Abschaffung von Steuerprivilegien
Der böse Wolf und das liebe Geld

Aufruhr in Londons Finanzdistrikt: Der Finanzminister Alistair Darling will den reichen Ausländern ihre Steuerprivilegien nehmen. Tausende der Wahl-Londoner sitzen deshalb auf gepackten Koffern. Ihr möglicher Exodus könnte für die Metropole unter dem Strich schwerer wiegen als mögliche Steuermehreinnahmen.

LONDON. Für einen Mann seines Ranges pflegt David Lewis ein recht ungewöhnliches Hobby: die Schafzucht. Der elegante Brite bekleidet derzeit den Posten des Right Honourable Lord Mayor of London, ein Amt, das so alt ist, dass viele Adelsgeschlechter dagegen neureich wirken - immerhin trat der erste Lord Mayor bereits im Jahr 1189 sein Amt an. Aber Lewis lässt sich so viel ehrwürdige Tradition nicht zu Kopf steigen, er pflegt das Erbe seiner walisischen Ahnen, die ihr Geld mit der Aufzucht von Schafen verdienten, und so weiß der Lord Mayor nicht nur mit den jahrhundertealten Insignien seines Amtes umzugehen, sondern auch mit der Schermaschine.

Echte Macht haben Lewis und seine Kollegen schon lange nicht mehr; heute regiert der Lord Mayor nur noch über die City of London, jene Quadratmeile der Metropole, in der sich die Geldbranche ballt. Aber diese Quadratmeile erwirtschaftet immerhin zwei Prozent der britischen Wirtschaftsleistung und hält über 340 000 Menschen in Lohn und Brot - Lewis? Schäfchen sozusagen. Und derzeit macht sich der Lord Mayor große Sorgen, dass sich seine geliebte Herde in alle Winde zerstreut.

Nicht nur Lewis fürchtet, dass der City ein Exodus der hellsten und reichsten Köpfe droht, und dass das Londoner Finanzzentrum den gerade erst herausgeholten Vorsprung gegenüber dem Erzkonkurrenten New York leichtfertig verspielt.

Der böse Wolf in diesem Stück heißt Alistair Darling, seines Zeichens Finanzminister. Darlings finsterer Plan: Er will die Steuerprivilegien für die sogenannten Non-Doms abschaffen, also für jene Ausländer, die oft schon seit Jahren in London leben, aber von lukrativen Privilegien bei der Versteuerung von Off-Shore-Vermögen profitieren. In den fernen Zeiten des Empires hatte die Regelung den Kolonialbeamten den Aufenthalt in der Hauptstadt ermöglicht. Heute macht er London zu einer Steueroase wie die Bermudas oder die Cayman Islands.

Zwar ist die britische Einkommensteuer mit einem Spitzensatz von 40 Prozent nicht unbedingt attraktiv, aber Neuankömmlingen winken enorme Vorteile, die Banker genauso anlocken wie russische Oligarchen, saudiarabische Ölprinzen, Popstars und prominente Sportler. Ihr Privileg ist der "Non-Dom-Status", der besagt, dass Ausländer, die im Vereinigten Königreich leben nicht unbedingt auch steuerlich dort ansässig sind. Sie müssen nur Einkünfte versteuern, die auch offiziell nach Großbritannien transferiert werden. Wird zum Beispiel ein Teil oder das gesamte Gehalt vom Arbeitgeber in eine Steueroase wie die Inseln Guernsey oder Jersey im Ärmelkanal überwiesen, lassen sich massiv Steuern sparen - ganz legal.

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