Streitfall des Tages
Wenn Pedelecs ihre Fahrer in den Ruin treiben

Elektrofahrräder boomen: Mehr als eine halbe Million Deutsche setzt bereits auf das bequeme Radfahren mit Motor. Versichert sind längst nicht alle von ihnen. Ein existenzielles Risiko. Was Radfahrer wissen sollten.
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Der Fall

 

Rasende Radfahrer – das waren lange Zeit vor allem athletische Sportler auf sündhaft teuren Rennrädern – gut erkennbar an ihren rasierten Beinen, hautengen Trikots und der obligatorische Trinkflasche Doch die Zeiten ändern sich. Immer häufiger überraschen auch Fahrrad fahrende Businessfrauen, Mütter mit Kinderanhängern oder Senioren mit Schiebermütze durch bemerkenswertes Tempo. Ein Rentner mit fast 50 Sachen? Durchaus denkbar.

Möglich machen diese Entwicklung sogenannte Pedelecs, also Fahrräder mit eingebautem Elektroantrieb (Pedal Electric Cycles). Auf den ersten Blick sind sie von herkömmlichen Drahteseln kaum zu unterscheiden. Doch der Schein trügt. Dank ihres Motors beschleunigen die getunten Räder auf bis zu 25 Stundenkilometer, ohne dass der Fahrer sich besonders verausgaben muss.

Dass Pedelec-Piloten trotz ihres hohen Tempos so entspannt im Sattel sitzen, hat allerdings auch Nachteile. Fußgänger und Autofahrer unterschätzen häufig die Geschwindigkeit der Elektroradler. Eine Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) belegt: Pedelecs sind eine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer und den Fahrer selbst – auch in finanzieller Hinsicht. Denn private Haftpflichtpolicen stehen längst nicht immer für die Folgen eines Pedelec-Crashs gerade. Ein existenzielles Risiko.

 

Die Relevanz

 

Fahrräder mit eingebautem Rückenwind werden in Deutschland immer beliebter. Wurden im Jahr 2009 noch rund 150.000 Stück verkauft, stieg der Absatz nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV) im Jahr 2010 bereits auf 200 000. Für das Jahr 2011 gehen die Experten von 300.000 verkauften Rädern aus. Insgesamt sind auf deutschen Straßen und Radwegen derzeit an die 600.000 Pedelecs unterwegs. Experten gehen davon aus, dass die Zahl weiter steigt: „Die meisten Fahrradfahrer über 55 Jahre kaufen heute Pedelecs“, sagt ADAC-Präsident Peter Meyer.

Trotz des Booms bewegen sich die Fahrer in einer rechtlichen Grauzone. Vor allem die Frage, ob und wie sie im Fall eines Unfalls versichert sind, beantwortet Allianz & Co. derzeit höchst unterschiedlich. Juristen des ADAC verlangen daher vom Gesetzgeber, die Unklarheiten so schnell wie möglich zu beseitigen, Pedelecs im Gesetz als Fahrräder zu definieren und Rechtssicherheit für alle Verkehrsteilnehmer zu schaffen. Derzeit stellen die Juristen ihre Vorschläge auf dem 50. Deutschen Verkehrsgerichtstag in Goslar zur Diskussion.

 

Die Gegenseite

 

Im Bundesverkehrsministerium nimmt man die Anregungen des ADAC zwar zur Kenntnis und räumt auf Anfragen von Handelsblatt Online einen gewissen Handlungsbedarf ein. Versicherungsfragen, so ein Sprecher, fielen allerdings per se erst einmal nicht in den Zuständigkeitsbereich des Bundesverkehrsministeriums.

 

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Wer in die Haftungsfalle tappt

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  • Ich vergass, sorry- die meisten Radwege sind RR-Fahrern einfach zu gefährlich. Das ist reiner Selbstschutz, da nicht zu fahren. Manche fahren schliesslich 5-10000 km/Jahr.

  • Jein, sehe ich nicht ganz so:
    Ein Freund sagte: "Die fahren alle über ihre Verhältnisse".
    Fakten-Puzzle:
    - Offiziell haben alle Fahrräder eine "Nenngeschwindigkeit" von 25 km/h
    - Die meisten Radler fahren aber nur 15 km/h - pi mal Daumen
    - Rennradfahrer fahren bei einer Tour unter Hobbysportlern im Schnitt ca 28 km/h. Also genau die Geschwindigkeit der Pedelecs. Rennradfahrer haben sich schon immer geweigert, "Radwege" zu benutzen. Es wird immer behauptet, dass die lieber auf der Strasse fahren, um Autofahrer zu ärgern- kilometerweise Threads auf Newsgroups frei von jeder Sachlichkeit weisen darauf hin.

    Nun kommen aber irgendwelche P-Fahrer, die diese Erfahrung nicht haben und benutzen diese Radwege mit "Constant-Speed" 25 km/h- mitten zwischen den Radfahrern, die alle so um die 15 km/h herumeseln. Und die haben sich noch nie Gedanken über irgendwelche Gefährlichkeit gemacht. Putzfrau, Eimer in der Hand, fährt zur Arbeit.

    Und mit der Einführung der P "schlägt das Problem auf", was jahrzehntelang nur Rennradfahrer betraf, denen man unterstellte, sie möchten Autofahrer ärgern. Das geht jetzt nicht mehr.

    Meine Meinung:
    Die Politik und die Juristen behaupten, Radwege wären "sicher". Die _dürfen_ ja auch gar nichts anderes behaupten denn sonst hätten sie ein Problem: Sie würden Radfahrer dort hin verbannen, wo es gefährlicher wie notwendig ist-ein klarer Verstoß der Juristen gegen das GGs. Oder?

    Und nun stossen diese Problemverdrängungsmechanismen an ihre Grenzen- Und dann wird das von Leuten bearbeitet, die ihren Hintern noch nie auf so einem Ding hatten. Schlimm.

    ----
    Das ist das gleiche wie bei der Herunterstufung dieser 3 auf 2 Sterne- Mit den 3 Sternen ging man hausieren- Jetzt wird das System in Frage gestellt. Anstelle sich mal einen Kopp zu machen, warum. Problemverdrängung- man suche nach dem
    "Grünen Tisch" auf Wikipedia.
    Ich bin Ingenieur- und weiss warum. Die Herabstufung ist schmeichelhaft. Ich schweife ab.

  • In meiner Familie haben wir 2. Beide von Aldi eines mit, eines ohne Anfahrhilfe. Für mich war der Artikel interessant. Werde bei meiner Haftpflicht nachfragen.

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