Streitfall des Tages
Wenn Doktors Liebling das Geld ausgeht

Privatpatienten, die einen Teil ihrer Arztkosten selbst bezahlen, werden mit niedrigeren Versicherungsbeiträgen belohnt. Eigentlich eine gute Sache. Nur kann das vermeintliche Sparmodell schnell zur Kostenfalle werden.
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Der Fall
Es gibt zwei Worte, die Jörgen Schäuer gerne und häufig gebraucht. Eigenverantwortung und Bevormundung. Erstere schätzt er sehr, letztere weniger. Folgerichtig hat sich der selbstständige Unternehmensberater frühzeitig aus der gesetzlichen Krankenversicherung verabschiedet und stattdessen einen Vertrag bei einer privaten Gesellschaft abgeschlossen.

Die Tatsache, dass der Gesundheitsschutz dort auch noch deutlich günstiger war, als im gesetzlichen System hat ihm die Entscheidung erleichtert. Knapp 100 Euro monatlich zahlte Schäuer kurz nach seinem Wechsel für seinen Gesundheitsschutz. Ein extrem niedriger Wert, den der Freelancer nur deshalb festzurren konnte, weil er versprach, Arztkosten bis zu 2.000 Euro jährlich aus eigener Tasche zu zahlen – ganz im Sinne der Eigenverantwortung.

Inzwischen allerdings – Schäuer ist älter geworden, die Arztbesuche häufen sich – zweifelt der Berater immer häufiger daran, ob seine Entscheidung von damals die richtige war. Denn die Zahlungen werden zunehmend zur Belastung. Nicht nur, dass die Beiträge mit schöner Regelmäßigkeit steigen – auch den Selbstbehalt hat Schäuers Gesellschaft inzwischen schmerzhaft nach oben geschraubt. Inzwischen zahlt der Berater pro Jahr fast 2800 Euro aus eigener Tasche. Tendenz: steigend.


Die Gegenseite
Während der Staat die gesetzlichen Krankenkassen alljährlich mit Milliardensummen unterstützt, müssen Privatversicherte ihre steigenden Gesundheitskosten ohne steuerfinanzierte Subventionen schultern. Zudem sind die Gesellschaften verpflichtet, kostendeckend zu kalkulieren.

Das heißt: Jahr für Jahr kalkulieren die Unternehmen jeden Tarif neu durch. Liegen die Ausgaben mehr als zehn Prozent über den Erwartungen, müssen die Beiträge angehoben werden. Das ist mit schöner Regelmäßigkeit der Fall. Da die Gesundheitskosten in der Privaten noch schneller steigen, als im gesetzlichen Lager, müssen etlichen Patienten alljährlich schmerzhafte Beitragserhöhungen verkraften.

Die Relevanz

Knapp neun Millionen Deutsche verfügen derzeit über eine private Kranken-Vollversicherung. Und es könnten noch mehr werden. Nach Angaben des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV) kehrten allein im vergangenen Jahr über 76.000 Menschen den Kassen den Rücken, um ihren Gesundheitsschutz privat zu versichern.

Ein Trend, der anhalten dürfte, nicht zuletzt, weil Allianz und Co. kräftig für ihr System trommeln und potenziellen Neukunden oft ausgesprochen kostengünstigen Angebote unterbreiten. Das Problem ist nur: die Halbwertszeit dieser preiswerten Einsteigertarife ist gering.

Zwar können Gutverdiener, die in der Kasse den Höchstsatz bezahlen, in den ersten Jahren ihres Daseins als Privatpatient durchaus ein paar Tausend Euro sparen. Irgendwann allerdings ist die Schonfrist vorbei. Der Grund: Die Beiträge im privaten Lager steigen deutlich schneller als bei der gesetzlichen Konkurrenz. Fünf bis zehn Prozent Plus pro Jahr sind keine Seltenheit.

Kommentare zu " Streitfall des Tages: Wenn Doktors Liebling das Geld ausgeht"

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  • Diese einseitige "Stimmungsmache" gegen die PKV ist absurd. Nicht ein einziger Artikel schreibt über das eigentliche Problem der GKV, dass der heutige Beitrag für die zukünftigen Generationen (aufgrund der immer mehr älteren Versicherten, z.B. Rentner die hohe Ausgaben verursachen)auf KEINEN FALL mehr zu halten ist! Hier werden große Anpassungen nötig sein. Was ist mit den ganzen Leistungskürzungen der GKV in den letzten Jahre wie Brillen,Heilpraktiker,diverse Zuzahlungen, Quartalsgebühr, Kürzungen bei Zahnersatz? Da wird nie drüber gesprochen...Eine BÜRGER-ZWANGSVERSICHERUNG in der GKV löst keines dieser Probleme.

  • Ich bin seit über 20 Jahren bei der PKV versichert und erhalte jährlich eine Beitragserstattung (und manchmal auch, obwohl ich Rechnungen eingereicht und erstattet bekommen habe), wenn ich meine Rechnungen (Medikamente und Vorsorgebesuche, selten Eingriffe) bis zur Höhe der Beitragserstattung selbst bezahle. In der Regel erziele ich daraus Überschüsse (in Summe) im fünfstelligen Bereich und trotz Beitragserhöhungen (teilweise vom Staat vorgeschrieben)zahle ich durchschnittlich dadurch wesentlich weniger als mir monatlich abgebucht wird (ich bi über 60 und so gut wie nie wirklich krank)

  • Ich bin jetzt 35 Jahre, wenn die PKV wie in den letzten 5 Jahren die Beiträge erhöht, ist mit 102 Jahren ein Monatsbeitrag von 1.000.000 EUR fällig. Man ist gefangen und kommt nicht mehr raus, kann man nur hoffen das viele andere vor einem die Beiträge nicht bezahlen, damit was geändert wird.

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