Müsli, Reis und Tagespflege-Creme Verbraucherschützer klagen über zu luftige Verpackungen

Ein Röntgentest bringt es an den Tag: Etliche Lebensmittel- und Kosmetikpackungen enthalten neben der Ware vor allem viel, viel Luft. Verbraucherschützer fordern deshalb strengere Regeln für die Verpackungsgestaltung.
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In einem Test der Verbraucherzentrale Hamburg stellte sich heraus, dass Verpackungen im Mittel 40 Prozent Luft enthalten. Quelle: dpa
Verbraucher ärgern sich über zu große Verpackungen

In einem Test der Verbraucherzentrale Hamburg stellte sich heraus, dass Verpackungen im Mittel 40 Prozent Luft enthalten.

(Foto: dpa)

DüsseldorfDie Verbraucherzentrale Hamburg hat in diesem Monat wieder etwas gemacht, was man als Verbraucher beim Einkaufen manchmal auch gerne machen würde. Sie hat gut verschlossene Lebensmittel- und Kosmetikpackungen mit einem Röntgengerät durchleuchtet. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Packungen der Stichprobe – ob Müsli, Reis oder Tagespflege-Creme – enthielten nach Angaben der Verbraucherschützer durchschnittlich 40 Prozent Luft.

„Viele Menschen empfinden das als Täuschung, vielleicht sogar als Betrug“, sagte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller, der Deutschen Presse-Agentur über solche aufgeblasenen Packungen. „Sie zahlen ja für etwas, was sie nachher in der Form nicht bekommen.“ Dies sei ein Dauerärgernis etwa beim Kauf von Kaffee, Getränkepulver, Nachspeisen, Frühstückscerealien oder Instantbrühe. Die Verbraucherzentrale fordert deshalb strengere Regelungen gegen zu viel Luft in Lebensmittel-Packungen.

Neu ist das Problem nicht. „Die Verpackung muss ehrlicher werden“, forderte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schon 1964. Doch geändert hat sich wenig. Wenn man den Handelsverband Lebensmittel auf das Thema anspricht, verweist er auf die Verpflichtung, am Regal den Grundpreis des Produkts auszuweisen, also anzugeben, wie viel 100 Gramm, 1 Kilogramm oder 1 Liter des Produkts kosten. Das soll dem Verbraucher den Preisvergleich erleichtern.

Das ist die Mogelpackung des Jahres
Negativpreis
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Die Verbraucherzentrale Hamburg verleiht den Negativpreis Mogelpackung des Jahres seit 2013. An der Wahl 2016 nahmen insgesamt 26.132 Verbraucher teil, sechs Mal so viele wie im vergangenen Jahr. 2014 erhielt die Windelmarke Pampers von Procter & Gamble den Negativpreis. Diese Produkte waren in diesem Jahr nominiert...

Nominiert: „Dentagard“ von Colgate-Palmolive
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Der Konsumgüterriese hat im vergangenen Jahr die Füllmenge seiner Dentagard-Zahnpasta von 100 Milliliter auf 75 Milliliter reduziert. Doch die Tube sei weiterhin in den meisten Drogerien und Supermärkten zum gleichen Preis verkauft worden, sagen die Verbraucherschützer. Der geschrumpfte Inhalt entspreche einer versteckten Preiserhöhung von 33,3 Prozent.

Nominiert: „Herta Finesse Schinken“ von Nestlé
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Auf den ersten Blick wurden die Schinkenspezialitäten von Herta sogar billiger. Statt 2,19 Euro oder 2,29 Euro kosteten sie laut Verbraucherzentrale nur noch 1,89 Euro oder 1,99 Euro. Gleichzeitig sei die Füllmenge der neuen Packungen aber drastisch reduziert worden – von 150 auf 100 Gramm. Dadurch ergebe sich eine Preiserhöhung von rund 30 Prozent.

