Streitfall des Tages
Wenn Spender abgezockt werden

Jedes Jahr spenden die Bundesbürger Milliarden Euro für wohltätige Zwecke. Aber jede fünfte Organisation ist fragwürdig. Mit welchen Geschäftsmodellen Betrüger reich werden und woran Spender schwarze Schafe erkennen.
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Der Fall

„Jeden Tag sterben 75 Kinder vor ihrem fünften Lebensjahr im Sudan. Bitte beenden Sie diese Tragödie.“ So beginnen Briefe vom World Children’s Fund Deutschland e. V., die unlängst in tausenden Briefkästen zu finden waren.

Einige davon wurden weitergeleitet zu Charitywatch, einem Internetportal, dass es sich zur Aufgabe gemacht hat, Betrügereien in diesem Segment aufzudecken. Die Art der Spendenwerbung ist äußerst aggressiv: Ein beigelegtes Halstuch, ein Rosenkranz oder ein Nähset verlocken zum Öffnen. Danach können sich Leser den herzzerreißenden Bildern von abgemagerten Kindern kaum entziehen.

Zuguterletzt wird Druck gemacht: „Bitte helfen Sie schnell - jeden Tag, den wir warten, werden wieder 75 Kleinkinder sterben!“, so lautet der letzte Satz des Schreibens. Seit mehreren Jahren warnt das Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) vor dieser Organisation. Denn was jedoch genau mit dem Geld passiert ist, steht nicht im Jahresbericht, der auf der Website eingesehen werden kann.

Die DZI Spenderberatung habe sich mehrfach bemüht, zuletzt im August 2011, von den Verantwortlichen der Organisation konkrete aussagekräftige Informationen über deren Arbeit zu erhalten. Dem Auskunftsersuchen habe die Organisation nicht entsprochen. Der DZI könne damit unter anderem nicht beurteilen, ob der World Children's Fund Deutschland e.V. vom zuständigen Finanzamt als steuerbegünstigt im Sinne der §§ 51 ff. Abgabenordnung anerkannt und folglich berechtigt ist, Spendenbescheinigungen für steuerliche Zwecke auszustellen.

Bereits im Oktober 2007 musste sich die Organisation dazu verpflichten, alle Spendensammlungen durch Spendenmailings sowie den Einzug von Geldspenden in Rheinland-Pfalz einzustellen. Stefan Loipfinger, Gründer von Charitywatch, stellt jedoch fest: „Trotz der Warnung und dem Sammlungsverbot, die vor einigen Jahren ausgesprochen wurden, stiegen die Einnahmen des World Children’s Fund Deutschland e. V. im selben Zeitraum von 2,4 auf 7,5 Millionen Euro.“

Die Gegenseite

Auf Anfrage von Handelsblatt Online hat der World Children Funds Deutschland e.V. zu dem Fall bisher nicht Stellung genommen.


Die Relevanz

„Solche Briefe häufen sich vor allem in den Briefkästen von Menschen, die bereits der einen oder anderen Organisation Geld gespendet haben,“ berichtet Loipfinger. Dabei verpflichten sich Organisationen, die Mitglieder im Deutschen Spendenrat sind, Regeln in punkto Werbung einzuhalten und vor allem keine Adressen von Spendern weiter zu geben.

Doch aggressive und teure Werbung mit Spendengeld ist nur ein Problem von dem Experten berichten. Jedes Jahr geben die Bundesbürger rund fünf Milliarden Euro für wohltätige Zwecke. Was passiert mit diesem Geld? Wie viel davon kommt tatsächlich an?

Der DZI beruhigt zwar, der weitaus überwiegende Teil würde vereinbarungsgemäß verwendet. Doch Fakt ist: Einzig Rheinland-Pfalz verfügt über eine aktive Behörde, die Spendensammler überwacht und Informationen ins Internet stellt. In jedem anderen Bundesland können sich Sammler ohne Genehmigung mit ihren Spendenbüchsen aufstellen. Und bei der Arbeit der Behörde in Trier ergab sich eine Quote, die nachdenklich stimmt: Seit dem Jahr 2000 wurden 322 Hilfsorganisationen überprüft, die Haus – und Straßensammlungen durchführten. In 65 Fällen wurden Sammlungsverbote erteilt.

