Streitfall II: Wenn der Arzt zu sehr an Profit denkt

Streitfall II
Wenn der Arzt zu sehr an Profit denkt

Chefärzte in deutschen Kliniken erhalten von ihrem Arbeitgeber Bonuszahlungen für besondere Sparsamkeit. Ein bedenklicher Trend, warnen Kritiker. Drohen Gesundheitsrisiken, weil Ärzte zu Kaufleuten werden?
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Der Fall

Die fetten Jahre sind vorbei. Während eine Anstellung als Chefarzt vor nicht all zu langer Zeit noch einer Lizenz zum Gelddrucken glich, haben es junge Mediziner mit Führungsanspruch heute deutlich schwerer. Die meisten der neu berufenen Chefdoktoren müssen inzwischen auf die sogenannte "Privatliquidation" verzichten.

Sie büßen damit das lukrative Privileg ein, zusätzlich zu ihrem Grundgehalt die Honorare für die Behandlung von Privatpatienten mitzunehmen. Eine Maßnahme, die im Extremfall jährliche Einkommenseinbußen im sechsstelligen Bereich nach sich zieht.

Um zumindest einen Teil der Verluste auszugleichen, gehen Kliniken deshalb dazu über, engagierte Newcomer - wie in der freien Wirtschaft – mit Boni für das Erreichen bestimmter finanzieller Ziele zu ködern. Die Parameter werden von der Geschäftsführung des jeweiligen Krankenhauses vorgegeben. Und das bedeutet: Wer viel spart, kann viel verdienen.

Die Relevanz

Während Krankenhäuser früher ähnlich wie Hotels bezahlt wurden (nämlich nach der Verweildauer der Patienten), erhalten Spitäler seit einigen Jahren nur noch Fixpreise für stationäre Behandlungen. Ein Leistenbruch bringt den Betrag x, ein neues Hüftgelenk den Betrag y – unabhängig davon, wie lange der Patient im Krankenhaus bleiben muss.

Die Folge: Je länger ein Patient das Klinikbett hüten muss, desto höher ist das Risiko, dass das Krankenhaus mit der Behandlung draufzahlt. Keineswegs eine seltene Konstellation: Ungezählte Häuser in Deutschland arbeiten nicht mehr kostendeckend. Experten warnen bereits vor einem flächendeckenden Kliniksterben.

Im vergangenen Jahr prognostizierte das Forschungsinstitut RWI in seinem „Krankenhaus Rating Report: Bis 2020 könnten etwa zehn Prozent der Häuser aus dem Markt ausscheiden. Angesichts solcher Zahlen ist es nicht verwunderlich, dass Klinikchefs vermehrt dazu übergehen, die Ärzteschaft aufs Sparen einzuschwören.

Wichtigster Anreiz: die neuen Vergütungssysteme. „Seit 1995 hat sich die Verbreitung von Bonusvereinbarungen von etwa fünf Prozent auf inzwischen fast 45 Prozent bei Neuverträgen erhöht“, sagt Jürgen Schoder, Vergütungsexperte des Beratungsunternehmens Kienbaum in Gummersbach. Tendenz steigend.

Kommentare zu " Streitfall II: Wenn der Arzt zu sehr an Profit denkt"

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  • Es gibt gute und schlechte Ärzte und es gibt gute un schlechte alternative Heiler - ich habe das selber erlebt.
    Leider weiß man immer erst hinterher wer gut oder wer nicht gut ist. Ich kann die Kinesiologie nur jedem empfehlen wer mit der Schulmedizin nicht weiterkommt. Man sollte wissen, das der Einfluß der Psyche sehr viel größer ist, als im allgemeinen angenommen wird.

  • Das sehe ich anders:

    Hier liegt ein eindeutiger Zielkonflikt vor: Sparen vs Qualität. Hierbei wird Sparen immer gewinnen, denn die Qualität ist kaum messbar. Und wer soll sie kontrollieren? Nur die gravierendsten Fälle kommen ans Tageslicht.

    Wer weiß schon wieviele Menschen gestorben sind, weil die Behandlung durch den Arzt, der mittlerweile seit 16 Stunden auf den Beinen ist, "suboptimal" war?

  • Nein! Nicht vor den Ärzten - das sind weit überwiegend hart arbeitende Menschen.

    Gott befreie uns von den nichtsnutzigen, korrupten Politikern!

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