Streitfall des Tages: Wann Kinder für ihre Eltern zahlen müssen

Streitfall des Tages
Wann Kinder für ihre Eltern zahlen müssen

In Deutschland haften Kinder für ihre Eltern. Auch wenn Familien tief zerstritten sind, sind Kinder zum Unterhalt verpflichtet. Wofür der Nachwuchs zahlen muss und welche Forderungen unrechtmäßig sind.
  • 3

Der Fall


Ein Familiendrama der ganz gewöhnlichen Art. Martina A. aus und ihre Tochter Sabine sind seit dem Tod des Vaters vor fünf Jahren zutiefst zerstritten.

Seit gut drei Jahren ist Martina A an rasch fortschreitender Demenz erkrankt und muss seit 24 Monaten in einem Pflegeheim rund um die Uhr betreut werden. Die alleinerziehende Tochter Sabine lebt mit ihren zwei Kindern im Grundschulalter in Berlin und hat nach einem Zerwürfnis wegen des Erbes keinerlei Kontakt mehr zur Mutter.

Nach dem Tod der Mutter im Frühling dieses Jahres erhält Sabine A. eine Forderung des Sozialamtes über Pflegekosten für zwei Jahre in Höhe von 4.000 Euro, die sie umgehend zu zahlen hätte. Die Tochter sieht sich außerstande, dieser Forderung nachzukommen und wendet sich an einen Rechtsbeistand.


Die Relevanz


Für Rechtsanwältin Caroline Kistler, Fachanwältin für Familienrecht und Sprecherin des Interessenverbandes Unterhalt und Familienrecht in München und Nürnberg sind solche Auseinandersetzungen Alltag. Sie ist sicher, dass vielen Bundesbürgern gar nicht klar ist, dass Unterhaltsverpflichtungen nicht nur für Kinder, sondern auch für die eigenen Eltern gelten.

Der juristische Fachausdruck lautet Elternunterhalt und wird immer häufiger von den Sozialämtern auch eingefordert. Grundsätzlich hilft das Sozialamt, wenn das Einkommen der Eltern (Rente, Pflegeversicherung) nicht reicht, um beispielsweise die Kosten für ein Pflegeheim zu decken.

Das ist in den vergangenen Jahren immer öfter der Fall. Das Sozialamt springt dann ein – und holt sich immer häufiger dieses Darlehen dann von den Kindern des Pflegebedürftigen zurück. Denn nach Paragraf 1601 des Bürgerlichen Gesetzbuches sind Verwandte ersten Grades zum Unterhalt verpflichtet – demnach haften also Kinder für den Unterhalt der Eltern. Die sehen sich dann häufig mit finanziellen Forderungen konfrontiert, mit denen sie nicht gerechnet haben.

Dabei geht es auch für den Staat um viel Geld: nach Schätzungen des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend in Berlin finanzieren die Sozialämter derzeit gut 240.000 Senioren das Pflegeheim. Und die Zahlen werden weiter steigen, denn Deutschlands Bürger werden immer älter – und immer pflegebedürftiger.

Kein Wunder, dass Vater Staat versucht, seine Bürger an diesen Kosten zu beteiligen – bei rund 1,1 Millionen Pflegefällen in ganz Deutschland

Kommentare zu " Streitfall des Tages: Wann Kinder für ihre Eltern zahlen müssen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Tja, wenn man überlegt, dass die Pensions-Zahlungen an die Beamten in Ruhstand und die Renten-Zahlungen (mit Zusatzversorgungen) der Angestellten des öffentlichen Dienstes die gesamten Zahlungen des "Sozial-Amtes" übersteigen, sicherlich eine richtige Darstellung!

    Oder, die HRE soll jetzt wohl 50 Mrd Euro kosten.

  • in Deutschland stellen die Auslaender ca 15% der Gesamtbevoelkerung da, verbrauchen aber ueber 70% des Etats des Sozialamtes.
    Das fuer die deutsche Bevoelkerung kein Geld mehr da ist, ist doch klar.
    Dank dem Multikulti!!

  • Ich halte den Eltern-Unterhalt grundsätzlich für richtig, aber im Einzelfall für schwierig:

    Was passiert, wenn die Eltern auf "großem Fuß" leben und dann die Kinder die Pflegekosten treffen?

    Muss man bei einem nahenden Pflegfall rechtzeitig ein Haus kaufen/bauen (unterschiedliche Behandlung von Vermögensgegenständen, Abzugsfähigkeit von Schulden).

    Muss man im Ausland arbeiten?

    Ist am Ende nicht der Ehrliche der Dumme?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%