Streitfall des Tages: Wenn das Internet zum Pranger wird

Streitfall des TagesWenn das Internet zum Pranger wird

Im sozialen Web wird alles kommentiert und bewertet. Das Problem: Häufig sind Einträge frei erfunden oder kommen von der Konkurrenz. Wer unerwartet am Internet-Pranger stehen kann und wie Betroffene um ihren Ruf kämpfen.
  • 1

.

Der Fall


„Wenn mit Dreck geworfen wird, bleibt immer etwas hängen“, sagt der Betreiber einer Interneteinkaufsplattform. Und darum möchte er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Denn Dreck hat er bereits genügend abbekommen - zu Unrecht, wie er sagt.

Die Geschichte: Vor fast einem Jahr veröffentlichte ein anonymer Nutzer einen Beitrag auf dem Beschwerdeportal Reclabox. Er warf dem Unternehmer vor, gefälschte Markenware zu verkaufen. Der sagte ihm, dass dem nicht so sei, und dass er das mit den Originalrechnungen belegen könne. Daraufhin unterstellte der anonyme Nutzer öffentlich, dass der Onlinehandel gegebenenfalls einige wenige echte Produkte einkaufe, um Rechnungen vorweisen zu können, aber er trotzdem nur Fälschungen verkaufe.

Der Unternehmer schaltete einen Rechtsanwalt ein, der versuchte, mit Reclabox Kontakt aufzunehmen. Denn dort heißt es auf der Homepage, dass Reclabox einzelne Fälle, insbesondere Beschwerden prüft und gegebenenfalls löscht. Das Problem: Reclabox antwortete weder auf Mails, noch auf Anrufe oder Briefe. „Schließlich habe ich die Staatsanwaltschaft informiert“, so Rechtsanwalt Thomas Schwenke. „Das würde mein Mandant nicht zulassen, wenn er wirklich gegen das Markenrecht verstoßen würde“.

Schwenke wollte durch seinen Anruf über die Staatsanwaltschaft an die Daten des anonymen Internetnutzers kommen. Doch die Berliner Staatsanwaltschaft sagte schon bei der Antragstellung im April, dass der Vorgang dauern könne. Bisher hat Schwenke keine Antwort bekommen, die falsche Behauptung steht noch immer im Netz, und sein Mandant wird von Kunden und Bewerbern auf die Geschichte angesprochen.

„Da kann man nicht mehr von einer peinlichen Situation sprechen“, so Schwenke. „Das ist Rufschädigung.“

Die Gegenseite

„Wir bearbeiten alle eingehenden Anfragen innerhalb von 48 Stunden, in der Regel ist die Bearbeitungszeit deutlich kürzer“, sagt Peter Webb von Reclabox. Von bisher 10.193 Beschwerden von Verbrauchern über 1.445 Firmen seien 763 auf Wunsch der betroffenen Unternehmen gelöscht worden. „Das entspricht etwa 7,5 Prozent aller Beschwerden“, so Webb. Täglich kommen auf dem Bewertungsportal fünf bis 35 neue Beschwerden von verärgerten Verbrauchern hinzu.

Gelöscht werde Kritik, die falsche Tatsachen behauptet, unsachlich, beleidigend oder verleumderisch ist, sobald das Unternehmen davon Kenntnis genommen und den Fall geprüft hat. Denn „solche Inhalte schaden Reclabox und nehmen den berechtigten Beschwerden einen Teil ihrer Wirkung.“ Unabhängig von der rechtlichen Verpflichtung, sei man bei Reclabox bemüht, solche Inhalte schnell zu identifizieren. „Dabei helfen uns die betroffenen Unternehmen durch Regelverstoß-Meldungen“, sagt Peter Webb.

Zudem werde die Gemeinschaft auf Reclabox redaktionell betreut - „das ist ein schmaler Grat, denn die einen Nutzer möchten gerne strengere Regelungen, während andere bereits von Zensur sprechen“, so Webb. Warum im Fall des betroffenen Onlinehändlers bisher niemand reagiert hat, will das Unternehmen prüfen.

Kommentare zu " Streitfall des Tages: Wenn das Internet zum Pranger wird "

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 7:30 bis 21 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Schönen Dank auch an die Staatsanwaltschaft!
    Mit was sind diese Sesselfurzer denn so ausgelastet?

    Die deutsche Justiz ist auch so kein Vorzeigeobjekt.
    Ich kenne einen Fall in einem Autoforum, wo jemand einen massiven Betrug seitens seiner Autowerkstatt beschrieb. Aber die hat es mit juristischen Mitteln geschafft, den Eintrag löschen zu lassen. Bei Profibetrügern scheint die Justiz oft gern mitzumachen.

    Ich sag nur, Bananenrepublik!

Serviceangebote