Streitfall des Tages
Wenn sich das Kapital plötzlich halbiert

Immer wenn Aktienindizes nach unten rasen, wird es auch für Besitzer von Bonuszertifikaten brenzlig. Wenn die Sicherheitsbarrieren reißen, drohen ihnen hohe Verluste. Auf dieses Risiko müssen Berater hinweisen.
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Der Fall


Im Frühjahr 2007 will ein Bankkunde etwa 6.000 Euro anlegen. Er äußert klar gegenüber seinem Berater, dass er auf alle Fälle „Ertrag generieren" wolle.

Ihm wurde ein so genanntes Bonuszertifikat empfohlen. Das Papier sollte von der Entwicklung dreier Aktienindizes profitieren und verfügte über einen Risikopuffer: Am Ende der Laufzeit sollte die eingezahlte Summe erstattet und zusätzlich zwei Prozent Bonus per anno gezahlt werden, sofern nicht einer von drei marktbreiten Aktienindizes während der Laufzeit um mehr als 50 Prozent an Wert verlor.

Nach der Lehman-Pleite durchbrach tatsächlich einer der Indizes die gesetzte Grenze. Kapitalschutz und Bonusversprechen waren dahin. Die Wertentwicklung wurde jetzt anhand der tatsächlichen Börsenentwicklungen gemessen. Der Kunde musste schließlich innerhalb von drei Jahren mehr als 50 Prozent Verlust einstecken.

Er verklagte seinen Berater und bekam in der zweiten Instanz vom Oberlandesgericht München Recht. Ein Zertifikat ohne hundertprozentigen Kapitalschutz dürfe der Berater bei dieser Risikoeinschätzung gar nicht anbieten (§ 280 Abs. 1 BGB), lautet die Begründung.

Für die Münchner Richter war erstmals das Risiko der Barrieredurchbrechung maßgeblich. Dieses Risiko sei dreifach gesteigert gewesen: Denn die versprochene Verzinsung entfalle bereits, wenn nur einer von drei "hinterlegten" Indices um mehr als 50 Prozent fallen sollte.

Nach Ansicht des Gerichts traf der Einwand der Bank nicht zu, dass es unvorhersehbar gewesen sei, dass auch nur in einem dieser Wirtschaftsräume der Schnitt der Börsenkurse auf unter 50 Prozent absinken könne. Diverse Krisen auf der Welt hätten seit 1929 gerichtsbekannt gezeigt, dass praktisch keine Entwicklung der Börsenkurse als „rein theoretisch" angesehen werden könne.

Die Gegenseite

Bei den Gerichtshöfen sind derzeit Klagen gegen mehrere Emittenten von Zertifikaten anhängig. Werden insbesondere Bonuszertifikate richtig verkauft? Oder müsste sich - wie Verbraucherschützer fordern - die Gesetzeslage ändern?

Auf Anfrage von Handelsblatt Online verweist der Deutsche Derivate Verband (DDV) auf eine Checkliste, die vor zwei Jahren gemeinsam mit der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) entwickelt wurde. Insgesamt 18 Punkte sollten Anleger vor einem Kauf abklopfen. Interessierte finden sie unter http://www.derivateverband.de/DEU/Wissen/Checkliste. „Wir weisen immer wieder daraufhin, dass ein Anleger nur ein Produkt kaufen soll, das er auch versteht,“ so ein Sprecher.

Allgemein gelte stets: Je höher die Renditechance, umso höher das Risiko einer Kapitalanlage. Zudem würden Bonus-Zertifikate in seitwärts tendierenden und leicht fallenden Märkten eine hohe Renditechance bieten. Für stark fallende Märkte seien sie hingegen nicht geeignet.

Wer als Anleger bei Zertifikaten auf Nummer sicher gehen will, müsse stattdessen in Kapitalschutz-Zertifikate investieren, auf die 60 Prozent des gesamten Marktvolumens entfallen. Im Übrigen seien Bonus-Zertifikate, deren Barriere aufgrund der dramatischen Kurseinbrüche unterschritten wurden, nicht wertlos.

Regulatorischen Handlungsbedarf sieht der DDV nicht. Es gebe bereits für alle derivativen Wertpapiere wie Zertifikate, Aktienanleihen und Optionsscheine ein umfassendes gesetzliches Regelwerk. In der Anlageberatung sollten jedoch nur die Produkte empfohlen werden, die der Risikoneigung, den Renditewünschen und der Markterwartung des Anlegers entsprechen. Das sei ja auch seit kurzem in den jeweiligen Beratungsprotokollen zu dokumentieren.

Kommentare zu " Streitfall des Tages: Wenn sich das Kapital plötzlich halbiert"

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  • Wenn der Kunde "auf alle Fälle Ertrag generieren" will, ist er m. E. selbst verantwortlich, wenn das ganze den Bach runtergeht. Typisch deutsch: wenn's schiefgeht, sind immer nur die anderen schuld und es wird notfalls jahrelang nach einem Schuldigen gesucht, auch wenn er von noch so weit an den Haaren herbeigezogen wird. In unserem Land unterstützt inzwischen sogar die ober- und höchstrichterliche Rechtsprechung diese Mentalität, daß ein mündiger, wahlberechtigter Erwachsener nicht mehr selbst für sein Tun und Handeln verantwortlich ist - es sei denn, er geht alles gut. Dann - natürlich - war man selbst der Beste...

  • erklären Sie mal, wieso "die Bank die Wettregeln ändern kann"..... nur damit das ganze sachlich bleibt, danke.

  • Zertifikate sind Wetten gegen die Bank ("Die Bank gewinnt immer!"), wobei die Bank sofort 100% des Wetteinsatzes kassiert, keine Sicherheiten bietet und die Wettregeln ändern kann!
    Wer in Zertifikate investiert ist selbst schuld! Kein Mitleid mit Menschen, bei denen gilt: "GIER FRISST HIRN"

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