Streitfall des Tages: Wie Erbschleicher Vertrauen missbrauchen

Streitfall des Tages
Wie Erbschleicher Vertrauen missbrauchen

Weil sie auf Hilfe angewiesen sind, stellen immer mehr ältere Menschen eine Vorsorgevollmacht an Personen ihres Vertrauens aus. Oft wird dieses Vertrauen von Erbschleichern missbraucht. Was Erben wissen müssen.
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Der Fall


Nachdem der erste Ehemann gestorben war, wurde die Witwe mittels der Vollmacht in ein Altersheim verbracht. Ihr Argument: „Wir machen erst einmal das Haus altersgerecht und dann kannst Du wieder einziehen.“ Zuvor wurden 120.000 Euro vom Konto zur Renovierung des Hauses abgebucht.

Anschließend wurde ein Übergabevertrag gemacht, wonach das Haus an die Bevollmächtigte gegen Wohnrecht der dementen alten Frau ging, obwohl diese das Wohnrecht wegen ihrer Erkrankung gar nicht nutzen konnte. Ein Notar beurkundete auch noch kurz vor dem Tode der Frau einen Erbvertrag zugunsten der Bevollmächtigten.

Der Vorwurf einiger Experten: Trotz notarieller Beurkundung und Erläuterung durch Notare, sind die Erteiler einer Vollmacht keinesfalls vor Missbrauch durch Bevollmächtigte geschützt.

Die Relevanz

Mit der Alterung der Bevölkerung steigt auch der Anteil älterer Personen, die sich mit täglichen Verwaltungs- und Vermögensangelegenheiten überfordert fühlen oder die für den Fall der eigenen Handlungsunfähigkeit aufgrund von Krankheit vorsorgen wollen. Ist eine Person nicht mehr in der Lage über seine eigenen Angelegenheiten zu entscheiden, kann das Vormundschaftsgericht einen Bevollmächtigten beauftragen.

Das kann auch eine fremde Person sein, ein Bevollmächtigter, der diese Funktion als Beruf ausübt. Eine solche Situation wollen Menschen, die rechtzeitig eine Vorsorgevollmacht an eine Person ihres Vertrauens ausstellen, vermeiden.

Die räumliche Trennung des Familienverbandes führt aber oft dazu, dass ältere Menschen keinen ständigen Ansprechpartner haben und besonders anfällig für vermeintliche Freundlichkeiten sind, und solchen Personen eine Vorsorgevollmacht ausstellen. Wie viele Vorsorgevollmachten in Deutschland bestehen, steht nicht fest. Ein Anhaltspunkt liefert jedoch das Vorsorgeregister, in dem Vorsorgevollmachten freiwillig eingetragen werden können.

Aktuell sind in dem Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer über 1,5 Millionen Vorsorgevollmachten registriert. Die Zahl der registrierten Vollmachten nimmt stark zu. In den meisten Fällen ist eine Vollmacht mit einer Patientenverfügung verbunden. So waren von den 213.215 Vollmachten, die in den ersten neun Monaten des Jahres 2011 neu registriert wurden, 160.523 mit Patientenverfügungen verbunden.

Im Fall der Handlungsunfähigkeit von Betroffenen erfolgen von Gerichten oder Ärzten Abfragen, ob die Person einen Bevollmächtigten beauftragt hat. Jeden Monat werden zur Zeit etwa mehr als 20.000 Registerabfragen bei der Bundesnotarkammer vorgenommen.

Mit einer Vorsorgevollmacht erhalten die Bevollmächtigte zum Teil weitreichende Rechte über das Vermögen oder können Entscheidungen über die Gesundheit des Vollmachtgebers treffen. Oft ist dann Missbrauch möglich, weil keine Kontrolle besteht und sich die Betroffenen nicht mehr wehren können.

Nach aktuellen Schätzungen des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) werden im laufenden Jahrzehnt knapp 2,6 Billionen Euro in Deutschland vererbt – in den meisten Fällen von älteren Menschen. Deren Angehörige merken erst oft nach dem Tod ihres Familienmitgliedes, dass sich eine dritte Person über Vollmachten, Schenkungen oder testamentarische Verfügungen zu ihren Gunsten große Teile des Vermögens verschafft hat und vom Erbe nicht mehr viel übrig geblieben ist.

Die betroffenen und ausgeschlossenen Erben können den Sachverhalt nur schwer nachweisen, die meisten Fälle sind juristisch chancenlos. In Deutschland ist die Erbschleicherei ein wachsendes Phänomen.

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