Streitfall des Tages
Wenn Kinder falsch versichert sind

Versicherungsvermittler hausieren mit speziellen Vorsorgeprodukten für Kinder. Die Bedingungen sind aber in der Regel schlecht und die Beiträge zu teuer. Welche Policen Kinder brauchen - und welche nicht.
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Der Fall


„Ich könnte mir so was von in den Popo beißen.“ Sabrina Wölfinger aus Bayern macht in einem Mütterforum im Internet ihrem Ärger Luft. Sie hat kurz nach der Geburt ihrer Tochter einer Bekannten vertraut, die als Finanzvermittlerin tätig ist. Und diese Dame hat ihr eine "Biene-Maja-Kindervorsorge" der Nürnberger Versicherung empfohlen – in ihrem Falle eine Paketversicherung aus Ausbildungsversicherung, Unfallversicherung und zusätzlichem Sparplan.

Sabrina Wölfinger arbeitet als Freiberuflerin mit monatlich stark schwankendem Einkommen – als sie die Policen nicht mehr bedienen kann, kommt sie nach eigener Aussage nur dank anwaltlicher Beratung aus dem Vertrag. Die Nürnberger Versicherung weist darauf hin, dass die Beitragszahlungen für maximal drei Jahre unterbrochen und die Raten auch verringert werden könnten. Für Sabrina Wölfinger ist das keine Option – sie möchte den Vertrag kündigen und tut das auch. Da sich eine Falschberatung nicht beweisen nachweisen lässt, bleibt sie auf den Anwaltskosten von 600 Euro sitzen.

Die Relevanz

Da liegt der heiß ersehnte Wonneproppen in seiner Wiege und kräht fröhlich vor sich hin und schon drehen sich alle Gedanken der stolzen Eltern und Großeltern um seine Zukunft. Spätestens jetzt stellen sich viele Neu-Eltern die Frage: Welche Versicherungen braucht mein Kind? Wo ist es automatisch mitversichert? Gegen welche Gefahren wollen wir den oder die Kleine absichern? Häufig fallen Eltern in ihrer Fürsorge so wie im Fall Sabrina Wölfinger auf die Überredungskünste von Versicherungsvermittlern herein, die ihnen eine spezielle Kinderprodukte anbieten. Ein Markt, der immer weiter wächst.

Experten raten meist von diesen Produkten ab, denn viele der Produkte versprechen Sicherheit und Vermögensaufbau in einem. Dazu werden beispielsweise wie bei der Biene Maja Kindervorsorge mehrere Elemente zu einem Paket geschnürt: beispielsweise eine Lebensversicherung mit einer Unfallversicherung oder einer Berufsunfähigkeitsversicherung fürs Kind. "Eine Unfallversicherung beispielsweise braucht kein Mensch und schon gar kein Kind", unterstreicht Michael Wortberg, Versicherungsreferent der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Schließlich solle nach dem Willen der Eltern damit eine Invalidität des Kindes nach einem Unfall abgesichert werden. Invalidität bei Kindern resultiere aber nach allen amtlichen Statistiken zu weit über 90 Prozent aus Krankheit und nicht aus Unfall-Ursachen. Und Krankheit ist wiederum durch eine Unfallpolice nicht abgesichert. Spezielle Kinderausbildungsversicherungen sind nach Meinung der Experten ebenfalls uninteressant, denn wie bei allen Lebensversicherungen besteht seit 2005 keine Steuerfreiheit mehr.

Die Rechtslage


Eigentlich braucht es nur ganz wenige Policen, um Kinder richtig abzusichern. Nach der Geburt sollten Eltern erst einmal zum Telefonhörer greifen und die Krankenkasse über den Familienzuwachs informieren, rät Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Denn das Krankenhaus informiert die zuständige Krankenkasse nicht automatisch.

Ist die Mutter Mitglieder in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), ist das Kind automatisch mitversichert. Ist die Mutter freiberuflich tätig, kann der Nachwuchs über den Vater mitversichert werden, so der Mitglied der GKV ist. Bis zum 25. Lebensjahr sind die Kinder dann bei den Eltern mitversichert. Sie müssen allerdings bis zu diesem Alter noch ihre erste Ausbildung absolvieren. Bei der privaten Krankenversicherung sind Kinder nicht über die Eltern mitversichert, hier muss für jedes Kind ein einzelner Vertrag abgeschlossen werden.

Ein wichtiges Argument für eine private Krankenzusatzversicherung für Kinder gibt es für Elke Weidenbach von der VZ NRW: die stationäre Zusatzversicherung. "Mit einer so genannten Rooming-in-Klausel kann ein Elternteil mit dem Filius im Krankenhaus übernachten, wenn sich der Aufenthalt dort länger hinziehen sollte."

