Interview zur Finanzkrise
„Banken spielen nach wie vor mit fremdem Geld, das ist gefährlich“

Die große Finanzkrise brachte vor zehn Jahren viele Finanzinstitute in Schieflage und Anleger um ihre Ersparnisse. Ein einmaliges Ereignis? Der Bamberger Finanzprofessor Andreas Oehler gibt sich da keinen Illusionen hin.
  • 34

DüsseldorfFür Finanzexperten wie Andreas Oehler gehen die Lehren und Konsequenzen aus der Finanzkrise nicht weit genug. Der Professor für Finanzwirtschaft an der Uni Bamberg kritisiert die Maßnahmen zum Verbraucherschutz und das Risikomanagement der Banken. Auch die Regulierung in Deutschland werde falsch gedacht.

Herr Oehler, nach der Finanzkrise wurde viel für den Verbraucherschutz getan. Kann eine massive Falschberatung heute noch passieren oder ist sie ausgeschlossen?
Falschberatung, die wenig oder gar keine Rücksicht auf die Bedürfnisse der privaten Kunden nimmt, gibt es jeden Tag. Das hat sich nicht wesentlich geändert. Solange die Provision maßgeblich ist, also entweder die Provision für die Zeit bei der Honorarberatung oder die Provision für bestimmte Finanzprodukte, solange wird sich das systematisch auch nicht ändern.

Die Deutschen werden heute also nicht besser beraten als vor der Krise?
Nein. Es beginnt schon mit der Exploration oder – wie man das vom Arzt-Patienten-Verhältnis kennt – der Diagnose. Das ist aus meiner Sicht der Hauptknackpunkt: das Aufnehmen der wesentlichen Aspekte der Situation des Kunden. Dies macht richtig Arbeit und wird oft eher rudimentär erbracht.

Das Beratungsprotokoll soll Falschberatung eigentlich verhindern.
Beim Beratungsprotokoll war von Anfang an erkennbar, dass es nicht funktionieren kann. Es dient heute eher der Freizeichnung der Anbieter. Der Berater schreibt das auf, was möglichst wenig angreifbar ist. Mit dem Beratungsprotokoll wurde ein Anreiz geschaffen, die bisherige Beratungspraxis fortzusetzen: Wie soll ein Kunde, der doch den Rat sucht, verstehen und erkennen, ob im Protokoll etwas steht, was nicht stimmt? Unterschrieben werden muss das Protokoll gar nicht, dazu werden Kunden nur teilweise angehalten.

Helfen die Produktinformationsblätter, die mittlerweile ebenfalls Pflicht sind?
Viele Produktinformationsblätter sind schlecht verständlich, intransparent - und ähnliche Produkte können nicht miteinander verglichen werden. Es wird den Kunden systematisch schwergemacht, sich selbst zu informieren. Produktinformationsblätter könnten eine wichtige Rolle spielen, wenn man sie klar und verständlich gestaltet, die Informationen vergleichbar und verifizierbar wären und überprüft würden.

Also machen all die Maßnahmen, die zum Schutz der Verbraucher eingeführt wurde, die Beratung nicht besser?
Das einzige, was die Beratung für den Kunden wirklich besser machen würde, wäre eine Beweislastumkehr. Der Anbieter müsste dann beweisen, dass der Kunde Unrecht hat. Das ist die einzige Chance, die ein Kunde hat. Andernfalls müsste er die Produkte und das Protokoll komplett verstehen, und das in einer Situation, in der er ja gerade der Ratsuchende ist, der das Verständnis für die Finanzprodukte in der erforderlichen Tiefe in der Regel nicht hat. Wie soll jemand, der weniger weiß und weniger versteht, beurteilen können, was in der Beratung gelaufen ist?

Dann ist wohl auch das Beschwerderegister bei der Bafin wenig hilfreich?
Das gleiche Problem. Der Kunde muss erkennen, dass etwas nicht so läuft, wie es laufen sollte. Für den einzelnen Kunden ist das Beschwerderegister aus meiner Sicht ziemlich sinnlos. Doch für die Verbraucherschützer ist es durchaus sinnvoll. Die Expertenmacht der kollektiven Verbraucher im Zusammenspiel mit der Bafin kann durchaus etwas erreichen.

Wie schützen Anleger sich?
Ein gesundes Misstrauen oder wie man es in der Wissenschaft nennt, Risikobewusstsein und Selbstkontrolle, helfen. Bei existenziellen Dingen wie physische Gesundheit oder finanzielle Existenz und Altersvorsorge sollte man sich von der Annahme verabschieden, dass jeder immer alles wissen und alleine tun kann. Unsere Wirtschaft ist doch extrem arbeitsteilig aufgebaut: Warum soll ausgerechnet ein Privatkunde alles selbst können müssen? Das ist eine der Lehren aus der Finanzkrise. Das gilt auch für die Regulierung.

Seite 1:

„Banken spielen nach wie vor mit fremdem Geld, das ist gefährlich“

Seite 2:

Das Risikomanagement hat nicht funktioniert

Kommentare zu " Interview zur Finanzkrise: „Banken spielen nach wie vor mit fremdem Geld, das ist gefährlich“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Deshalb werde ich mein Geld selber verwalten und vermehrt in digitalen Währungen stecken.
    Die Banken sind die Dinosaurier der digitalen Zeit, die irgendwann aussterben werden.

  • Herr Heinz Keizer@da war eine Frage und keine Antwort, sind Sie Politiker ?

  • @ Herr Peter Spiegel24.08.2017, 18:13 Uhr

    Wenn Sie nur ein Konto haben, über das Sie ihre Zahlungen abwickeln, also weder Geld zum Anlegen haben, noch z.B. eine Baufinanzierung brauchen, wozu benötigen Sie dann eine Beratung? Wenn Sie aber planen ein Haus zu bauen/kaufen oder Sie haben Geld geerbt, das Sie jetzt anlegen wollen, sollten Sie sich vorher bei neutraler Stelle (Verbraucherzentrale, Verbraucherservice) informieren. Wenn Sie dort Ihr Anliegen vortragen, entsprechende Unterlagen mitbringen und bereit sind pro halbe Stunde Beratung ca. 30 € zu zahlen, bekommen Sie kompetente Hilfe. Aber wer hat nur ein Konto, ohne Versicherung, ohne Riestervertrag, ohne sonstige Altersvorsorge? Dieser "Glückliche" braucht keine Beratung und wird von der Bank wohl auch keine Angebote über unverständliche Produkte bekommen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%