Dazu erläutert eine Sprecherin, dass Verbote immer nur das letzte Mittel seien. Jede Organisation erhalte zunächst die Möglichkeit, nachzubessern. Muss also – statistisch gesehen - jede fünfte Sammelbüchse als fragwürdig gelten? Loipfinger hat in seinem 2008 gegründetem Internetportal Charitywatch Daten zu fast 3.000 Organisationen erhoben. Zudem hat er gerade ein Buch „Die Spendenmafia“ veröffentlicht. Nach seiner umfangreichen Recherche hält er diese Quote für insgesamt durchaus realistisch „Bei uns fällt die Zahl sogar noch höher aus. Denn wir werden häufig dann aktiv, wenn Leute über Auffälligkeiten berichten“, so Loipfinger.

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Wenn Spender abgezockt werden

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Woran Spender Betrüger erkennen

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  • Kommentar von Melph

    Ich werde immer misstrauisch, wenn jemand an meiner Tür klopft und mir anbietet mein Geld zu den armen Menschen dieser Welt zu bringen. Es könnte sein das er sich selbst für sehr bedürftig hält. Egal wie ehrlich er ist, einen Teil von diesem Geld benötigt er selbst. Eventuell springt dann auch der eine oder andere neue BMW am Ende dabei raus... wenn man schon weit reisen muss, soll es ja schließlich bequem sein. Ich denke man sollte den Hilfsbedürftigen helfen in dem man Möglichkeiten schafft, Möglichkeiten sich selbst zu helfen. Die Menschen helfen sich selbst am besten. Ein Politiker wird, wenn überhaupt dafür gebraucht Gesetzte zu erlassen, welche diese Selbsthilfe ermöglichen. Die Schwächeren müssen vor den Ausbeutern geschützt werden, da sonst auch unter den besten Bedingungen die Lösungen im Keim erstickt werden. Es ist ein Fehler zu Glauben ein Politiker könnte Probleme lösen. Das nötige Wissen und ausreichend Ehrlichkeit bringen die wenigsten von diesen Leuten (Politiker/Spendensammler) mit und demzufolge bringen sie auch nichts dorthin wo es hilft. Selbst wenn sie es schaffen einen Teil der Spenden dem gewünschten Zweck zu opfern, kann dies immer noch falsch sein (Dead Aid: Warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert und was Afrika besser machen kann von Dambisa Moyo). Nachhaltig ist nur was die Leute sich selbst aufbauen und schützen weil es ihr eigenes Werk ist.

    Nur spenden wenn sicher ist das es auch hilft.

  • sehr schweres Thema,

    wirklich zu helfen, würde unser politisch, wirtschaftliches System zum Einsturz bringen.

    Vordergründig helfen Nahrungsmittel

    Doch warum hungern die Menschen? Warum werden in diesen Ländern mehr Kinder geboren, als das Land (trotz Wetterkapriolen) leben können. Auf der einen Seite bekämpft man AIDS und andere Krankheiten, auf der anderen Seite sind dann noch mehr Esser da. Und auch wenn die westlichen Länder ALLE Nahrungsmittel dieser Welt locker machen würden, die Vermehrung wäre dann so stark, dass der Hunger nur 10 – 20 Jahre aufgehalten werden könnte.

    Eigentlich wäre es sehr einfach, hier eine nachhaltige Hilfe hin zu bekommen. Einfach, indem man unfähige Regierungen in den Hungergebieten durch fähige Politiker ersetzt. Aber wer soll diese Politiker wirklich auswechseln? Sollen sich die reichen Länder, wie in Südafrika und Rhodesien passiert direkt einmischen und blühende Landstriche erzeugen.

    Aber dann schreien anderen wieder, dass sei Rassismus.
    Und kaum ist der Rassismus weg, kommt der Hunger zurück.

    Ob, das waren meine Gedanken hierzu.
    Dass an einer Lösung gearbeitet wird, ist allgemein bekannt, jedenfalls außerhalb der Öffentlichkeit.

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