Internationale Verträge
Japan entdeckt das deutsche Recht neu

Japans Wirtschaft besinnt sich in der Krise zurück auf die Anwendung europäischen Rechts für internationale Verträge. Dagegen verlieren Vertragsabschlüsse nach angelsächsischem Recht in Nippon an Beliebtheit. Die deutsche Wirtschaft vor Ort begrüßt den Trend.

TOKIO. Im 19. Jahrhundert hatte Japan ursprünglich das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch für den eigenen Gebrauch angepasst – doch seit dem Zweiten Weltkrieg sind Abschlüsse im angelsächsischen Stil in Tokio zum Standard aufgerückt. „Das ging so weit, dass sogar deutsche und japanische Unternehmen US-Recht angewendet haben, obwohl beide Länder ein eigenständiges Rechtssystem auf der Basis des Civil Law besitzen“, sagt Rechtsanwalt Thomas Witty von der internationalen Kanzlei Arqis in Tokio. Nach dem Zusammenbruch des amerikanischen Finanzsystems habe das US-Modell nun etwas an Glanz verloren.

Japans Anwälte kennen sich im Auslandsgeschäft mit angelsächsischem Recht am besten aus und neigen dazu, es auch bei deutscher Beteiligung anzuwenden. Ein Abschluss zwischen einem deutschen und japanischen Unternehmen ist jedoch dann am klarsten aufgebaut, wenn die Anwälte kontinentaleuropäisches Recht zugrundelegen. Denn beide Länder stützen sich auf Gesetzbücher, an die sich die Richter halten müssen. Der Vertrag regelt nur das, was die Firmen wirklich vereinbaren wollen. Den Rest können sie den Gesetzen überlassen. In England hatte sich dagegen über die Jahrhunderte eine Rechtstradition entwickelt, in der Gesetze eine geringere Rolle spielten – die Richter stützten sich stattdessen auf frühere Urteile ihrer Kollegen.

Angelsächsische Anwälte versuchen daher, sämtliche Eventualitäten im Vertrag zu regeln. Die Dokumente werden damit sehr lang. „Ich sage meinen Mandanten, ein Abschluss im kontinentaleuropäischen Stil geht schneller und spart Kosten“, sagt Witty, der in Tokio mit der japanischen Kanzlei TMI Associates kooperiert. Witty betreut in Tokio jährlich bis zu 200 Firmenkunden aus Deutschland und Japan.

Der Kunststoffteilehersteller Nippon Plast und die Bielefelder Möller Gruppe haben sich beispielsweise bei einer Überkreuzbeteiligung dafür entschieden, ihren Vertrag dem deutschen Recht zu unterstellen. Beide Parteien sind mit ihrem vergleichsweise knappen und verständlichen Vertrag glücklich – sie vermissen nichts. „Das ist die Regel. Anders als viele Amerikaner glauben, ist auch mit dem kurzen Vertrag im deutschen Stil alles Wesentliche geklärt“, sagt Anwalt Witty.

Diese Haltung ist in Japan nicht selbstverständlich. Die Ursache liege in der Verbreitung des Englischen als Weltsprache, sagt Heinrich Menkhaus, der an der renommierten Meiji-Universität internationales Recht lehrt. „Wir haben eine Umpolung auf die Staaten des Common Law erlebt. Wenn man schon einmal eine gemeinsame Sprache hat, will man darin auch seine Verträge abschließen.“ Dazu kam laut Witty, dass die USA viele neue Formen des Wirtschaftens, insbesondere im Kapitalmarktrecht, überhaupt erst erfunden haben.

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