Streitfall des Tages
65 Prozent der Immobilie gehen an die Bank

Für das Eigenheim Geld kassieren und dennoch den Lebensabend dort verbringen – die Idee der Umkehrhypothek klingt verlockend. Doch einige Anbieter nutzen das neue Produkt, um ungeniert Kasse zu machen.
  • 0

Der Fall

Bei der Verbraucherzentrale NRW laufen immer wieder die Telefone heiß. Viele Rentner hören von der Möglichkeit einer Umkehrhypothek und wollen sich informieren. So wie die Schröders aus der Eifel. Das Ehepaar verfügt über eine Immobilie, die rund 200.000 Euro wert ist. Beide sind 67 Jahre alt und möchten in ihrem Häuschen alt werden. Dafür wollen sie es seniorengerecht umbauen und ziehen die Umkehrhypothek in Betracht - auch Immobilienrente, Zustifterrente, Reverse Mortgage genannt.

Sie würden maximal mit 50.000 Euro Auszahlung oder 310 Euro Monatsrente bis zum Lebensende rechnen können, erklären ihnen die Verbraucherschützer. Die Schuld würde sich nach etwa 19 Jahren Laufzeit auf 150.000 Euro belaufen. Für dieses Darlehen werde eine Hypothek eingetragen. Die Senioren müssten keine Zinsen berappen. Dafür gehe jedoch je nach Vertrag die Immobilie nach dem Tod des Eigentümers oder bei einem Auszug ins Altersheim in den Besitz des Käufers über. Alternativ könnte das Darlehen auch getilgt werden – etwa durch den Verkauf der Immobilie. Das Interesse der Schröders erlischt. „Wir würden nur ein Drittel der Summe erhalten, die am Ende zurückgezahlt werden muss," lautet ihr Fazit.

 

Die Rechnung

50.000 Euro für ein Haus, das auf 200.000 Euro geschätzt wird, das klingt zunächst nach Abzocke. „Doch der Betrag ist nachvollziehbar“, sagt Annabel Oelmann, Leiterin der Gruppe Finanzdienstleistungen in der Verbraucherzentrale NRW. Sie rechnet vor: „So kalkulieren viele Anbieter zunächst mit Wertabschlägen von beispielsweise 20 Prozent auf den Schätzwert der Immobilien.“ Daher beträgt die Darlehenssumme bei einem 200.000 Euro Haus oft nur 150.000 Euro.

Verliehen werden bei einem Darlehen, das 19 Jahre läuft, aber nur 50.000 Euro. Denn auf diesen Betrag fallen über die Jahre Zins und Zinseszins an, die gestundet werden. Und dieser Kosteneffekt wirkt bei längeren Laufzeiten enorm. Unterstellt wird dabei ein Zinssatz von sechs Prozent. Gebühren – etwa für die Stundung - wurden bei dieser Rechnung nicht berücksichtigt. Sie können den Kredit auf bis zu 10 Prozent per anno verteuern.  

Die Gegenseite

Die Immokasse ist Pionier und größter Anbieter von Umkehrhypotheken in Deutschland.

Geschäftsführer Lutz Delius hält die geschätzte Auszahlungssumme von 50.000 Euro bei einem Schätzwert von 200.000 Euro für durchaus realistisch. Die Immokasse zahle abhängig vom Alter des Kreditnehmers maximal 15 bis 35 Prozent vom Wert eines Objekts aus. Den raschen Anstieg der Schulden bestätigt Delius und erklärt den Effekt mit einem negativ wirkenden Zinseszinseffekt.

Auch die Immokasse rechne bei Krediten mit durchschnittlich 6,6 Prozent Zinsbelastung per anno. „Dennoch lohnt für die Kunden der Abschluss,“ so Delius. Im Schnitt seien sie beim Abschluss des Kreditvertrages 73 Jahre alt. Erst dann seien die Reserven aufgebraucht. Doch je älter der Immobilienbesitzer bei Kreditabschluss sei, desto höher falle die Auszahlungssumme aus.



Seite 1:

65 Prozent der Immobilie gehen an die Bank

Seite 2:

Wie Kunden Angebote prüfen können

Kommentare zu " Streitfall des Tages: 65 Prozent der Immobilie gehen an die Bank"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%