Beruf und Erfolg
Sonnige Zeiten für Wirtschaftsprüfer

Die Wirtschaftsprüfer profitieren von einem Skandal, den sie selbst ausgelöst haben. Die Branche boomt wie nie.

Die Pleite des Energieriesen Enron lastete lange auf dem Berufsstand der Wirtschaftsprüfer. Bilanzprüfer der Beratergesellschaft Andersen schönten damals Enrons Zahlen und jagten Beweise durch den Reißwolf. Anfang 2002 flog das Getrickse auf. Und ausgerechnet dieser Fall, der das Ansehen der ganzen Zunft massiv beschädigte, beschert ihr heute indirekt einen neuen Höhenflug. Verschärfte Bilanzierungsregeln, aufgesetzt infolge des Skandals, zwingen Wirtschaftsprüfer heute weltweit zu mehr Sorgfalt bei der Rechnungslegung. Der Beratungsbedarf wächst - und mit ihm die Branche.

Die Zeiten für Wirtschaftsprüfer sind sonnig. Allein die deutschen "Big Four" PriceWaterhouseCoopers, KPMG, Ernst & Young und Deloitte & Touche, die sich Schätzungen zufolge etwa 60 Prozent des Marktes teilen, verzeichneten zuletzt fast zweistellige Umsatzzuwächse. Jetzt buhlen sie an den Hochschulen um Nachwuchs für tausende neuer Stellen. Rund 12 600 Wirtschaftsprüfer gibt es zurzeit in Deutschland - ein kleiner Markt. Im Vergleich zu den Steuerberatern ist er zudem konzentrierter. Nur knapp die Hälfte der Prüfer ist selbstständig tätig. Denn weil ihre Mandanten traditionell größere Unternehmen sind, treten Wirtschaftsprüfer gern mit geballter Expertise auf. Um 49,6 Prozent, überproportional stark, ist die Zahl der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften seit 1995 gewachsen.

So komplex ist das internationale Bilanzierungsrecht inzwischen, dass zunehmend Spezialisten gefragt sind, um die Qualität aufrechtzuerhalten und Haftungsprobleme zu vermeiden. Bisher hatten vor allem die Branchenriesen für jede erdenkliche Geschäftsnische Experten eingestellt.

Nun folgen immer mehr kleine und mittelgroße Prüfungsgesellschaften ihrem Beispiel.

"Die Anforderungen sind extrem gewachsen, Generalisten haben es zunehmend schwerer", bestätigt Wirtschaftsprüfer Dirk Bottermann, einer von 17 Partnern der BPG Beratergruppe. Die mittelständische Gesellschaft macht vor, wie sich künftig wohl immer mehr Freiberufler der Finanzbranche organisieren werden.

Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, Betriebswirte, Informatiker und Rechtsanwälte arbeiten unter einem Dach. Beraten, prüfen, gestalten - so firmiert die BPG. Und es ist kein Zufall, dass die Beratungsleistung an erster Stelle steht. Sie gilt als hoch lukratives und zukunftsträchtiges Metier. Große Hoffnungen setzt die Branche etwa in Fusionsgeschäfte: "Bei Transaktionen liegt das größte Potenzial, der Markt ist so virulent wie nie", sagt Herbert Müller, Vorstandsvorsitzender von Ernst & Young. Auch die Beratung von Kommunen, die im Zuge einer Mammutreform ihre Haushalte umkrempeln, birgt neue Verdienstchancen.

Schleichend hat sich das Tätigkeitsprofil der Wirtschaftsprüfer verändert.

Der wachsende Preisdruck im Kerngeschäft der Buchprüfung treibt sie in den Wettbewerb mit klassischen Unternehmensberatern. Das Herzstück ihrer Arbeit, das Testieren von Bilanzen, hat längst den Rang von Stempelkleben beim TÜV. Kaum ein Unternehmen ist bereit, für diese Standards viel zu bezahlen. "Hier wird rationalisiert und nur noch das gemacht, was unbedingt erforderlich ist, um ein Testat zu erteilen", sagt Dieter Ulrich, Präsident der Wirtschaftsprüferkammer.

Das Brot-und-Butter-Geschäft der Wirtschaftsprüfer verliert auch deshalb seinen Reiz, weil es mit immer härteren Auflagen verbunden ist. Wer gesetzlich vorgeschriebene Jahresabschlussprüfungen vornehmen will, muss sich seit Kurzem regelmäßig einer Qualitätskontrolle unterziehen. Dabei müssen Prüfer etwa belegen, dass sie passende Musterbriefe verwenden oder Rechnungen ordnungsgemäß durchnummerieren - eine Riesenbelastung für kleinere Betriebe. Sie empfinden die neuen Vorschriften als Ausgeburt staatlicher Regelungswut, die mehr kostet als nützt, und ziehen sich ganz aus dem Pflichtprüfgeschäft zurück.

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