Berufsbild stark strapaziert
Anwälte auf Orientierungssuche

Die deutsche Anwaltschaft hat in diesem Jahr die magische Grenze von 150 000 zugelassenen Rechtsanwälten überschritten. Längst nicht mehr jeder Anwalt betätigt sich heute als unabhängiger Rechtsberater. Gleichzeitig wachsen die Unterschiede unter den Sozietäten. Die Rechtsanwaltskammern müssen immer größer werdende Gegensätze zwischen ihren Mitgliedern überbrücken.

BERLIN. Immerhin herrscht beim Gehalt vergleichsweise eitel Sonnenschein. Die durchschnittlichen Einkommen der Anwälte steigen langsam weiter, und der durch das Rechtsdienstleistungsgesetz eingeläutete Wettbewerb hat erst eine kleine Bresche in das faktische Rechtsanwaltsmonopol schlagen können.

Anlässlich ihres 50. Jubiläums veröffentlichte die Bundesrechtsanwaltskammer vor kurzem einige neue Zahlen zur Lage der Anwaltschaft. Waren 1989 noch 54 108 Anwälte zugelassen, registriert die Dachorganisation der Rechtsanwaltskammern heute 150 377 Anwälte und einen immer größer werdenden Anteil von Rechtsanwältinnen. Die Wachstumskurve ist in den letzten Jahren allerdings flacher geworden. Während der Boomphase Mitte der 90er-Jahre wuchs die Zahl der Advokaten jährlich um bis zu 14 Prozent. Gegenwärtig beschränkt sich das Wachstum auf 4,5 Prozent, und die Tendenz ist durch die studentenschwachen Jahrgänge weiter abflachend. In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg ergibt der Saldo von Abgängen und Neuzulassungen sogar ein Minus der Kammermitglieder. Rechtsanwälte schlagen sich in solchen strukturschwachen Regionen also nicht besser als andere spezialisierte Berufe.

Das Ende des Wachstums ist aber nicht nur in quantitativer Hinsicht absehbar. Die 50 000 Anwälte von 1989 praktizierten noch fast ausschließlich unabhängig rechtsberatend. Heute geht BRAK-Präsident Axel C. Filges von 15 000 Syndikusanwälten in Unternehmen und sogar 35 000 Teilzeit- und Durchgangsanwälten aus. Die Mitgliedschaft in einer Rechtsanwaltskammer bietet auch Journalisten, Beratern oder selbst Politikern eine gute berufsständige Organisation und die Mitgliedschaft in den Versorgungswerken der Anwaltschaft.

Darüber wird das alte Berufsbild vom Organ der Rechtspflege immer stärker strapaziert. Die BRAK muss heute sehr viele unterschiedliche Interessen gleichzeitig vertreten. Denn es sammeln sich nicht nur immer mehr freie Anwälte unter den Dächern der Kammern. Die Unterschiede zwischen Feld, Wald und Wiese, den Bürotürmen der Großkanzleien, den Villen der spezialisierten Anwaltsboutiquen und den manchmal schmucklosen Bürogebäuden der regional verwurzelten Sozietäten sind weiter angestiegen. Die BRAK versucht, die Differenzen unter dem Überbau einer gemeinsamen Ethik zusammenzubinden. "Unser Beruf ist kein eigennütziger Beruf, er ist ein dienender Beruf und damit Moral und Ethik verpflichtet", erklärt BRAK-Präsident Filge.

Bei konkreten Streitthemen wie der Liberalisierung des Berufsstands oder der Weiterentwicklung der Fachanwälte gibt es aber Konflikte. Derzeit sind rund 36 000 Fachanwaltstitel verliehen, viele davon mehrfach. Vor zehn Jahren waren es gerade einmal 9 400 Titel. Ein Anwalt kann derzeit drei Fachanwaltstitel tragen. Das sorgt für Zündstoff in der heftig geführten Qualitätsdebatte innerhalb der Anwaltschaft. Ein Antrag, die Zahl der jährlichen Fortbildungsstunden von zehn auf 15 zu erhöhen, ist auf der Satzungsversammlung nach Auskunft der BRAK "knapp gescheitert". Filges kündigte aber weitere Diskussionen über die Weiterentwicklung des Fachanwalts an, denn "Fachanwälte verdienen mehr", so Filges.

Gleichzeitig gelingt es den Kammern, den Markt gegen Wettbewerber zu verteidigen. Zwar ist das Rechtsberatungsmonopol mit dem Rechtsdienstleistungsgesetz (RDG) offiziell gefallen. Sowohl BRAK als auch Deutscher Anwaltsverein ziehen aber entspannt Bilanz. Der DAV berichtet über etwas "mehr Wettbewerb durch Unfallregulierer und Versicherungen". Laut einer Studie des Soldan Instituts spüren über drei Viertel der Anwälte jedoch keine Zunahme des Wettbewerbs. Betroffen ist vorwiegend das Segment der anwaltlichen Generalisten mit vielen privaten Mandanten. Sie berichten über eine zunehmende Konkurrenz durch KfZ-Versicherungen, Werkstätten und Autohäuser im Straßenverkehrsrecht. Dass dies seltene Fälle sind, bestätigt auch die Rechtsanwaltskammer Köln. Sie führt in ihrem Bezirk derzeit gerade einmal zehn Streitigkeiten wegen Verstößen gegen das RDG. Auch die BRAK sieht, dass der erwartete Druck unerwartet schwach geblieben ist. Die gesetzlichen Hürden beim RDG liegen aus Sicht der BRAK immer noch hoch. Filges warnt jedoch vor zu viel Zufriedenheit. "Wir müssen besser sein als andere rechtsberatenden Berufe", lautet das Credo des Präsidenten.

Dabei geht es den Anwälten in Deutschland immer noch gut. In den letzten aktuellen Zahlen sind die durchschnittlichen Umsätze pro Anwalt nochmals leicht auf rund 96 500 Euro gestiegen (2005). Die Schreckgespenster der Anwaltsinsolvenz und des taxifahrenden Rechtsanwalts tauchen zwar hier und dort in einzelnen Kammerbezirken auf. Insgesamt ist die Drohung der anwaltlichen Insolvenz aber blass geblieben. An der Rechtsanwaltskammer München mit ihren rund 19 000 Mitgliedern sind derzeit gerade neunzehn teils mehrjährige Verfahren anhängig, weil Anwälten der Entzug der Zulassung wegen Vermögensverfalls droht. Auffällig sei aber, dass gerade Berufseinsteigern der Sprung in die Selbstständigkeit schwerer als früher falle, so Filges. Die Praxis der Kreditvergabe für Berufsanfänger habe sich nach Beobachtung der BRAK aber verschlechtert. Das ist eine der wenigen dunklen Wolken, die das derzeitige Wetter trüben könnten.

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