Streitfall des Tages
Wie Kinderlose benachteiligt werden

Strafzahlungen für Kinderlose – mit diesem Vorschlag haben junge Unionspolitiker eine hitzige Debatte über Familienförderung in Deutschland entfacht. Doch stehen Kinderlose wirklich soviel besser da als Eltern?
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Der Fall

Der Schock sitzt tief. Angesichts des „schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfelds“, so die Ansage der Geschäftsleitung eines mittelständischen IT-Dienstleisters, „sehe sich man sich leider gezwungen, am Standort München betriebsbedingte Kündigungen auszusprechen“.

Fünf der 25 Mitarbeiter müssten das Unternehmen verlassen. Die Versicherungen, das Unternehmen werde bei der Auswahl „selbstverständlich darauf achten, die Maßnahme sozial ausgewogen zu gestalten“ – ein schwacher Trost.

Zumindest für jene, die der Gesetzgeber in der Schutzbedürftigkeitsskala ganz nach unten gesetzt hat. Häufig sind das besonders junge Kollegen, Singles und, allen voran, Mitarbeiter, die keine Kinder haben.

Die Relevanz

Familienpolitik, von Altkanzler Gerhard Schröder einst als „Gedöns“ für Frauen geschmäht, ist heute mehr denn je Bestandteil der Wirtschaftspolitik – und knallharte Kalkulation. Nach Kräften wird versucht, den Schutz von Eltern und deren Kindern in möglichst vielen Lebensbereichen voranzutreiben. Nicht aus Altruismus, sondern im Sinne der Ökonomie.

Es gilt, Frauen zum Gebären zu animieren und endlich dafür zu sorgen, dass wieder ausreichend Kinder zur Welt kommen, die mittelfristig die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland sichern. Bislang sind die Erfolge – was die Geburtenraten angeht – jedoch eher mäßig.

Entsprechend überschlagen sich Vertreter aller Parteien in immer kürzeren Abständen mit Vorschlägen zur Familienförderung. Einige besonders emsige Vertreter der jungen Union schlagen nun sogar vor, Kinderlose mit Strafzahlungen zu belegen. Schließlich leisteten sie ja sonst keinen Beitrag zur Zukunft des Landes.

Der Experte

Warum der Verteilungskampf zwischen Eltern und Nicht-Eltern (beziehungsweise den Fürsprechern der einzelnen Gruppen) aktuell so eskaliert, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. „Das Wissen, dass den Deutschen ein paar Kinder mehr ganz gut zu Gesicht stünden, hatte man bereits in den 1970er-Jahren“, sagt Detlev Lück, Familiensoziologe am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden.

Ganz so dramatisch, wie die Politik bewertet der Wissenschaftler die Lage allerdings nicht. Sanktionen für Kinderlose lehnt er daher auch strikt ab. „Es ist klar, dass der Staat versucht, Familien nach Kräften zu unterstützen“, so der Experte. Eine Bestrafung von Menschen, die sich gegen eine eigene Familie entschieden haben, sei hingegen nicht zielführend.

Dies gelte umso mehr, als, rein ökonomisch betrachtet, eben jene Kinderlose über Steuerzahlung oder durch ihre Beiträge zur Sozialversicherung die Förderung von Eltern und Kindern maßgeblich mitfinanzierten. Und die ist – auch wenn wohl noch mehr ginge – schon heute durchaus umfangreich.

Kommentare zu " Streitfall des Tages: Wie Kinderlose benachteiligt werden"

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  • Soso, wir Kinderlose leisten also keinen nützlichen Beitrag. Oh doch das tun wir. Allein dadurch, daß wir keine weiteren nutzlosen Verbraucher und Umweltzerstörer produzieren, leisten wir genügend Beitrag. Man muß nicht nur auf ein künstlich erstelltes System stieren, sondern auf die Gesamtsituation des Planeten Erde, der sowieso schon ächzt unter der Last von zuvielen Milliarden Menschen. Das kann und darf nicht ewig so weitergehen. Und die Vernünftigen sollen dann noch gegängelt udn bestraft werden. Dem Staat geht es überhaupt nicht um Kinder, sonder NUR und ausschließlich um künftige Steuerzahler. Kinder dürfen nichts kosten, sie sollen "später" nur was einbringen. Wer das nicht sieht und dem System einen Riegel vorschiebt, bei dem ist Hopfen und Malz verloren.

  • Die Debatte ist nicht zielführend. Um mehr Steuereinnahmen für den Staat zu erreichen und entsprechend mehr Kinderförderung zu betreiben, müssen andere Wege gesucht werden und das hat Kanzlerin Angela Merkel richtig erkannt.

    Es gibt genügend andere staatliche Einnahmequellen, die dann an Kinder verteilt werden kann: beispielsweise Erhöhung und Ausweitung der LKW-Maut (auch für Ausländer auf den Autobahnen), Finanztransaktionssteuer, Abschaffung des Dienstwagenprivilegs bei Grosskonzernen, höhere Gewerbesteuersätze, stärkere Besteuerung der Vermögenden.
    Und gleichzeitig kann der Staat auch an bestimmten Stellen weiter sparen: beispielsweise bei der Bundeswehr: wir brauchen keine große Armee mehr, denn wir sind in Europa von Verbündeten in der NATO umzingelt und falls jemals in Deutschland ein Krieg kommen sollte, sind Soldaten kaum noch von Bedeutung, denn dann fallen jede Menge Atombomben auf Berlin ,Hamburg, Frankfurt, usw.
    Daher die Bundewehr sollte noch viel stärker verkleinert werden, um so Geld beim Staat zu sparen. Und wir brauch auch nicht überall mit Soldaten in Asien/in Afrika mitmachen, da verschlingt nur Steuermilliarden, die für das Kindergeld dann fehlen.

  • Ich als ungewollte Kinderlose,schließe mich dem Kommentar des RCF an. Auch empfinde ich in der Pflegeversicherung den Zuschlag, den ich bezahlen muss, als ungerecht. Wer kann denn sicher sein, dass sich alle Kinder später um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmern?

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