Der Chef der Steuerfahndung erzählt
„Wir machen auch Hausbesuche“

Max Rau (57), ein freundlicher Kölner, verteilt gern Kugelschreiber. Auf denen steht: "Wir machen auch Hausbesuche." Auf diese Besucher wartet allerdings niemand. Dreht man nämlich den Kugelschreiber etwas weiter, liest man einen zweiten Aufdruck: "Steuerfahndung Köln".

HB KÖLN. Der leitende Regierungsdirektor Rau ist Chef der Kölner Steuerfahndung. "Ein spannender, hochinteressanter Beruf", sagt er. "Man steht im prallen Leben." Natürlich wusste er am vergangenen Donnerstag vor dem Zugriff auf den mittlerweile abgelösten Postchef Klaus Zumwinkel, dass ein großer Schlag vorbereitet wurde. Aber Leute wie er sind verschwiegen. "Ich habe auch der geschätzten Gattin nichts gesagt", schmunzelt er. Raus Büro liegt im obersten Stockwerk eines alten Hochhauses zwischen Bahntrasse und Gewerbegebiet. Hier forscht und ermittelt er mit 150 Kollegen, davon 90 Fahndern. Er schätzt: Jeder Fahnder holt im Jahresdurchschnitt eine Million Euro an hinterzogenen Steuern wieder rein.

"Es kommt nur ganz selten vor, dass wir am Ende mit leeren Händen dastehen", sagt sein Kollege Gotthard Kunisch (51), der unter anderem für organisierte Kriminalität zuständig ist. Und noch nie sei es in Raus Amtszeit vorgekommen, dass die Fahnder nach einer Razzia von einem Richter zurückgepfiffen wurden. "Das ist ja alles sehr sensibel", sagt Rau. "Blauäugig in eine solche Sache reinzumarschieren, das können wir uns nicht leisten."

Behördenleiter wie er verfügen über eine ungewöhnliche Machtfülle. Im Grunde ist er Polizeipräsident und leitender Oberstaatsanwalt in einer Person, denn er leitet einerseits die Ermittlungen, kann aber auch einen Strafbefehl beantragen. Experten haben schon einmal überprüft, ob das überhaupt verfassungskonform ist. "Das Ergebnis war: Jawohl, ist es", betont Rau.

Nach seiner Schätzung verliert der deutsche Staat durch Steuerhinterziehung jedes Jahr Milliardenbeträge in zweistelliger Höhe. "Unser Steuersystem ist leider betrugsanfällig", seufzt er. "Wir können nur immer wieder stören." Die Tipps kommen am Anfang oft von der Polizei oder von den Finanzämtern. Aber es gehen auch jeden Tag zehn bis 15 Anzeigen an. Absender sind enttäuschte Ehefrauen, gefeuerte Angestellte, neidische Kollegen. Ab und zu meldet sich sogar ein reuiger Sünder per Selbstanzeige, was unter bestimmten Voraussetzungen zu völliger Straffreiheit führt.

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