Streitfall des Tages
Wann der Wechsel in der privaten Krankenversicherung teuer wird

Spezielle Internetvermittler raten privat Krankenversicherte zu einem Wechsel des Tarifs. Kunden zahlen dabei aber häufig drauf. Wann Versicherte wechseln sollten - und welche Angebote sie lieber ablehnen sollten.
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Der Fall


Diese Angebot erscheint verlockend: Der 68-jährige Mann aus Kiel soll künftig bei der Krankenversicherung bis zu 1.560 Euro im Jahr sparen. Das hat für ihn ein Unternehmen ausgerechnet, das sich darauf spezialisiert hat, Privatversicherten zu helfen, in einen günstigeren Tarif zu wechseln. Der Kieler ist misstrauisch und bittet den Bund der Versicherten, den Vorschlag zu prüfen.

Das Ergebnis: Das Unternehmen hatte dem Versicherten einen Tarif vorgeschlagen, der geschlossen werden sollte. Der wäre zwar günstiger gewesen, als sein derzeitiger Tarif, aber die Frage lautet: Wie lange noch? Timo Voss, der beim Bund der Versicherten (BdV) auf den Tarifwechsel bei der privaten Krankenversicherung (PKV) spezialisiert ist, erklärt das Problem: “Wird von einer Gesellschaft ein Tarif geschlossen, kommen dort keine neuen Versicherten mehr hinein".

Das hat drei Folgen: Erstens vermehrt sich die Zahl der Versicherten nicht mehr, so dass die Ausgaben nicht von mehreren getragen werden können. Zweitens gibt es vermehrt Abgänge, da einige Versicherte aus diesem Tarif wechseln, versicherungspflichtig in der Gesetzlichen werden und andere sterben. Drittens steigt das Alter der in diesem Tarif Versicherten - und im Regelfall damit auch die Krankheiten.

Das heißt die Ausgaben steigen und der Tarif wird teurer.“ Heißt: Hätte der Versicherte das Angebot des spezialisierten Unternehmens angenommen, hätte er zwar jetzt gespart, aber auf Dauer hätte der Tarif vermutlich die Höhe seines jetzigen überstiegen.

Grundsätzlich wäre das nicht so dramatisch, da der Versicherte erneut wechseln könnte. Aber: der Wechsel in den geschlossenen Tarif würde ihn auch noch Geld kosten, und zwar nicht zu knapp: Das spezialisierte Unternehmen bekäme nämlich bei Vertragsabschluss acht Mal die monatliche Ersparnis plus die Mehrwertsteuer, also rund 1.130 Euro vom Versicherten. Würde er dann nach neun Monaten durch seinen ersten Wechsel endlich sparen, könnte schon der zweite notwendig werden.

 

Warum Tarifwechsel sinnvoll sein können

Die Beiträge für private Krankenversicherungen steigen. Bei dem Versicherten aus Kiel beispielsweise von 398 Euro im Monat im Jahr 2011 auf 441 Euro monatlich im Jahr 2012, also um mehr als zehn Prozent.

Viele privat Versicherte können und wollen die steigenden Beiträge jedoch nicht mehr zahlen, und ein Wechsel in die Gesetzliche ist oft nicht möglich. Laut Paragraf 204 Versicherungsvertragsgesetz haben sie jedoch die Möglichkeit, bei ihrer Versicherung den Tarif zu wechseln.

Neuere, jüngere Tarife, die von den Krankenversicherungen aufgelegt werden, sind oft günstiger. „Bei einem Wechsel kann es zu Leistungsreduzierungen kommen, finanziell gesehen kann das allerdings eine Alternative sein“, sagt Verbraucherschützer Voss.

Das Problem: „Viele Versicherungen wollen ihre Kunden von diesem Wechsel abhalten. Schließlich bedeutet er für sie Arbeit und im Anschluss geringere Prämien“, erklärt Voss. Darum machen sie ihre Kunden nicht immer auf ihr Recht aufmerksam.

In einigen Fällen antworten sie nicht einmal auf deren Anfragen - selbst, wenn diese per Einschreiben geschickt werden, wie der BdV weiß. Hinzu kommt, dass der Laie nicht so einfach die Unterschiede zweier Tarife erkennen kann, und außerdem jeder Versicherte anders ist: „Es gibt Kunden, denen ist die Übernahme der Kosten für den Heilpraktiker wichtig, während sie anderen völlig egal ist. Ein zweiter möchte Zahnersatz besser abgesichert haben als ein Dritter“, erklärt Timo Voss. Und darum sei es notwendig, dass man nicht nur den Computer arbeiten lässt, sondern auch in Handarbeit die Tarife mit dem Risikoprofil abgleicht.

Wenn die Tarifoptimierung durch den Berater gut läuft, spart der Versicherte. Michael V. beispielsweise hatte vor seiner Tarifoptimierung jährliche Kosten für den Krankenversicherungsbeitrag und den Selbstbehalt von 10.876 Euro. Das Team von Beitragsoptimierung24.de, einem weiteren Marktteilnehmer, fand für ihn einen Tarif, der rund 4.000 Euro jährlich kostete. Ersparnis: gut 6.000 Euro - erstaunlicherweise ohne Leistungsminderung.

