Anzeigen beim Finanzamt
Die Denunzianten gehen um

Zehn Anzeigen pro Tag sind in einem deutschen Finanzamt keine Seltenheit mehr. Immer öfter schwärzen Bürger ihre Vorgesetzten, Verwandten oder Bekannten bei der Steuerfahndung an. Und es sind nicht nur Rachegelüste, die sie antreiben.
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Ein paar Hundert Euro sparen, mehr wollte der finanziell leicht lädierte Käufer einer Eigentumswohnung im Ruhrgebiet ja gar nicht. Doch während er sich noch nichtsahnend auf den Einzug freute, wusste die Steuerfahndung längst von seinem illegalen Spartrick. In der Nachbarschaft lasse gerade jemand seine Wohnung "von einem jungen Mann komplett in Schwarzarbeit umbauen", hieß es in einem Brief an die Beamten, kaum waren die Tapeten abgezogen. Name, Adresse und sogar Autokennzeichen lieferte der Tippgeber gleich mit, schwarz auf weiß. "Wenn Sie noch mehr wissen wollen, klingeln Sie einfach bei der Wohnung nebenan."

Auf der einen Seite sorgt die Regierung dafür, dass Finanzbeamten ständig neue Quellen offen stehen; so erhält jeder Deutsche eine lebenslängliche "Steuer-Identifikationsnummer". Und auf der anderen Seite sind es die Bürger selbst, die Steuerfahnder mit wachsendem Eifer unterstützen. Doch was treibt die Tippgeber? Nicht immer ist es der innige Wunsch nach Rache für vermeintlich erlittene Schmach. "Viele schreiben uns, dass sie Steuerhinterziehung nicht mehr tolerieren wollen", berichtet Hesse. Eine Begründung, die früher "wesentlich seltener" aufgetaucht sei.

"Wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir nicht mehr wegsehen können", schreibt etwa einer und meint einen trotz Insolvenz schwarz arbeitenden Unternehmer. "Wo bleibt die Gerechtigkeit?" Ehrliche Bürger müssten "auf jeden Cent ihre Steuern zahlen"; er hoffe, dass "solchen Sozialschmarotzern das Handwerk gelegt" werde. Drastischer drückt es dieser Tippgeber aus: Er fühle sich "als ehrlicher deutscher Steuerzahler verarscht", weil ein Bekannter seinen Sportwagen im Ausland angemeldet hat, so Kfz-Steuer spare und "damit noch prahlt".

Sicher: Mancher verschleiert, dass ihn der blanke Neid antreibt oder er einen Konkurrenten ausbremsen will. Doch Umfragen bestätigen, dass die Toleranz der Deutschen gegenüber Steuerhinterziehern gesunken ist. So fordern inzwischen 66 Prozent, strenger gegen Hinterzieher vorzugehen - 2002 waren es lediglich 52 Prozent.

Heißt das, dass die Deutschen binnen weniger Jahre vorbildliche Staatsbürger geworden sind, die bereitwillig Steuern zahlen? "Ich glaube nicht, dass die sinkende Toleranz gegenüber Steuerhinterziehern auf eine bessere Steuermoral zurückzuführen ist", sagt Dieter Frey, Professor für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Aus seiner Sicht entscheidend: Nahezu jeder dritte Deutsche fühlt sich als Verlierer der Globalisierung. Wenn Sozialleistungen und Steuervorteile gekürzt würden, sinke "die Bereitschaft zuzuschauen, wie andere sich auf Staatskosten bereichern, etwa indem sie keine Steuern zahlen", so Frey. Viele hätten das Gefühl, dass die Ehrlichen die Dummen seien; Steuerhinterzieher anzuzeigen diene dann als Instrument zur "Wiederherstellung von Gerechtigkeit".

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