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Was Satire darf – und was nicht

Schon der Schriftsteller Kurt Tucholsky hat sich vor 90 Jahren mit Satire auseinandergesetzt und befunden, dass Satire ihrem Wesen nach ungerecht ist. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch was darf Satire - und was nicht? Worauf Werber und Berichterstatter in puncto Satire achten müssen.

HB. Angela Merkel stehen die Haare wild zu Berge. "Lust auf eine neue Frisur?", titelte der Autoverleiher Sixt dazu großflächig auf Werbeplakaten. Das war 2001, als sie noch nicht Kanzlerin war, wohl aber CDU-Chefin und als Kandidatin für das Amt im Gespräch. Struwwel-Angela reagierte cool. Statt einer Abmahnung nahm sie die Aufforderung "Mieten Sie sich ein Cabrio" an, kommentierte die Sturmfrisur als interessante Idee für ein neues Styling - und die Werbebranche feierte die Anzeigen als Glanzlichter.

Ein Verstoß gegen Persönlichkeitsrechte? Frau Merkel wurde vor Veröffentlichung der bundesweit plakatierten Anzeigen nicht gefragt. Andere Werbeopfer reagieren empfindlicher: Prinz Ernst August von Hannover und Dieter Bohlen klagten gegen die Zigarettenmarke "Lucky Strike" auf Schadensersatz. "War das Ernst? Oder August?", hieß es etwa auf einem Werbeplakat über einer zerdrückten Zigarettenschachtel. Die Werbung des Tabakkonzerns British American Tobacco spielte auf Prügeleien des Kaiser-Urenkels an, die in der Presse großen Wirbel verursacht hatten. Eine andere Anzeige zeigte zwei Zigarettenschachteln und einen schwarzen Filzstift; darunter stand: "Schau mal, lieber Dieter, so einfach schreibt man super Bücher." Die Wörter "lieber", "einfach" und "super" waren geschwärzt, aber lesbar - eine Anspielung auf Bohlens Buch "Hinter den Kulissen", das nach Richtersprüchen nur mit geschwärzten Textpassagen vertrieben werden durfte.

Meinungsfreiheit hat Vorrang.

Das war beiden Prominenten zu viel der Bosheit. Doch die Karlsruher Bundesrichter hatten für ihre Forderungen nach Schadensersatz kein Verständnis. Hamburger Gerichte hatten ihnen zwar jeweils eine fünfstellige Summe zugesprochen, doch der Bundesgerichtshof wies die Klagen ab. Tenor der Urteilsbegründungen: Meinungsfreiheit hat Vorrang. Die Anzeigen setzten sich satirisch mit öffentlich interessanten Tagesereignissen auseinander.

Satire darf alles, urteilte schon Kurt Tucholsky vor 90 Jahren. Für den Schriftsteller mit bekannt spitzer Feder war klar, "die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten."

Feinsinnig, aktuell, nicht plump.

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