Streitfall des Tages: Wenn das Erbe an die Falschen geht

Streitfall des Tages
Wenn das Erbe an die Falschen geht

Stiefkinder haben beim Erben nicht das gleiche Recht wie Adoptivkinder. Manchmal kann ein Satz entscheidend sein. Was Hinterbliebene wissen müssen, damit das Erbe kein Grund zur Trauer wird.
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Der Fall

Tanja H. aus einem kleinen Ort in Baden kann es kaum fassen: Ihre Oma, Felicitas H., hatte Ende der 80er ein kleines DM-Vermögen plus einige Äcker, Wiesen, Waldflächen geerbt. Doch sie wurde bald darauf schwer krank und starb.

Vor ihrem Tod hatte sie verfügt, dass ihr Mann Heinz H. Alleinerbe sein sollte. Für ihren Sohn Lothar hatte das Konsequenzen, denn Heinz war nicht sein Vater, und er war nicht adoptiert. Als Stiefkind war er durch dieses Testament enterbt, denn würde sein Stiefvater eines Tages sterben, wäre er nicht erbberechtigt, und mit dem Tod seiner Mutter ging ihr Vermögen an eben diesen über.

„Meine Großmutter kann sich der Tragweite dieses Testaments nicht bewusst gewesen sein“, sagt Tanja H. „Sie liebte meinen Vater über alles.“ Lothar H. tat das einzig Vernünftige in seiner Situation: Er klagte seinen Pflichtteil ein, die Beziehung zu seinem Stiefvater zerbrach daran. Tanja H., die mit ihrer Mutter und deren Mann aufgewachsen war, verlor nach dem Tod der Oma den Kontakt zu ihrem leiblichen Vater Lothar und dem Mann, der in der Kinder- und Jugendzeit ihr Opa Heinz war.

13 Jahre später erhält sie einen Anruf einer Behörde: Sie möge sich um die Bestattung ihres Vaters, Lothar H., kümmern. Der war ebenfalls sehr krank gewesen und starb verarmt. Die Bestattung, die Wohnungsauflösung und alles was damit zusammenhing, hatte Tanja H. rund 6.000 Euro gekostet. Besonders bitter, da ihre Mutter früher den Unterhalt für sie bei ihrem leiblichen Vater hatte einklagen müssen.

Eineinhalb Jahre nach dem Tod ihres Vaters hört sie vom Tod ihres Großvaters Heinz H., dem Stiefvater ihres Vaters. In der Todesanzeige steht eine neue Familie. Diese erbt jetzt den Rest des Vermögens, der einst von Tanja Hs. Oma stammte. Tanja H. geht leer aus - sie ist als Stiefenkelkind nicht erbberechtigt.

Die Relevanz

Aus den Zahlen von Destatis aus dem Mikrozensus 2010 lässt sich ableiten, wie viele Patchworkfamilien es in Deutschland gibt: Demnach leben 134.000 Kinder mit einem Elternteil zusammen, der verheiratet ist. 315.000 Kinder wohnen mit einem Elternteil zusammen, der in einer nicht-ehelichen Gemeinschaft lebt. Jan Bittler, Fachanwalt für Erbrecht und Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Erbrecht und Vermögensnachfolge (DVEV) schätzt aus seiner Erfahrung, dass etwa 15 bis 20 Prozent derer, die anwaltliche Hilfe für die Testamentserstellung holen, Patchworkfamilien sind.

„Das Gesetz ist, was die familiären Konstellationen anbelangt, noch von 1900“, weiß Andreas Frieser, Fachanwalt für Erbrecht, aus der Kanzlei Redeker Sellner Dahs in Bonn. Er ist außerdem Vorsitzender im Gesetzgebungsausschuss Erbrecht im Deutschen Anwaltverein. „Anfang des letzten Jahrhunderts gab es noch nicht so viele Patchworkfamilien wie heute, das Gesetz geht hier an unserer soziologischen Realität vorbei.

“ Und das bedeutet für alle Familien, die nicht dem klassischen Vater-Mutter-Kind-Schema entsprechen, dass sie ein Testament benötigen, um die gesetzliche Erbfolge auszuschalten, und denen ihr Vermögen vererben zu können, die sie erreichen wollen.

Kommentare zu "Wenn das Erbe an die Falschen geht"

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  • ...eine feine Einstellung ist das... ...bleibt nur zu hoffen, daß letztendlcih die "öffentliche Hand" nicht zukünftig "in den Genuß" kommt, "ausgesorgt zu haben"...

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