gläubiger jedoch nicht. Ob sich der vom Gericht zu bestellende Insolvenzverwalter der Mühe eines Planverfahrens unterziehen oder nicht doch den bequemeren Weg der sogenannten übertragenden Sanierung oder gar der Zerschlagung des Unternehmens gehen wird, können sie im Vorfeld häufig nicht abschätzen.

Außergerichtliche Sanierung

Wegen der Unwägbarkeiten des Insolvenzverfahrens bemühen sich Gesellschaft und Gläubiger häufig um eine außergerichtliche Sanierung - vor allem dann, wenn es sich bei den Gläubigern nicht um die ursprünglichen finanzierenden Banken handelt, sondern um Finanzinvestoren, die die Schulden der Gesellschaft mit dem Ziel erworben haben, sie in Eigenkapital umzuwandeln. Durch Umwandlung von Schulden in Eigenkapital (Debt-to-Equity-Swap) wird das Unternehmen bilanziell saniert.

Parallel dazu versuchen Restrukturierungsberater, dem Unternehmen operativ auf die Beine zu helfen. Eine außergerichtliche Sanierung ist jedoch ein Kampf gegen die Uhr. Gesellschafter und Gläubiger müssen sich einigen. Ohne Zustimmung der Gesellschafter ist die Umwandlung von Fremd- in Eigenkapital nicht möglich. Kunden und Lieferanten müssen bei der Stange gehalten werden. Währenddessen benötigt das Unternehmen Liquidität - woher soll sie kommen? Banken winken meist ab. Insolvenzgeld gibt es nur im Eröffnungsverfahren und bevorrechtigte Massekredite erst im eröffneten Insolvenzverfahren. Ein solches soll aber gerade vermieden werden.

Je länger sich die außergerichtliche Sanierung hinzieht, desto stärker werden Liquidität und Substanz des Unternehmens aufgezehrt und desto geringer werden die Erfolgsaussichten. Am Ende bleibt häufig nur die Insolvenz. Die Folge ist eine Zerschlagung des ausgebluteten Unternehmens zum Schleuderpreis.

Sanierung in der Insolvenz

Dies ließe sich verhindern, wenn Gesellschafter und Gläubiger motiviert wären, früh eine Sanierung im Insolvenzverfahren anzustreben. Hierzu müsste der Gesetzgeber das Insolvenzverfahren attraktiver gestalten. Drei Forderungen werden von Banken und Insolvenzverwaltern vor allem erhoben: eine für die Beteiligten berechen- und beeinflussbare Auswahl des Insolvenzverwalters, die Einführung eines Debt-to-Equity-Swaps im Insolvenzplanverfahren auch gegen den Willen einzelner Gläubiger und der Gesellschafter, und die Einführung eines Insolvenzverfahrens für Konzerne, um im Fall einer Konzerninsolvenz ein ungeordnetes Nebeneinander zahlreicher Einzelverfahren zu vermeiden.

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