Streitfall I
Wenn der Arzt unsinnige Leistungen empfiehlt

Damit die Abrechnung stimmt, empfehlen einige Ärzte unsinnige Untersuchungen, die Patienten selber zahlen müssen. Wie Kranke sinnlose Leistungen und Kostentreiber unter den Ärzten erkennen.
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Der Fall


Es ist ein ganz normaler Besuch zur Krebsvorsorge in einer gynäkologischen Praxis. Doch schon an der Empfangstheke bekommt Heike F. einen Zettel vorgelegt, auf dem sie ankreuzen soll, ob sie eine Ultraschall-Untersuchung machen lassen will.

Die 40-Jährige ist verblüfft und momentan überfordert. „Wenn Sie sonst keine Beschwerden haben, müssen Sie die Untersuchung selbst bezahlen“, lautet die Auskunft der Sprechstundenhilfe. Heike F. hat keine Ahnung, was mit „Beschwerden“ in dem Fall gemeint ist, fragt aber nicht nach. „Ich wollte nicht vor der geöffneten Tür zum vollen Wartezimmer über gesundheitliche Details sprechen.“

Um der Situation zu entkommen, kreuzt sie die Ultraschall-Untersuchung an, unterschreibt und zahlt 35 Euro.

Der Experte


Kai Vogel von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen kennt viele Fälle, die mit solchen „Individuellen Gesundheitsleistungen“ – kurz IGeL – zu tun haben. „Die meisten Anfragen bei Selbstzahler-Leistungen beziehen sich auf das Geschäftsgebaren der Ärzte.“ So weisen manche Mediziner ihre Patienten erst gar nicht auf die entstehenden Kosten hin und präsentieren ihnen hinterher überraschend eine Rechnung, andere werben geschäftstüchtig per Wartezimmer-TV für Zusatzbehandlungen auf Honorarbasis.

Bereits bei der Anmeldung in der Praxis bestimmte Erklärungen und Verträge unterschreiben zu lassen, hält Vogel für ein unseriöses Vorgehen. Denn IGe-Leistungen basieren auf einem Privatvertrag zwischen Arzt und Patient. Es ist der Arzt, der dem Patienten erklären muss, warum die Kasse nicht zahlt und er eine bestimmte Behandlung medizinisch trotzdem für sinnvoll und notwendig hält.

Gleichzeitig muss der Patient die Möglichkeit haben nachzufragen und sich die Sache in Ruhe zu überlegen, beschreibt der Verbraucherschützer die korrekte Abwicklung: „Es kann nicht sein, dass sich Patienten vorab festlegen müssen.“

Vogel beobachtet bei Patienten eine zunehmende Verunsicherung beim Umgang mit diesen IGe-Leistungen, die oft von den Ärzten an sie herangetragen werden. Sein grundsätzlicher Rat: auf keinen Fall gleich zu unterschreiben. „ IGe-Leistungen betreffen nichts, was sofort notwendig ist.“ Viele Angebote – gerade Vorsorge-Untersuchungen (PSA-Test bei Männern, Ultraschall, Glaukom) – sind medizinisch umstritten. Patienten sollten sich in einem ersten Schritt bei ihrer Kasse informieren, warum sie die Kosten nicht trägt, rät Vogel.

Oder eine ärztliche Zweitmeinung einholen – und Preise vergleichen. Denn mitunter sind die Spannen groß.
Die Selbstzahler-Angebote belasten das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient zunehmend, resümiert Vogel und warnt: „Der wirtschaftliche Druck, unter dem Ärzte stehen, darf nicht auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden.“

Kommentare zu " Streitfall I: Wenn der Arzt unsinnige Leistungen empfiehlt"

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  • Ich persönlich habe mit einer Kinesiolgin sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie schaffte Dinge, wo sich die Schulmedizin die Zähne ausgebissen hatte. In der Hinsicht bin ich der Alternativmedizin sehr dankbar und kann jedem nur empfehlen auch mal offen für Neues zu sein. Es gibt hervorragende alternative Heiler, leider ist deren Anzahl nur recht klein.

  • Dankt schon eine Kasse darüber nach Genussmittel gegen Neitragsrückerstattung zu rationieren? (Alkohol und Zigaretten nur per zusätzlich zum Bezahlen (unabhägug davon) Vorzeigen der Gesundheitskarte gleich keine Rückerstattung)

  • Bezahlt haben alle Versicherten und Privatzahler.

    Und das war neu bei der PKV. Die sind von einem "mündigen Patienten" ausgegangen der sich überlegt ob er wegen jedem Schnupfen SEINER KASSE UND DAMIT ALLEN kosten verursacht oder nicht.

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