Nominiert: „Curry Ketchup“ von Heinz
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Bei der sogenannten Kopfsteher-Flasche seines Curry Ketchups hat das Unternehmen die Füllmenge von 500 auf 400 Milliliter reduziert. Da gleichzeitig auch der Preis etwas gestiegen sei, entspreche das einer versteckten Preiserhöhung von bis zu 28 Prozent, beklagen die Verbraucherschützer. Zudem sei die ganze Palette der verschiedenen Heinz-Kopfsteherflaschen kleiner geworden.

Nominiert: „Jacobs Latte macchiato classico“ von Jacobs Douwe Egberts
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Der Kaffeekonzern hat die Füllmenge der Kapselpackung um fast die Hälfte reduziert. Sie sank von 475,2 auf 264 Gramm. Außerdem hat das Unternehmen laut den Verbraucherschützern statt echter Milch in Form von Vollmilchkonzentrat nun „Mogelmilch“ verwendet. Diese werde aus Sahneerzeugnis, Milchproteinen, Milchmineralien und Wasser zusammengefügt und von Verdickungsmittel zusammengehalten.

Der Sieger: „Bebe Zartcreme“ von Johnson & Johnson
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Die Mogelpackung des Jahres ist nach Ansicht von Verbrauchern die Bebe Zartcreme. In einer Online-Abstimmung der Verbraucherzentrale Hamburg votierte knapp ein Drittel von insgesamt mehr als 26.000 Verbrauchern für das Kosmetikprodukt aus dem Hause Johnson & Johnson, wie die Verbraucherschützer am Montag mitteilten. Die Bebe Creme ist ihren Angaben zufolge durch neue Füllmengen um bis zu 84 Prozent teurer geworden.

Doch ob das immer hilft, darf bezweifelt werden. „Wir kaufen auch mit dem Auge. Die größere Verpackung suggeriert mehr Inhalt und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir zugreifen“, betont der Marketingexperte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU. Auch wenn der Verbraucher es eigentlich besser wisse, schaue er einfach nicht jedes Mal nach dem Grundpreis am Regal.

Der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft BLL weist außerdem darauf hin, dass größere Verpackungen bei bestimmten Lebensmitteln aus technischen Gründen notwendig seien. So benötigten Kartoffelchips oder Kekse als „Polster“ quasi Luft in der Tüte, damit sich nicht zerbröselt beim Verbraucher ankommen. Bei vielen Cerealien sei die Größe der Verpackung durch vorsichtige Schüttung in der Abfüllung bedingt. Von einer „Mogelpackung“ könne nach der Rechtsprechung in der Regel erst die Rede sein, wenn der Luftraum in der Verpackung mehr als 30 Prozent betrage.

Die Verbraucherzentrale Hamburg hält diese Vorgaben allerdings für zu lasch. Die Verbraucherschützer beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema. Zuletzt durchleuchtete sie Anfang Dezember 15 Produkte, über die sich Verbraucher beschwert hatten – von Frühstückscerealien mit einem gemessenen Luftanteil von 49 Prozent in der Verpackung bis zur Augenpflege-Creme mit einem Luftanteil von 68 Prozent. Und sie listet auf ihrer Online-Seite Tricks auf, mit denen die Branche arbeitet – von Sichtfenstern in den Verpackungen, die knapp unter der Befüllungsgrenze enden, bis zu doppelten Böden und Tiegeln mit auffällig dicken Wandungen bei Kosmetika-Produkten.

Diese Marken sind nicht mehr deutsch
Übernahmen deutscher Produkte
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Wenn ausländische Investoren eine deutsche Firma aufkaufen, sorgt das immer wieder für Unruhe. Sind da Arbeitsplätze in Gefahr, geht deutsches Wissen verloren? Ein Blick auf den Handel zeigt hingegen, dass solche Übernahmen seit langem Normalität sind. Ein Überblick (in alphabetischer Reihenfolge):

Beck's
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Die Bremer Brauerei wurde 2002 von der belgischen Interbrew-Gruppe (Stella Artois, Hoegaarden) aufgekauft, die heute als AB Inbev firmiert. Immerhin 1,8 Milliarden Euro sollen dabei als Kaufpreis geflossen sein.

