Streitfall des Tages
Wenn Kinder die Krankenversicherung unbezahlbar machen

Kinder von Privatpatienten genießen meist von Geburt an den Gesundheitsschutz der ersten Klasse. Das ist schön für sie – aber eine Katastrophe für ihre Eltern, denn die Kosten für die Versicherung der Kleinen sind enorm.
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Der Fall
Zwei blaue Streifen auf weißem Grund stürzen Hannes Seidl in eine tiefe Krise. Das Testergebnis ist eindeutig: Seine Frau ist schwanger mit dem dritten Kind. Grundsätzlich eine erfreuliche Nachricht. Doch zum Jubeln ist Seidl nicht zumute. Ihn graust es vor den Kosten.

Das Geld für Windeln, Strampler und ähnliche Accessoires macht dem werdenden Vater noch die geringsten Sorgen. Diese Ausgaben lassen sich von 80.000 Euro Jahresbrutto durchaus bestreiten. Seidl hat ein anderes Problem. Er ist privat krankenversichert. Und weil er zudem mehr verdient, als seine (gesetzlich versicherte) Frau, bedeutet das: Kind Nummer drei wird, ebenso wie seine Geschwister, als Privatpatient zur Welt kommen. Kostenpunkt: zwischen 120 und 140 Euro Monat. Für alle drei Sprösslinge macht das, wenn es gut läuft, gut 4300 Euro im Jahr – mit jeder Menge Luft nach oben.

Zu gerne würde Seidl wieder in den Schoß der gesetzlichen Kassen zurückkehren. Dort könnte er seine Sprösslinge kostenlos versichern. Doch AOK und Co. nehmen reuige Privatpatienten nur dann wieder auf, wenn deren Bruttogehalt weniger als 50.850 Euro beträgt. Seidl müsste, um dorthin zu kommen, entweder seinen Job aufgeben (keine gute Idee) – oder Arbeitszeit und Gehalt reduzieren. In Anbetracht der Umstände auch nicht besonders attraktiv. Dennoch: Will Seidl nicht dauerhaft Geisel seiner Krankenversicherung sein, muss er handeln. Und das tut er jetzt auch. Er beantragt Teilzeit.

Die Gegenseite

Längst nicht jeder Privatpatient ist mit seinem Status glücklich. Der Verband der Privaten Krankenversicherung will davon jedoch nichts wissen. Er verweist darauf, dass noch immer deutlich mehr Menschen aus der Kasse in die Private wechselten, als umgekehrt. Von Unzufriedenheit mit dem System könne also keine Rede sein.

Die Relevanz

Fast neun Millionen Menschen in Deutschland sind privat krankenversichert – und haben damit vielfach eine Entscheidung fürs Leben getroffen. Wer die gesetzliche Krankenkasse einmal verlassen hat, kann nicht ohne Weiteres zurück. Der Grund: Der Gesetzgeber will vermeiden, dass besonders geschäftstüchtige Kunden in jungen Jahren von den niedrigen Beitragssätzen bei Allianz & Co. profitieren, später aber, wenn die Private zu teuer wird, wieder bei den gesetzlichen Anbietern anheuern, die zum Beispiel für Familien die attraktiveren Konditionen anbieten.

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Ab 55 Jahren sind Versicherte gefangen

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Die Kündigung als Notlösung

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  • Würde der Gesetzgeber das Beihilfesystem für Beamte abschaffen, wäre die Debatte um PKV und GKV sofort beendet. Die PKV wäre schlicht pleite.

  • Wer in die PKV wechselt und dann überrascht ist, dass man für jedes Kind einen zusätzlichen Beitrag entrichten muss, ist selbst schuld! Entweder wurde man völlig unzureichend beraten oder hat man wirklich gedacht, dass man Mercedes fahren kann zu Preisen von Dacia? Bemerkenswert auch, dass die FTD, anstatt seriös über den völlig normalen Sachverhaltn Bericht zu erstatten, auf Bild-Niveau angebliche Schicksalsschläge (80 TEUR Bruttoeinkommen + Einkommen Ehefrau + Kindergeld) reißerisch publiziert.

  • Sorry, für diesen Artikel habe ich kein Verständnis. Das ist aus meiner Sicht eine reine Neiddebatte. Der Privatversicherte mit einem Einkommen von 80 plus Einkommen der Ehefrau von x ist neidisch auf gesetzlich versicherte, die keinen Extra-Beitrag für Kinderzahlen. Das allein ist für mich schon lachhaft. Ich unterstelle, dass der gute Herr einfach einen recht hohen Lebensstandard fährt, und jetzt an den Kindern sparen will. Tststs... Die andere Seite: jeder gesetzlich Versichete ist neidisch auf die Privatpatienten, weil der PP innerhalb 3 oder 4 Tagen einen Termin beim Orthopäden bekommt, wo der Kassenpatient 2-3 Monate warten muss. Verschreibt dieser dann zur Klärung ein MRT, wartet der KP wieder 6-8 Wochen, der PP 7-max. 10 Tage. Das heißt, der "arme, abgezockte" Privatpatient hat in spätestens 14 Tagen die Diagnose, der Kassenpatient braucht bis dahin oft ein viertel Jahr oder etwas mehr... Ist doch logisch : jeder ist auf den jeweils andern neidisch, leider. Ich würde Herrn Seidl empfelen, jetzt einfach mal den Arsch zusammenkneifen und die Sache duchziehen wie ein Mann! Und: sich auf ein gesundes Kind freuen! und übrigens: es gibt viele Familien mit 3 Kindern und 40.000 € Einkommen, die auch glücklich sind!

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