„Das klingt unglaubwürdig“, sagt Harald Leissl, Vorstand des Unternehmens. „Unser Kunde war jedoch in einem Tarif mit schlechter Risikostruktur, also mit vielen Kranken. Jetzt ist er in einem Tarif mit vielen Gesunden und zahlt dort deutlich weniger.“

Allerdings: “Dass ein Kunde 6.000 Euro einsparen kann, ist eher selten“, räumt Leissl ein. Im Schnitt sparten die Kunden etwa 2.500 Euro nach einer Tarifoptimierung, ein Wert, den auch der BdV nennt: „Die durchschnittliche Ersparnis beim Tarifwechsel liegt zwischen 1.500 und 2.500 Euro im Jahr, also bei etwa 125 bis 200 Euro im Monat.“

 

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  • Sie vergessen, dass die GKV auch deswegen teurer wird, weil gesunde Besserverdiener mit Einkommen über der Versicherungspflichtgrenze in die PKV wechseln können. Deren Einkommen und "günstige Risiken" sind für die GKV für immer verloren. Die GKV wird damit mehr und mehr zur Solidargemeinschaft der Kranken und Geringverdiener. Daher ist der Steuerzuschuss für die GKV gerechtfertigt. Besser fände ich es jedoch, die GKV zur Pflichtversicherung für alle auszubauen und die PKV in eine reine Zusatzversicherung umzuwandeln. Und damit das nicht in Enteignung ausartet, könnte der Kapitalstock jedem ehemaligen PKV-Vollversicherten anteilig erstattet und auf den GKV-Beitrag angerechnet werden.

  • @michael
    in vielen Ihrer Äußerungen muss ich Ihnen Recht geben. Viele Makler, noch nicht einmal Versicherungsberater "entdecken" gerade die Tarifwechselberatung als neue Geldquelle. Mal abgesehen von den offensichtlichen handwerklichen Fehlern, die diese Jungs schon mal ausweislich der auf den Homepages beschriebenen Vorgehensweisen, produzieren, fehlt es den Jungs an der Erlaubnis zur Rechtsberatung zur Versicherungen. Die hat nun mal nur ein Anwalt oder Versicherungsberater. Fatal für den Kunden eines solchen "Maklers": Bei Beratungsfehlern gibt es keine Vermögensschadenhaftpflichtversicherung, die den Schaden ersetzt! Viel Spass.

    Auch der Status "Versicherungsberater" heißt noch nicht, dass da auch wirklich Kompetenz sitzt. Das muss man eben hinterfragen, bevor man beauftragt.

    Wäre aber ein Fest- oder Stundenhonorar, wie von Herrn Albers präferiert, wirklich hilfreich? Den Kunden gefällt es nicht! Die wenigsten sind bereit, in jedem Fall Honorar zu bezahlen, auch dann, wenn es keine Ersparnis gibt. Konsequenz wäre gar keine Beratung zu einem Thema, das ohne Beratung nicht geht, weil zu gefährlich.

    Dass es "Versicherungsberater" gibt, die sich nicht scheuen, dem Kunden weiszumachen, dass ein Katastrophentarif die geeignete Lösung sei, das sehen ich auch. Und wir arbeiten daran, das publik zu machen.

    Macht man Tarifwechselberatung richtig, so stimmt die von Ihnen geschilderte Vorgehnsweise und Stundenkalkulation nicht. Die richtigen Prozesse sind um ein Vielfaches aufwendiger.

    Grüße aus Ulm
    Harald Leissl

  • Sehr geehrte Frau Blaß,

    in Ihrem genannten Artikel nennen Sie ausschließlich Versicherungsberater, die eine erfolgsabhängige Vergütung in Höhe von 8 bis 10 ersparten Monatsbeiträgen verlangen.

    Diese Handvoll Versicherungsberater repräsentieren jedoch nicht den Berufsstand der Versicherungsberater, deren berufsständische Vertretung der Bundesverband der Versicherungsberater (BVVB) e. V. ist.

    Erfolgsabhängige Vergütungen stehen nicht im Einklang mit den Berufsgrundsätzen des BVVB. Wir lehnen eine erfolgsabhängige Vergütung dieser Art ab, weil die Neutralität und Objektivität der Beratung dadurch beeinflusst werden könnte. Die Erhöhung des Selbstbehaltes oder die Reduzierung des Leistungsumfangs wirken sich durch die Verminderung des Beitrags und die bis zur nächsten Beitragsanpassung mögliche Ersparnis bei der erfolgsabhängigen Vergütung unmittelbar auf die Einnahmen des Beraters aus.

    Versicherungsberater, welche als Mitglieder die Grundsätze der Berufsausübung des BVVB anerkennen, berechnen ein Honorar, das sich i.d.R. nach Stundensätzen oder in einigen Fällen auch in Anlehnung an das RVG am Gegenstandswert orientiert. Die Beratungskosten sind daher meist erheblich geringer, als in Ihren Fällen beschrieben. Und falls eine Rückkehr in die GKV angezeigt und möglich ist, wird auch diese Handlungsalternative geklärt.

    Es wäre schön, wenn Sie dies in Ihrem Online-Artikel ergänzen und den BVVB e.V. (www.bvvb.de) als Ansprechpartner für dies Leser nennen würden. Gerne stehen wir auch für weitere Informationen zur Verfügung.

    Mit freundlichen Grüßen





    BUNDESVERBAND DER VERSICHERUNGSBERATER e.V.

    Stefan Albers
    Versicherungsberater
    Rentenberater

    - Präsident -
    -------------------------------------------------------------------------------
    Bundesverband der Versicherungsberater e.V.
    Rheinweg 24
    53113 Bonn
    Fon: 0228 / 38 72 929
    Fax: 0228 / 38 72 931
    info@bvvb.de
    www.bvvb.de

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