Flex
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Das Verb „flexen“ steht längst im Duden, es bedeutet trennschleifen. Die Firma Flex geht auf einen vor knapp 100 Jahren gegründeten Schleifmaschinen-Hersteller aus Stuttgart zurück. Das Unternehmen war Teil des US-Konzerns Stanley Black & Decker, vor drei Jahren folgte die Übernahme der 250-Mann-Firma durch den chinesischen Elektrowerkzeughersteller Chervon.

Langnese
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„Like Ice in the Sunshine“ – dieser Song wurde in den 1980ern zum Werbe-Hit für die deutsche Eiscreme-Sorte, die seit 1936 Teil des niederländisch-britischen Unilever-Konzerns ist. Produziert wird in Heppenheim, wo nach Firmenangaben die größte Eisfabrik Europas steht – pro Jahr werden dort 1,5 Milliarden Portionen Eis hergestellt.

Leitz
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Der Aktenordner des traditionsreichen Stuttgarter Unternehmens ist nicht wegzudenken aus deutschen Büros, wenngleich der Bedarf wegen der zunehmenden Digitalisierung gesunken sein dürfte. Die Firma war in den 1990er Jahren vom schwedischen Konzern Esselte gekauft worden, der wiederum Anfang des Jahrtausends an US-amerikanische Investoren ging. „Made in Stuttgart“ sind die Ordner seit gut einem Jahr nicht mehr. Grund für die Produktionseinstellung: gestiegener Kostendruck und hohe Lohnkosten. Ein Teil der Fertigung ging an einen Esselte-Standort im niedersächsischen Uelzen, andere Teile wurden nach Polen und Tschechien verlagert.

Knorr
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Gewürzmischungen und Salatsoßen von Knorr sind seit 2000 Teil von Unilever, deutsche Knorr-Standorte gibt es aber noch in Auerbach (Sachsen) und Heilbronn (Baden-Württemberg).

Metabo
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Elektrowerkzeuge stellt auch Metabo her, etwa Bohrer. Das Unternehmen aus Nürtingen hat einige Eigentümerwechsel hinter sich, so übernahm der französische Investor Chequers Capital 2012 die Mehrheit. Ende 2015 schlüpften die Schwaben unter das Dach des japanischen Branchenriesen Hitachi Koki. Metabo beschäftigt weltweit 1.800 Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von etwa 400 Millionen Euro (2015).

Für die Verbraucherschützer ist das Thema aus zwei Gründen ärgerlich. Die Konsumenten würden hinters Licht geführt und auch die Umwelt leide. „Durch Luftverpackungen werden Ressourcen verschwendet“, klagen sie. Auch für den Transport der Produkte werde mehr Platz und damit mehr Kraftstoff benötigt.

Der Marketingexperte Fassnacht glaubt dennoch, dass die große Zeit der übergroßen Verpackungen vorbei ist. „Die Verbraucher sind in den vergangenen Jahren mächtiger und smarter geworden. Ich glaube nicht, dass man Mogelpackungen heute noch so problemlos anbieten kann wie früher. Das wird auf Dauer immer weniger werden“, prognostiziert er. Auch die wachsende Bedeutung des E-Commerce erschwere solche Tricks. „Denn im Internet ist der Einkauf weniger von Emotionen angetrieben und man vergleicht genauer die Leistung, die man für sein Geld bekommt.“

Eine Ausnahme werde es aber wohl weiter geben, ist Fassnacht überzeugt: „Zu Ostern oder zu Weihnachten sind wir mehr als sonst bereit, eine große Verpackung mit wenig Inhalt zu akzeptieren, weil wir etwas Größeres, Schöneres verschenken wollen.“

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