Streitfall des Tages
Vom richtigen Umgang mit gottlosen Vorgesetzten

Religion ist Privatsache? Von wegen. Immer häufiger klagen Arbeitnehmer, weil ihr Chef sie bei der Ausübung ihres Glaubens behindert. Wann Beten im Büro erlaubt ist – und welche Exerzitien in die Freizeit gehören.
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Der Fall

Zugegeben. Es ist ein gewisses Wagnis, die Position des Oberkellners in einem oberbayerischen Spezialitätenrestaurant ausgerechnet mit einem Ostfriesen zu besetzen. Doch die Zeugnisse von Manno Borcherts waren einfach zu gut, als dass man den erfahrenen Kellner hätte ablehnen können. Außerdem macht Borcherts in seinem Lodenjanker eine hervorragende Figur, die Gäste schätzen seine zuvorkommende Art – und auch mit dem übrigen Personal kommt der Zugereiste bestens zu Recht.

Einziges Problem: Borcherts ist überzeugter Atheist und weigert sich beharrlich, die Kundschaft statt mit einem beherzten „Moin“ mit dem ortüblichen „Grüß Gott“ zu begrüßen. Mehrfache Ermahnungen der Geschäftsleitung blieben bislang ohne Erfolg. Inzwischen überlegt die Führung des Gourmettempels sogar, sich von ihrem Vorzeigekellner wieder zu trennen. Zu Recht?

Die Relevanz

Mögen die großen Kirchen auch die fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft beklagen: Im Bereich des Arbeitsrechts beobachten Experten eher einen gegenläufigen Trend. In schöner Regelmäßigkeit müssen die Arbeitsgerichte darüber entscheiden, ob und in welchem Ausmaß Unternehmen auf die religiösen Gefühle ihrer Mitarbeiter Rücksicht nehmen müssen.

Mal wollen muslimische Beschäftigte mit Kopftuch zur Arbeit erscheinen (BAG, Az. 2 AZR 472/01), andere pochen auf regelmäßige Gebetspausen (LAG Hamm, Az. 5 Sa 1782/01) oder ein alkoholfreies Arbeitsumfeld BAG, Az. 8 Az.: 2 AZR 636/09).

Der Experte

„Die Bereitschaft, Glaubensfragen in den betrieblichen Alltag zu tragen und sogar darüber zu prozessieren, hat in den vergangenen Jahren zugenommen“, sagt Oliver Grimm, Partner der Anwaltskanzlei Taylor Wessing in München. „Während die Menschen früher eher defensiv waren und Vorgaben seitens des Arbeitgebers nicht hinterfragten, zeige sich inzwischen ein größeres Selbstbewusstsein, die eigenen Weltanschauungen auch am Arbeitsplatz ausleben zu wollen.

Das allerdings sei nicht immer leicht. „Zwar können sich Arbeitnehmer auch im beruflichen Kontext auf das Grundrecht der Religionsfreiheit berufen und verlangen, dass ihr Arbeitgeber auf ihren Glauben Rücksicht nimmt“, so der Experte. Andererseits hätten Arbeitgeber das Recht, den Geschäftsbetrieb nach ihren Vorstellungen zu gestallten und darauf zu bestehen, dass ihre Angestellten grundsätzlich entsprechend den Weisungen ihrer Vorgesetzen agieren.

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  • Watt mutt,dat mutt>>MOIN<< Fred FRENZEL(Mitteldithmarschen)

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