Streitfall des Tages
Wann Mieter lügen dürfen

Reich, Nichtraucher, kinderlos – so sieht für viele Eigentümer der ideale Mieter aus. Doch was tun Interessenten, die diesem Profil nicht entsprechen? Müssen sie bei der Selbstauskunft stets die Wahrheit sagen?
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Der Fall

Die Vertreterin der Hausverwaltung ist ein fleischgewordenes Klischee. Sehr blond, sehr schlank, sehr braungebrannt entsteigt sie ihrem BMW-Cabrio – und mustert ihr Gegenüber schon beim ersten Händeschütteln mit abschätzigem Blick.

Kein Zweifel: Diese Frau nimmt die Mission „Mietercheck“ ausgesprochen ernst. Karen Tiehme, seit Monaten verzweifelt auf Wohnungssuche, wird alle Register ziehen müssen, wenn sie bei ihr einen guten Eindruck hinterlassen und die Dachgeschosswohnung im Münchener Stadtteil Bogenhausen tatsächlich bekommen will. Vorsorglich hat die Physiotherapeutin deshalb schon einmal ein Empfehlungsschreiben ihres letzten Vermieters sowie eine Bestätigung ihres Arbeitgebers über ihren aktuellen Monatsverdienst mitgebracht.

Ihre Hoffnung, damit bei der Vermieter-Vertreterin zu punkten, erfüllt sich allerdings nicht. Stattdessen setzt diese zu einer wahren Inquisition an: Familienstand, Kinderwunsch, Koch- und Rauchverhalten, Freundeskreis – kaum ein Lebensbereich ist vor ihren Fragen sicher. Die mitgebrachten Unterlagen hingegen beeindrucken die Dame nicht im Geringsten. Um die Wohnung zu bekommen, müsse Thieme schon ihren gesamten Arbeitsvertrag mitbringen, eine Schufa-Auskunft vorlegen und natürlich die höchstmögliche Kaution bezahlen.

Thieme geht das entschieden zu weit. Doch welche Wahl hat sie? Sie will die Wohnung unbedingt – und gehorcht.

Die Gegenseite

Was aus Sicht der Mieter an Schikane grenzt, ist für die Eigentümervereinigung Haus und Grund vor allem eines: eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme. Die Angst, sich einen Betrüger in die eigene Wohnung zu holen, ist bei Vermietern allgegenwärtig. "Wir wollen nicht den Mietern zeigen, wo der Hammer hängt, sondern gegen Betrüger vorgehen", sagt der Generalsekretär des Verbandes, Andreas Stücke.

Sein Verband schätzt den jährlichen Gesamtschaden durch sogenannte Mietnomaden auf etwa 400 Millionen Euro. Angesichts dieser Summen sei es durchaus nachvollziehbar, dass Eigentümer bei der Mieterwahl nichts dem Zufall überlassen wollten.

Die Relevanz

Valide Zahlen, wie viele sogenannte Mietnomaden in Deutschland ihr Unwesen treiben sind schwer zu bekommen; Haus & Grund spricht von 15 000 Fällen, der Deutsche Mieterbund von 1000. Fakt ist jedoch: Eigentümer, die betroffen sind, bleiben oft auf horrenden Kosten sitzen. Schäden im fünfstelligen Bereich sind keine Seltenheit.

Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten, das das Bundesbauministerium im vergangenen Jahr in Auftrag gegeben hat. Zugleich veröffentlichte das Ministerium einen Katalog von Ratschlägen, wie sich Vermieter vor Betrügern schützen können. Kernaussage: Wer im Vorfeld des Vertragsschlusses umfangreiche Informationen über den Mietinteressenten einholt, minimiert das Risiko, auf einen Mietnomaden hereinzufallen.

Kommentare zu " Streitfall des Tages: Wann Mieter lügen dürfen "

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  • Aha! Hier melden sich die Vermieter gemeinsam zu Wort! Wie immer, haben sie alle immer recht. Erhöhte Mietpreise, Wohnungen in bedauerlichen Zuständen, tricksen bei Nebenkostenabrechnungen, mangelnde Sauberkeit des Wohnobjekts, falsche Wohnflächenangaben...das sollen die Mieter immer in Kauf nehmen!

  • Die Rechnung hat eine große Schwachstelle, die Kosten für die Vertragsauflösung werden deutlich zu niedrig angesetzt. Bei einem Prozeß, Räumungskosten und Renovierungskosten kommen schnell 20000€ zusammen. Dann bleiben 6666€ Mietschulden und die Zahlen passen. Es dabei natürlich wahrscheinlich, dass die Zahlen in die jeweilige Interessenlage hochgerechnet werden. Ich habe mich immer wieder mit Wohnraum als Geldanlage befasst und kaam regelmäßig zu dem Schluß das keine vernünftigen Rahmenbedingungen existieren um Kapital anzulegen.

  • Wenn laut H&G jedes jahr 15000 Mietnormaden einen Gesamtschaden von 400 Mio Euro verursachen, macht das pro Fall ca 26666 Euro. Sprich, jeder Mietnormade zahlt durchschnittlich monatlich keine 2000 Euro Miete und demoliert dann am Ende noch was irgendwas im Wert von gut 2600 Euro. Bin ich hier der Einzige, der diese Zahlen fuer nicht sehr glaubwuerdig haelt?

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