Ganz wichtig ist die private Haftpflichtversicherung. Bis zum Abschluss ihrer Ausbildung sind Kinder in der Regel in der Haftpflichtversicherung der Eltern mitversichert. Allerdings sind Kinder erst ab einem Alter von sieben Jahren deliktfähig, im Straßenverkehr sogar erst ab zehn Jahren.
Die Risikolebensversicherung der Eltern sichert beim Tod eines oder beider Elternteile das Familieneinkommen ab. Mit einem Jahresbeitrag von etwa 150 Euro bekommt das Kind im Todesfall von Mutter und/oder Vater zwischen 100.000 und 150.000 Euro – die Summe hängt vom Eintrittsalter des Versicherten ab. "Diese Versicherung kann zumindest einen Teil des Familieneinkommens ersetzen und ist damit wichtiger als viele andere Produkte", fasst Hajo Köster vom Bund der Versicherten zusammen.

Die gesetzliche Unfallversicherung gilt nur während der Betreuung im Kindergarten, in der Schule und auf dem Weg dorthin. Sie gilt also nicht in der Freizeit. Dafür sollte nach Ansicht von Hajo Köster eine private Unfallversicherung abgeschlossen werden: "Kann ein Kind als Folge eines Unfalls ein Leben lang nicht arbeiten, müssen die Eltern möglicherweise bis zu ihrem Tod für den Unterhalt aufkommen." Allerdings schränkt der Experte ein, dass Invalidität meist durch Krankheiten entsteht und die sind nicht über eine Unfallversicherung abgedeckt.

Kapitallebens- oder private Rentenversicherungen für Kinder als Grundstein für deren späteres Vermögen lehnen die Geldexperten in der Regel ab. Denn mehr als die Hälfte dieser langfristigen Verträge wird nicht bis zum Ende durchgehalten, weiß Hajo Köster vom Bund der Versicherten. Und selbst wenn der Vertrag bis zum Ende durchgehalten wird, wartet meist eine nur magere Rendite. Denn ein Großteil der Einzahlungen geht für Kosten und Versicherungsschutz drauf.

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Was Experten Eltern raten

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  • Da hab ich doch mal wirklich eine für mich interresante Frage?
    Ab wieviel Jahren sollte man denn eine Unfallversicherung abschließen, ich meine jetzt nur das Unfallrisiko keine mit Beitragsrückgewähr, ist ja eh nur eine LV.
    Bin mal abgestürzt, vor knapp 20 Jahren und habe eine Leistung in sechstelliger Höhe bekommen. Das hat mir schon richtig, wirklich richtig, geholfen.
    Bin schon auf eine Antwort gespannt.

  • Die Aussage dass das Kind, wenn die Mutter GKV versichert ist, automatisch auch GKV versichert ist, ist falsch. Das hängt von einigen Faktoren wie z.B. Einkommen des Vaters und der Mutter ab und wo der Vater versichert ist (PKV oder GKV).

  • Also, da fühlen sich wohl einige sehr vertriebs- und provisionsorientierte Kollegen auf den Schlips getreten weil ihre Cash-Cows, die wirklich niemand braucht, hier zu recht madig gemacht werden.
    Bei den ganzen Kombi-Produkten aus Unfallschutz/Invalidität/BU bzw EU mit "Sparplänen" und Rentenversicherungen sind die Abschlusskosten nunmal so horrend in Deutschland das überhaupt keine ordentliche Rendite rauskommen kann. Das würde ich keinem Mandanten anbieten, den ich langfristig behalten will. Es gibt sehr gute kombinierte Unfall/Invaliditätsversicherungen die lebenslang eine Rente und noch dazu eine ordentliche Einmalzahlung bieten für 400-500 EUR im Jahr. Die machen Sinn. Wer dann noch Geld für die Zukunft der Kinder anlegen will wäre mit jedem Sparbuch besser beraten als mit diesen teuren Kombiplänen von Nürnberger und sonstwo. Eine solide direkte Fondsanlage geht schon ab 25-50 EUr im Monat und ist auf solange Zeit allemal ertragreicher. Was mich fachlich stört in dem Artikel ist die Ungenauigkeit bei der GKV-PKV Beschreibung. Es geht eben nicht, die Kinder umsonst in die GKV zu tun wenn Papa in der GKV ist und Mama als Freiberufliche in der PKV, es sei denn Papa verdient signifikant mehr als Mama. Was nicht immer der Fall ist.

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