Streitfall des Tages
Dürfen Kleinstgewerkschaften das Land lahmlegen?

Auf dem Frankfurter Flughafen streiken die Vorfeldlotsen. Tausende Fluggäste sitzen fest. Für die Wirtschaft geht der Schaden in die Millionen. Ist das Streikrecht in seiner aktuellen Form noch zeitgemäß?
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Der Fall

Und wieder bleiben die Maschinen am Boden. Am Frankfurter Flughafen müssen sich Passagiere und Airlines noch bis Ende der Woche auf Verspätungen und Flugausfälle einstellen: Der Grund: 200 Mitarbeiter auf dem Vorfeld, vertreten durch die Gewerkschaft der Flugsicherung (GDF) haben ihre Arbeit niedergelegt und streiken – für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen.

Der Schaden, der durch den Arbeitskampf entsteht, ist immens. Durch den Streik sind nach Angaben von Fraport teils bis zu 30 Prozent Flüge ausgefallen. Der Umsatzverlust geht schon jetzt in die Millionen.

Die Relevanz

Seit einigen Jahren – spätestens aber seit dem Mammut-Streik der Lokführer Gewerkschaft GDL im Sommer 2007 – gehört es zum tarifpolitischen Alltag, dass Klein- und Kleinstgewerkschaften für ihre Forderungen in den Ausstand treten. Neben der GDL pochten in der jüngeren Vergangenheit vor allem die Pilotenvereinigung Cockpit, die Ärztevertretung Marburger Bund, die Flugbegleitergewerkschaft UFO und immer wieder auch GDF auf die ihre Rechte ihrer Mitarbeiter. Und auf eigene Tarifverträge.

Der Experte

Für die Wirtschaft werden die kampflustigen Berufsgruppen zunehmend zum Problem. „Spartengewerkschaften können bereits durch die Mobilisierung einer geringen Mitgliederzahl einen Betrieb lahm legen, damit einen exorbitant hohen Schaden verursachen, und dass, ohne selbst finanzielle Opfer bringen zu müssen“, kritisiert Robert von Steinau-Steinrück, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei Luther in Berlin. Und die Zahl der Streiks könnte sogar noch steigen. „Mittelfristig ist zu erwarten, dass sich immer mehr Berufsstände gewerkschaftlich organisieren und versuchen werden, ihre Rechte per Arbeitskampf durchzusetzen“, warnt der Experte. „Mit dem Anspruch der Verfassung, wonach Gewerkschaften die Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen zu wahren und zu fördern haben, ist das kaum noch zu vereinbaren.“

Die Gegenseite

Auf Seiten der GDF sieht man das naturgemäß anders. Man fühlt sich missverstanden und – unter anderem durch die kritische Berichterstattung in der Presse – diffamiert. „Wir sind überzeugt von der Redlichkeit unserer Anliegen“, lautet die Kernaussage der Gewerkschaftsfunktionäre Markus Siebers und Dirk Vogelsang. Auch egoistische Motive weist die Gewerkschaft weit von sich „Wir sind solidarisch“, beteuern sie, „nämlich mit unseren Frankfurter Vorfeldkollegen, die unsere volle Unterstützung verdienen.“

Kommentare zu " Streitfall des Tages: Dürfen Kleinstgewerkschaften das Land lahmlegen?"

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  • Flächentarifverträge haben (oder hatten) die unschöne Eigenschaft, wenig oder keine Möglichkeiten einzuräumen, wenn das einzelne Unternehmen diese aus wirtschaftlichen Gründen nicht erfüllen kann. Leider gibt es auch in der deutschen Industrie schon längst eine Mehr-Klassen-Gesellschaft. Die großen tarifgebundenen Unternehmen fahren fast durchweg fetteste Gewinne ein, die Ihnen zu einem sehr großen Teil die Lieferanten finanzieren. Je weiter hinten man in der Lieferkette nachsieht, umso seltener dürften dort noch tarifgebundene Firmen zu finden sein. Warum? Weil diese sich durch den enormen Preisdruck und den deregulierten weltweiten Wettbewerb dieses Lohnniveau schlichtweg nicht mehr leisten können.

  • Jetzt regulieren Sie wieder nur zulasten von Arbeitnehmern. Was ist mit z.B. verbindlichen Flächentarifverträgen (dann brauchts auch u.U. keinen Mindestlohn), so daß Unternehmen wieder über Qualität und Service konkurrieren statt darüber, wer die meisten Aufstocker beschäftigt? Andernfalls hat der Arbeitsmarkt mal wieder Schlagseite, mit den bekannten Auswüchsen, die Sie zu Recht kritisieren.

  • Wie wär's damit: Eine Gewerkschaft muß für ihre Anerkennung/Zulassung mehr als X Mitglieder haben. Dann ist sofort Schluß mit diesen Splittern-von Splittern-Gewerkschaften. Dann müssten sich die Mitglieder dieser Minigewerkschaften zwangsläufig wieder größeren Gewerkschaften anschließen, die eben mehr als nur das ganz spezielle Wohl einer winzigen Minderheit im Auge haben.

    Ich bin kein Freund der völligen Deregulierung. Wenn man allen Gelüsten des Menschen freien Lauf lässt, dann kommt neben den sicherlich manchmal auch vorhandenen positiven Folgen zwangsläufig aber auch die ungebremnste Habgier jeder Partei zum Vorschein.

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